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| Bewertungsportal - Deutschland sucht den Superarzt |
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 Bildquelle/Kollage: Stefan Rajewski/Fotolia.com, iofoto/Fotolia.com | Als die AOK im Juni 2009 erstmals laut über das Bewertungsportal nachdachte, löste sie bereits einen Sturm der Entrüstung aus. Die hessische FDP-Landtagsfraktion bezeichnete den Plan der Kasse für ein Internetportal zur Arztbewertung als „Denunziantentum auf höchstem Niveau“. Ärztefunktionäre warnten vor einem „digitalen Ärztepranger” oder sprachen verächtlich von einem „populistischen System mit Hitparadencharakter“. Über gute Medizin könne man nicht abstimmen wie bei „Deutschland sucht den Superstar”.
Für die AOK jedoch kein Grund, auf die Bremse zu treten: Noch in diesem Herbst soll der Startschuss für den „AOK-Arztnavigator“ fallen. Bereits seit Mai rührt die Kasse in den ersten Testregionen Hamburg, Berlin und Thüringen kräftig die Werbetrommel und appelliert an die Versicherten, im Internet möglichst viele Bewertungen für Ärzte abzugeben. Grund für die lange Vorlaufzeit ist das von der AOK selbst gesteckte Ziel: Ein Arzt soll in dem Portal erst als bewertet erscheinen, wenn mindestens zehn seiner Patienten ein Votum abgegeben haben. Finden sich nicht genug auskunftswillige Kassenmitglieder, muss die AOK im Herbst mit einem peinlich leeren Bewertungskatalog an die Öffentlichkeit treten.
Noch geben sich die Verantwortlichen aber zuversichtlich: „Wir wollen Versicherten qualitätsgesichert helfen, den für sie richtigen Arzt zu finden. Und wir bieten den behandelnden Ärzten damit hilfreiche Hinweise, wie sie von ihren Patienten gesehen werden", lobt Jürgen Graalmann, stellvertretender Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes, die neue Idee. „Wir möchten eine verlässliche und aussagekräftige Orientierungshilfe für die Arztsuche schaffen und damit für mehr Transparenz im Gesundheitswesen sorgen“, ergänzt auch Dr. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, die sich die Kasse als Verstärkung mit ins Boot holte.
Damit Kritiker aus Patientenverbänden und Ärzteschaft den „AOK-Arztnavigator“ nicht schon vor seinem eigentlichen Start sturmreif schießen, versuchen die Initiatoren gleich, alle denkbaren Gegenargumente zu entkräften: „Uns geht es nicht darum, Ärzte an den Pranger zu stellen. Auch eine Rangliste der vermeintlich besten Ärzte ist nicht unser Ziel. Stattdessen wollen wir unseren Versicherten eine qualitativ hochwertige Orientierungshilfe bei der Suche nach dem passenden Arzt zur Verfügung stellen. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass Patienten sich bei der Arztsuche eine solche Hilfestellung durch methodisch fundierte Informationen wünschen“, unterstreicht Kai Kolpatzik, Projektleiter für die Entwicklung des Arztnavigators beim AOK-Bundesverband. Ziel sei eine nicht kommerzielle und manipulationssichere Arztsuche. Deshalb habe die AOK die Fragebögen auch „nach höchsten wissenschaftlichen Standards“ entwickelt.
In der Tat müssen interessierte AOK-Versicherte 30 Fragen zu den Themen „Praxis und Personal“, „Arztkommunikation“ und „Behandlung“ beantworten, bevor das System eine Arztbewertung als vollständig abspeichert. Auch verzichtet der „Arztnavigator“ ganz auf Freitextfelder, in denen verärgerte Patienten ihrer Wut freien Lauf lassen – und einen Mediziner übel beleidigen könnten. Eine Kontrolle sichert ergänzend, dass nur Versicherte ab 15 Jahren eine Bewertung abgeben können. Diese soll dann auch nicht länger als 12 Monate gespeichert bleiben.
Trotzdem warnen viele Ärzte vor falschen Hoffnungen und sprechen sich deutlich gegen das Portal aus. „Auch wenn die Kasse sich viel Mühe gemacht hat. Den ‚besten Arzt‘ werden Sie in diesem Portal nicht finden“, gibt Dr. Michael Späth von der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg allen Patienten zu bedenken. Ob eine medizinische Behandlung erfolgreich ist oder nicht, hänge immer davon ab, wie gut sich Arzt und Patient wirklich verstehen und wie intensiv sie aufeinander eingehen. „Das zeigen wissenschaftliche Studien immer wieder – aber genau das lässt sich in einem Fragebogen nicht abbilden“, betont der Hausarzt.
Deshalb weiche die AOK auch auf Service-Kriterien wie Praxiseinrichtung oder Freundlichkeit des Personals aus. „Wie wichtig einem Patienten die Praxis-Atmosphäre ist, muss jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Späth, „mit dem ‚besten Arzt’ hat es jedenfalls nichts zu tun.“ Im Gegenteil bestehe sogar die Gefahr, dass gute Ärzte besonders schlecht wegkommen: Ein sehr gefragter Arzt mit völlig überlaufener Praxis könne vielleicht keine Patienten mehr annehmen – und von frustrierten Patienten deshalb viele schlechte Bewertungen kassieren.
Auch die Bundesärztekammer hat Schwachpunkte im Bewertungssystem der AOK entdeckt: „Ärzte haben keine direkte Widerspruchsmöglichkeit gegen die Aufnahme in das Portal und werden bei Veröffentlichung neuer Bewertungen nicht informiert. Dass beide nicht erfüllten Kriterien die Kommunikation mit den Ärzten betreffen, ist aus Sicht der Ärzteschaft bedauerlich“, schreibt die Kammer in einer Analyse. Mit anderen Worten: Ein Arzt erfährt vielleicht gar nicht, dass Patienten ihn in dem Portal schlecht bewerten – und kann sich dann auch nicht rechtfertigen. Die Bundes-ärztekammer hält daher eine „Nachbesserung für wünschenswert“.
Weniger zurückhaltend formuliert es der Präsident der Vereinigung Freie Ärzteschaft, Martin Grauduszus: „Einmal mehr wird hier der Versuch unternommen, das einzigartige Verhältnis zwischen Patient und Arzt, das in einem Urvertrauen seine Begründung findet, nachhaltig zu stören“, lautet seine vernichtende Kritik am neuen AOK-Portal. In welchem Maße ein Patient vertrauen zu seinem Arzt gefasst habe, lasse sich nicht in einem Fragebogen erfassen.
Grauduszus vermutet sogar, dass die AOK das Bewertungsportal nutzt, um Informationen über Ärzte zu sammeln, die ihr bei künftigen Kooperationen oder Verträgen mit Ärzten hilfreich sein könnten. „Was unter dem Deckmäntelchen der ,Bewertung‘ daherkommt, ist nichts anderes als das Ausschnüffeln der Praxis“, vermutet der Allgemeinmediziner. Ganz sicher ist er sich, dass die AOK-Versicherten so nicht die besten Ärzte finden könnten – „ganz abgesehen davon, dass täglich millionenfach mit den Füßen abgestimmt wird, welchem Arzt die Patienten ihr Vertrauen schenken.“
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