 Quelle: www.sicko.senator.de |
Neu im DVD-Regal
Mit seinem neuen Film „Sicko“ knöpft sich der streitlustige Dokumentarfilmer Michael Moore das amerikanische Gesundheitssystem vor. Doch aufgepasst: Vorbei die Zeiten, in denen wir Deutschen uns bei seinen früheren Streifen wie etwa „Bowling for Columbine“ genüsslich gruselnd zurücklehnen und gedanklich mit dem nackten Finger auf „die spinnerten Amis“ zeigen durften. Moore zeigt die Fratze eines auf Profit getrimmten Gesundheitssystems, von dem Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt schwärmte, man könne von den Amerikanern noch einiges lernen.
Bleibt die Frage, was sie meint. Moore jedenfalls zeigt einen Mann, der sich seine Krankenversicherung nicht mehr leisten kann und deshalb selbst zum Nähzeug greift, um seine klaffende Beinwunde selbst zu flicken. Ein anderer hat zwei Finger verloren. Er hatte die Wahl: Lässt er sich für 60.000 US-Dollar den Mittelfinger wieder richten oder für 12.000 den Ringfinger?
Die ehemalige Angestellte eines privaten Krankenversicherers gesteht vor laufender Kamera unter Tränen, dass sie teure Hilfsleistungen ablehnte, um Prämien zu verdienen. Moores Fazit: Das amerikanische Gesundheitssystem lässt Menschen im Stich – egal ob krankenversichert oder nicht. Die Gewinner des Systems sind Großinvestoren, Krankenversicherungen und die Pharmaindustrie.
Moore erzählt von Amerika, ganz klar. Wer aber ein wenig weiterdenkt, dem schwant auch für Deutschland nichts Gutes: Viele ehemals öffentliche Krankenhäuser gehören heute börsennotierten Unternehmen wie Rhön-Klinken, Marseille oder Asklepios. Wie weit ist der Weg von Moores Beispiel-patienten, der nur mit dünnem Hemdchen bekleidet im Rollstuhl auf die Straße geschoben wird, weil er nicht mehr zahlen kann, bis zu uns? Auch hierzulande ist schon die Rede von „blutigen Entlassungen“ aus den Kliniken, damit die möglichst schnell ihre Betten für neue, Geld bringende Fälle freihaben.
Amerika ante portas, das ist auch heute bei uns schon Fakt: Der amerikanische Gesundheitsdienstleister Healthways hat sich im Herbst 2007 in Deutschland niedergelassen und einen Vertrag mit der DAK geschlossen. Er soll im Auftrag der Kasse chronisch Kranke „beraten“. Dazu setzen die Amerikaner weniger auf Ärzte: Die Arbeit sollen „speziell geschulte Schwestern“ übernehmen.
Das Bild, das Michael Moore mit „Sicko“ zeichnet, ist also auch für uns Deutsche ein beängstigendes Szenario. Der Stachel sitzt tief: Wenn es mit dem Ausverkauf des deutschen Gesundheitswesens weitergeht, kann es so auch bald bei uns aussehen. Selbst wenn Moores dokumentarische Methoden so einige Ansatzpunkte für Kritik bieten, ist sein aktueller Film Pflichtprogramm.
Die DVD ist ab Januar 2008 in Deutschland erhältlich. |