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Buch: Ware Gesundheit. Das Ende der klassischen Medizin.

© Verlag C.H. Beck
Seine These ist ebenso provokativ wie beunruhigend: „Erstmals in der Geschichte der Medizin ist der Kranke für die Volkswirtschaft ebenso wertvoll wie der Gesunde; vielleicht sogar noch wertvoller“, behauptet Prof. Paul Unschuld in seinem Buch „Ware Gesundheit. Das Ende der klassischen Medizin.“ Seiner Ansicht nach hat im deutschen Gesundheitssystem ein gewaltiger Umbruch stattgefunden. Die Rendite ist das, was heute zählt, die Solidarität rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Der Patient wird zum Kunden, der Arzt zum Dienstleister, Krankenkassen und Industrie halten zunehmend die Fäden in der Hand, beschreibt Unschuld die Folgen.

Durch seine messerscharfe Analyse öffnet der Autor dem Leser die Augen und bringt ihn dazu, so manche Entwicklung im heutigen Gesundheitssystem kritisch zu hinterfragen. Aktuelles Beispiel: die Einführung der neuen elektronischen Gesundheitskarte. Unschuld nennt sie einen „Patientenchip“, auf dem alle Medikamentenverschreibungen mit den persönlichen Daten und dem bisherigen Arzneikonsum des „Patienten-Kunden“ gespeichert seien.

Zentral verwaltet, würden diese Daten dann ihren ökonomischen und politischen Zweck erfüllen. „Die ökonomischen Nutznießer können diese Daten auswerten, um das pharmazeutische Marketing zu optimieren; die politischen Nutznießer erhalten mit diesen Daten ein bislang nicht gekanntes Machtmittel, das die Steuerung der Gesellschaft über die Schwächen eines jeden einzelnen Menschen erlaubt“, schreibt Unschuld. Er entlarvt die elektronische Gesundheitskarte also als Instrument der Politik und der Pharmaindustrie, Versichertendaten abrufen und sie für politische und ökonomische Zwecke nutzen zu können.  

Interessant auch die These des Autors zum Rollenwandel der Krankenkassen. Von reinen Verwaltungsbehörden hätten sie sich zu „eigenen Industrien mit weitgestreuter Produktpalette, einem Bedürfnis der Selbstdarstellung und ausgefeilten Marketingstrategien (...) gewandelt“ – und zwar mit dem Segen der Politik. Unschuld setzt noch einen drauf: Einen nicht unerheblichen Teil der Versichertenbeiträge würden die gesetzlichen Kassen für Eigeninteressen zurückbehalten. Die derzeitigen Milliardenreserven der gesetzlichen Krankenversicherung lassen grüßen.     

Und die Ärzte? Die werden nach Ansicht des Autors im heutigen profitorientierten Gesundheitssystem immer mehr entmündigt und zu Handlangern von Industrie und Kassen. „Ärztliche Kompetenz und Standesethik werden ökonomischen Zwängen untergeordnet“, schreibt Unschuld.

Einfache Lösungen hält der Autor übrigens nicht parat. Vielmehr stellt er nüchtern fest: „Aufzuhalten ist dieser Gang der Dinge nicht, da es keine politische Kraft und schon gar keine politische Partei gibt, die ein Interesse hätte, dem entgegenzuwirken.“ Das klingt zwar zunächst beunruhigend, zwingt den Leser aber auch, den Problemen unverwandt ins Auge zu schauen.


Paul U. Unschuld: Ware Gesundheit: Das Ende der klassischen Medizin. C.H. Beck 2011, 9,95 Euro.

Do, 24.05.2012 09:55 / Sarah Knoop / durchblick April–Juni 2012 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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