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Buch: Der Gesundheits-Affront

Zugegeben: Gesundheitspolitik und die zigste Gesundheitsreform sind schon für sich Reizworte, die eigentlich dem Deutschen nur eines signalisieren: weniger Arzt, mehr Geld. Dass beides allerdings auch Thema einer durchaus intellektuell vergnüglichen Lektüre werden kann, beweist Carlos A. Gebauer in seinem Büchlein „Der Gesundheits-Affront“.

Das Buch ist kein Ratgeber, der Leser weiß hinterher auch nicht, wie er sich durch den Dschungel des Gesundheitswirrwarrs schlagen kann. Aber das ist auch nicht Gebauers Ziel. Nichts weniger als ein „Plädoyer für die Entpolitisierung unserer Gesellschaft und gegen die staatliche Industrialisierung der Medizin“ hält der Düsseldorfer Rechtsanwalt auf knapp 180 Seiten. Und das wie immer mit spitzer Feder und briliant-scharfen Analysen, die an der Wurzel dessen nagen, was dem Patienten und seinem Arzt heute das Leben so schwer macht.

Allein wie Gebauer all die Sprachmonstren filettiert, an die wir uns schon so gewöhnt haben, hat etwas den Geist Befreiendes. Gesundheitsreform, Vertragsarzt, Krankenkasse – alles Begriffe, die wir benutzen, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich ausdrücken. Häufig nämlich gerade nicht das, was sie suggerieren sollen. In seiner typischen Art greift Gebauer die ganze Misere der Fehlkonstruktion des deutschen Gesundheitswesens anhand etwa dieser Wortbeispiele auf. Der Reiz des Buches liegt in der Einfachheit der Beispiele – die dann mit scharfsinnigem juristischen Sachverstand in ihre Einzelteile zerlegt werden. Der Irrsinn des Systems wird so besonders deutlich.

Zur Gesundheitsreform („lässt sich Gesundheit überhaupt reformieren?“) stellt Gebauer lakonisch fest: Eine Reform ist eine grundlegende Veränderung von Rahmenbedingungen. Nun haben wir fast gesetzmäßig mit jeder neuen Regierung mindestens eine Gesundheitsreform. Richtig aber ist, dass es immer nur um eine Reform der Reform der Reform ging, es sich also um „Maßnahmen an einem Regierungs- und Verwaltungssystem gehandelt hat, das sich darauf bezieht, das bestehende System irgendwie im Gleichgewicht zu halten.“ Der Erfolg – das ist Geschichte – war mehr als bescheiden. Nichts wurde besser, vieles schlechter und teurer. Deshalb schlussfolgert Gebauer: „Angenommen, bei Ihnen zu Hause hätte im Jahre 1975 (dem Zeitpunkt der letzten wirklich grundlegenden Reform im Gesundheitswesen) ein Wasserhahn das Tropfen begonnen. Wie lange (und wie oft) hätten Sie wohl – nach wiederholten Reperatur-Fehlversuchen – die augenscheinlich abdichtungsunfähigen Klempner ein und derselben Firma wieder bestellt (und bezahlt)? Einen Monat? Ein Jahr? Fünf? Zehn, zwanzig, dreißig Jahre? Zur Tropfendämmung im Wasserhahnwesen?“

Sicher nicht. Und es gelingt Gebauer einfach hervorragend, mit seinem Buch darzulegen, dass eine Reparatur im Gesundheitswesen auch nicht gelingen kann. Sein Plädoyer für ein völlig anderes, freieres und deshalb trotzdem nicht minder gerechtes Gesundheitssystem sollte Pflichtlektüre für alle werden, die nicht nur über Missstände wie „Praxisgebühr“ oder „Fünf-Minuten-Medizin“ am Stammtisch lamentieren, sondern sich fundiert mit einer Alternative beschäftigen wollen.

Das Buch besteht aus Reden und Aufsätzen Gebauers, die der gefragte Referent auf verschiedenen Fachtagungen hielt. Da darf natürlich auch der absolute Klassiker nicht fehlen: „Lenin und der Kassenarzt“. Darin entwirft der Jurist die erschreckende Parallele zwischen dem sogenannten deutschen „Sachleistungssystem“ und der Idee Lenins, das Geld abzuschaffen und alle Güter nur noch einzusammeln und neu zu verteilen. Wer jetzt erst mal tief durchatmen muss, der darf das. Gebauer nimmt sich über 20 Seiten genussvoll Zeit, diesen gedanklichen Parforceritt zu unternehmen. Es ist leicht, ihm zu folgen.


Carlos A. Gebauer: Der Gesundheits-Affront. Lichtschlag Verlag 2009, 19,90 Euro.




Carlos A. Gebauer
Carlos A. Gebauer ist seit 1994 freiberuflicher Rechtsanwalt in Duisburg, seit 2003 Richter am Anwaltsgericht der Anwaltskammer Düsseldorf. Ein größeres Publikum lernte ihn seit 2002 in der RTL-Sendung „Das Strafgericht“ kennen.

Di, 04.05.2010 12:25 / Gaby Guzek / April - Juni 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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