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Satte 250 Milliarden Euro groß ist der Finanzkuchen, der jedes Jahr im deutschen Gesundheitswesen neu verteilt wird. In unendlich vielen Kanälen verschwindet das Geld: Für Pillen, Ärzte, Krankenhäuser – und eine riesengroße Verwaltung, ein Dschungel aus Institutionen. Wer genauer verstehen will, wie das deutsche Gesundheits(un)wesen tickt, ist mit Hartmut Reiners Buch „Krank und pleite? Das deutsche Gesundheitssystem“ gar nicht schlecht bedient. Reiners kennt sich aus, war er doch viele Jahre Spitzenbeamter im Gesundheitssystem und unter anderem zuständig für den Gesundheitsfonds, den gigantischen Geldverschiebebahnhof zwischen den Krankenkassen.
In seinem Buch holt er zum großen Rundumschlag aus und erklärt seinen Lesern das deutsche Gesundheitssystem von der Pike auf. Kopfpauschale, Kostenexplosion, Krankenkassen – nichts schreckt den Leser mehr, hat er sich einmal Reiners anschauliche, wenn auch detailreiche Erläuterungen zu Gemüte geführt. Reichlich Antworten auch auf Fragen wie „Ist die moderne Medizin zu teuer? Bekommen wir in Zukunft noch alle nötigen medizinischen Leistungen? Haben wir eine 2-Klassen-Medizin?“.
Gleichzeitig fegt Reiners weit verbreitete Irrtümer weg: Wir haben kein zu teures Gesundheitswesen, wie immer wieder von Politikern behauptet. Vielmehr mangelt es an Einnahmen. Und ohnehin: Zahlen und Statistiken in den Zeitungen seien mit Vorsicht zu genießen. Die immer wieder bemühten „explodierenden Gesundheitskosten“ sind ein Paradebeispiel. Diese seien zwischen 1990 und heute kaum gestiegen, sagt Reiners. Legt man die Messlatte aber über einen längeren Zeitraum an, nämlich ab 1970, kommen schwindelerregende Zahlen raus. Der Grund: Krankenhäuser finanzieren sich nicht nur über die Krankenkassen. Viel Geld bekommen sie auch von den Ländern, Kommunen oder Städten, in denen sie stehen. Vor 1970 hatte man diese Kosten fein säuberlich getrennt von den Gesundheitsausgaben ausgewiesen. Danach wurden sie aber schlagartig mit einbezogen. Logisch, dass die „Ausgaben“ explodierten. So einfach ist es, angeblich unbestechliche Statistiken zu manipulieren.
Viel Zeit nimmt sich Reiners, Sinn und Unsinn der zahlreichen Gesundheitsreformen zu erklären, die er teilweise selbst mit begleitet hat. Seiner etwas gewagten Schlussfolgerung muss man nicht unbedingt zustimmen: Er meint, es sei sinnvoll, das Gesundheitssystem alle paar Jahre einmal umzukrempeln, damit es sich niemand darin zu bequem machen könne.
Am Ende der Lektüre wird der Leser deutlich mehr vom deutschen Gesundheitssystem verstehen und vielleicht noch mehr den Kopf darüber schütteln. Auf jeden Fall kann er sich dabei ertappen, wie oft man scheinbaren Gewissheiten auf den Leim geht. Krank und pleite – das gilt jedenfalls laut Reiners nicht für das deutsche Gesundheitssystem.
Hartmut Reiners war zwischen 1992 und 2010 Referatsleiter Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie (MAGS) des Landes Brandenburg; zuvor in gleicher Funktion im MAGS Nordrhein-Westfalen. In dieser Eigenschaft war er an der Erarbeitung aller GKV-Reformgesetze seit 1988 beteiligt. Von Juli 1987 bis Februar 1990 war er als Sachverständiger Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestags „Strukturreform der gesetzlichen Krankenversicherung“.
Hartmut Reiners: „Krank und pleite? Das deutsche Gesundheitssystem“, Suhrkamp medizinHuman 2011, 8,95 Euro.
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