durchblick-gesundheit.de [ Durchblick -> Ihre Gesundheit -> Die Zukunft des Gesundheitssystems - Krank im Jahr 2011 – eine (Horror-)Vision ]

  Archiv
  Politik
  Medizin
  Ihr Geld
  Proteste
  Medien
  Impressum




Die Zukunft des Gesundheitssystems - Krank im Jahr 2011 – eine (Horror-)Vision

Wie sieht die Zukunft der medizinischen Versorgung aus? Der Nervenarzt Dr. Karl Ebertseder aus Augsburg hat für „durchblick gesundheit“ einen satirischen Blick in eine Zukunft ohne niedergelassene Ärzte geworfen, in der große Gesundheitskonzerne die Versorgung bestimmen.

Januar 2011, Berlin: Bundesgesundheitsministerin und Vizekanzlerin Ulla Sch. gibt einen Empfang anlässlich ihres zehnjährigen Dienstjubiläums. Hochrangige Gäste aus Politik und Gesundheitswirtschaft feiern das Wirken der populären Ministerin.

Kanzlerin Angela M. lobt die Verdienste der Ministerin für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Durch den Umbauprozess des Gesundheitswesens hätten Krankschreibungen bereits 2010 um über 90 Prozent reduziert werden können.

Prof. Karl L., Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzender des neu geschaffenen Gemeinsamen Untersuchungs- und Lenkungsausschusses Gesundheit (GULAG) weist darauf hin, dass durch die jetzt erfolgreich abgeschlossene Verlagerung der ambulanten Versorgung in Klinikambulanzen und konzerngeführte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) die Zweiklassenmedizin endgültig der Vergangenheit angehöre.

Zur Erinnerung: Nach der Bundestagswahl im September 2009 hatte Ulla Sch. eine Fortführung der Großen Koalition durch Regierungsbeteiligung der Linkspartei durchgesetzt. Als vordringlichstes Projekt der neuen rot-schwarz-roten Regierung erfolgte schon im Januar 2010 die Verabschiedung des „Gesetzes zur Stärkung von Wirtschaftlichkeit, Unabhängigkeit, Stabilität, Innovation und Sozialverträglichkeit in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-UnSInnS-WSG), mit dem die epochalen Gesundheitsreformen der Ära Ulla Sch. ihren vorläufigen krönenden Abschluss fanden.

Zur gleichen Zeit, Königsbrunn bei Augsburg: Herrn Wilhelm W. plagen drängende Gesundheitsprobleme. Was tun? Der letzte freie Hausarzt am Ort hat gerade seine Praxis aus Altersgründen aufgegeben, fünf weitere waren kurz zuvor als Angestellte in das Medizinische Versorgungszentrum „Maximed“ Augsburg-Nord gewechselt. Niedergelassene Fachärzte gibt es seit der Gesundheitsreform im vergangenen Jahr nicht mehr. Herr W. – sparsamer Schwabe – hat sich zudem mit seinem „Super-günstig-Basistarif“ verpflichtet, nur Vertrags-MVZ seiner „K.O.-Gesundheitskasse“ in Anspruch zu nehmen.

Also wählt er die Servicenummer des kasseneigenen Callcenters. Nach 17-minütigem Ausharren in der Warteschleife meldet sich eine Callcenter-Mitarbeiterin, die ihn befragt und in das nächste „Sanitas“-MVZ schickt. Dieses befindet sich nun leider in der nahe gelegenen Landeshauptstadt, aber die „K.O.-Kasse hat mit der „Sanitas-Gesundheit aus einer Hand“-AG nun mal einen Exklusivvertrag abgeschlossen (und ist selbst an dem Konzern mit einem maßgeblichen Aktienpaket beteiligt). Also lässt sich Herr W. von seiner Schwiegertochter Mandy die knapp 70 Kilometer dorthin fahren.

In der Besucher-Lounge und am Check-in-Schalter des MVZ kann er mit dem Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte gleich den nächsten Gesundheitsurlaub mit „Sanitas-Wellness-Tours“ in die Türkei oder in die Karibik buchen – mit bis zu 1.000 Euro Kostenzuschuss der K.O.-Kasse. Nach einstündiger Wartezeit in der Besucher-Lounge der „General-Care Unit“ (also der allgemeinärztlichen Abteilung, aber der „Sanitas-Konzern“ hat es gern modern auf Englisch) wird Herr W. in das Behandlungszimmer des angestellten ärztlichen Leistungserbringers Vitalij K. gerufen, der heute ziemlich im Stress ist.

Seine Schicht ist eigentlich schon zu Ende, und er weiß, dass ihm für die Überschreitung der zulässigen Wartezeit eine Konventionalstrafe vom Lohn abgezogen wird. Vitalij K. spricht leider schlecht Deutsch, da er erst vor drei Monaten aus einem osteuropäischen Land angeworben worden ist. Er ist jedoch mit der „Sanitas“-eigenen Software bereits gut vertraut. Nach Eingabe der von Herrn W. geklagten Beschwerden öffnet sich auf dem Bildschirm ein Fenster, das die weiteren Schritte anzeigt. Da Herrn W.s Beschwerden etwas kompliziert sind, wird er an verschiedene „Spezialist-Care-Units“ (fachärztliche Abteilungen) des „Sanitas“-MVZ weitergeleitet.

Schwiegertochter Mandy wird die Wartezeit derweil mit Rabattgutscheinen zum Einkaufsbummel in der angeschlossenen Shopping-Mall des „Sanitas“-MVZ versüßt. Nach sechs Stunden wieder zurück in der General-Care-Unit, sieht sich Herr W. jetzt dem ärztlichen Leistungserbringer Ibrahim S. gegenüber (inzwischen war ja der Schichtwechsel).

Es stellt sich heraus, dass Herr W. an mindestens einer chronischen Krankheit leidet. Also wird er weitergeleitet an den „Case-Manager“ des zuständigen „Disease-Management“-Programms. Dazu werden sämtliche erhobenen Daten mittels der eingelesenen elektronischen Gesundheitskarte an den Zentralserver der Gesundheitskassen übertragen, wo sie von den Mitarbeitern der K.O.-Gesundheitskasse abgefragt werden können.

Eine kleine Aufregung gibt es noch am Rezept-Terminal des MVZ, da Herr W. die 7-stellige PIN-Nummer für die Ausstellung des elektronischen Rezepts vergessen hat. Das elektronische Rezept wird per Internet umgehend an eine Versandapotheke in Luxemburg übermittelt, die mit der K.O.-Kasse von Herrn W. einen Exklusivvertrag hat, und durch ständige Präsenz auf dem asiatischen Spot-Markt für Medikamente den Kunden der K.O.-Gesundheitskasse jederzeit die weltweit preisgünstigste Arzneimittelversorgung garantiert.

Nach seiner Ankunft zu Hause erreicht Wilhelm W. noch in der Nacht ein Anruf des
privaten Callcenter-Betreibers „All-in-sane GmbH“ im Auftrag der K.O.-Gesundheitskasse, der sich jetzt in regelmäßigen Abständen melden wird, um die weiteren Fortschritte der Gesundung von Herrn W. zu kontrollieren. Die Mitarbeiter des Callcenters haben bereits sämtliche Gesundheitsdaten auf dem Bildschirm und können ihn so nicht nur nach der Einhaltung seines Therapieplans und seiner Kundenzufriedenheit befragen, sondern ihm auch gleich Tipps zur Behandlung seiner Hämorrhoiden, seiner Potenzstörungen und anderer Probleme geben: „Ach, da sehe ich, vor vier Jahren waren Sie mal nach einer Geschäftsreise in Behandlung wegen einer Geschlechtskrankheit. Ihre erhöhten Leberwerte geben Hinweise auf ein mögliches Alkoholproblem, und ihr Beschwerde-Score weist einen hohen Psychosomatose-Index aus – ich könnte Ihnen da einen exklusiven psychotherapeutischen Leistungserbringer des bekannten Gesundheitsanbieters „Sanitas“-AG gleich in Ihrer Nähe empfehlen ...“

Am nächsten Morgen quält sich Herr W. in die Firma. Die erhoffte Krankschreibung im MVZ war leider ausgeblieben: Nach dem Datenabgleich war auf dem Bildschirm von Ibrahim S. beim Anklicken des entsprechenden Feldes die Meldung: „Nicht erlaubt“ mit dem Piktogramm einer roten Ampel erschienen.

In der Firma erwartet Herrn W. eine unangenehme Überraschung: Er wird in die Personalabteilung zitiert, wo ihn die Personalchefin, der Gesundheitsbeauftragte der Firma und die Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes (eine resolute Diplom-Sozialpädagogin) mit den gerade vom Zentralserver der Gesundheitskassen übermittelten Daten konfrontieren. Diese begründeten, so die Personalchefin, ernsthafte Sorge um das Gesundheitsbewusstsein von Herrn W.

Die Firma sehe sich gesetzlich verpflichtet, Herrn W. dringend die Teilnahme an dem von der Bertelsmann-Stiftung geförderten Gesundheitsprogramm „Fitness und Abstinenz in Betrieb und Freizeit“ nahezulegen. Die Kosten von nur 320 Euro pro Monat würden bequemerweise gleich bei der Gehaltszahlung einbehalten.

Mit seiner (natürlich freiwilligen) Teilnahme verpflichte sich Herr W. unter anderem, unangemeldete Hausbesuche des Gesundheitsbeauftragten der Firma auch am Wochenende oder nach 22 Uhr zur Unterstützung seiner gesundheitsbewussten Lebensweise zu empfangen. Die Firma sehe sich ferner verpflichtet, eine Aufklärung über Safer Sex durch die Leiterin des betriebsärztlichen Dienstes zu veranlassen.

Zu Hause findet Herr W. im Briefkasten eine Flut von Werbesendungen vor, unter anderem von fünf Herstellern von Hämorrhoiden-Salben, 13 Versandapotheken mit Sonderangeboten von Viagra, 7 Wein- und Spirituosendiscountern – sowie die Mitteilung seiner Frau Helga: „Es reicht! – Morgen Termin bei meiner Scheidungsanwältin!“

Wie sich später herausstellte, war sie auf den elektronischen Arztbrief des „Sanitas“-MVZ gestoßen, der in Ermangelung eines zuständigen Hausarztes an die private E-Mail-Adresse von Wilhelm W. gesandt worden war, und hatte dadurch von der bisher verschwiegenen peinlichen Erkrankung in Zusammenhang mit Herrn W.s etwas entgleister Geschäftsreise vor vier Jahren erfahren.


    Möchten Sie den Artikel zum Verteilen herunterladen? Klicken Sie hier!
 

Do, 05.11.2009 12:24 / Dr. Karl Ebertseder / Oktober-Dezember 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.

durchblick gesundheit

 

Aus den Weblogs