Politiker beschreiben unser Gesundheitswesen immer wieder als „das beste der Welt“. Zugleich aber jagt eine Reparaturreform die nächste, die Regeln für sämtliche Beteiligte ändern sich geradezu ununterbrochen und in der Versorgung läuft längst nicht alles rund. Was also, fragt der kritische Bürger, ist richtig?
Die Hamburger Bestsellerautorin Gaby Guzek hat sich dieser Frage angenommen. Sie beleuchtet das deutsche Gesundheitswesen aus einer anderen, bislang wenig erhellten Perspektive. Wenn nämlich die Medien über Skandale aus dem System berichten, geht es bislang meist um Ärzte, die einzeln oder in Gruppen betrügerisch abrechnen. Guzek hingegen wagt den Blick aus der Gegenperspektive.
In akribischer Kleinarbeit hat sie Fakten um Fakten zusammengetragen, die von unserem gesundheitssystematischen Großchaos berichten. Der Patient darin ist „verraten und verkauft“. Denn über Art, Ausmaß und Umfang der Behandlung der Patienten bestimmten nicht mehr Ärzte und Krankenhäuser, sondern längst eine Zusammenballung aus Politik und Behörden, ein Konglomerat aus Macht- und Behördeninteressen.
Das Buch spricht folgerichtig den Patienten an, ist lebendig geschrieben und daher hervorragend lesbar. Es erläutert zuerst die elementaren Grundbegriffe der deutschen Medizin-Planwirtschaft. Hier erfährt der Patient, welche Entscheider anstelle des Arztes über sein gesundheitliches Schicksal befinden. Was jeder schon aus eigener Erfahrung ahnte: Der eigene Arzt wird gesundheitspolitisch missbraucht, um „Sparkommissar“ für eine verfehlte Struktur zu sein.
Mit den Stimmen der persönlich Betroffenen zeigt Guzek, wie die verfehlte Politik die Ärzte selbst Stück für Stück aus ihrem Beruf drängt. Einige geben ihre Tätigkeit auf, andere flüchten rund um den Globus in das Ausland, wo sie noch unter erträglichen Bedingungen arbeiten können. Hier kommen sie zu Wort und erklären, warum sie gehen. Sie machen verständlich, warum sie gehen mussten. Ihnen blieb keine Wahl.
Bürokratieexzesse, Sparwahnsinn und Versorgungsnöte gipfeln in einer schlichten Tatsache, die in der Alltagspresse bislang übersehen wird: Ein Arzt verdient mit seiner Arbeit praktisch kaum noch etwas. Eine hausärztliche Beratung kostet weniger als eine Kinokarte, ein Ölwechsel in der Discountwerkstatt noch immer doppelt so viel wie eine Enddarmspiegelung. Wie könnte all dies die Basis sein für die „beste medizinische Versorgung“?
„Was tun?“, fragt die Autorin. Ihre kurze, aber wohl einzig überzeugende Antwort lautet, dass wir nicht mehr in breiter Front blind darauf vertrauen dürfen, alles werde schon irgendwie seine Richtigkeit haben und zuletzt werde alles gut. Nein, nichts wird gut, wenn es so weitergeht, wie bisher. „Was mich stört“, schreibt Guzek, „ist der Zwang, Teil eines Gesundheitssystems sein zu müssen.“ Vielleicht wird es Zeit, dass Bürger – gemeinsam mit kritischen Journalisten – sich diese Wahlfreiheit als mündige Verbraucher wieder erkämpfen. Das wäre gesund.
Gaby Guzek: Patient in Deutschland. Verraten und verkauft. 14,80 Euro.
Carlos A. Gebauer ist seit 1994 freiberuflicher Rechtsanwalt in Duisburg, seit 2003 Richter am Anwaltsgericht der Anwaltskammer Düsseldorf. Ein größeres Publikum lernte ihn seit 2002 in der RTL-Sendung „Das Strafgericht“ kennen. Gebauer veröffentlichte immer wieder kritische Artikel zur Gesundheitspolitik, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. |