durchblick-gesundheit.de [ Durchblick -> Ihre Gesundheit -> Auf Kosten der Kranken - Krankenkasse zahlt  Wellnessurlaub ]

  Archiv
  Politik
  Medizin
  Ihr Geld
  Proteste
  Medien
  Impressum




Auf Kosten der Kranken - Krankenkasse zahlt Wellnessurlaub

Spitzenreiter ist die IKK Nord. Für gestresste Versicherte bietet sie einmal pro Jahr eine Kompaktkur an. Für sechs Tage geht es beispielsweise an den Timmendorfer Strand oder nach Heringsdorf. Für 660 Euro können die Versicherten dort sechs Tage lang „Urlaub für die Seele“ machen, wirbt die Kasse. Darüber hinaus bietet die IKK Nord ihren Versicherten verschiedene Sport- und Entspannungskurse zur kostenlosen Nutzung an. Für Kurse von Fremdanbietern gibt es bis zu 180 Euro im Jahr dazu.

Wer allerdings wirklich krank ist, der guckt in die Röhre. Termine beim Facharzt werden immer rarer, der Hausarzt hat kaum noch Zeit, Sparmedizin überall. Gleichzeitig müssen Sie immer öfter das Portemonnaie zücken. Kassengebühr, Zuzahlungen zu Medikamenten oder Krankengymnastik kosten so manchen Euro extra. Die Kassen stecken die Milliarden lieber in ihre subventionierte Angebotspalette: Die Patienten sollen sich mehr bewegen, sich entspannen, sich gesünder ernähren oder das Rauchen aufgeben. Ob Abspeckkurse, Yoga, Tai-Chi oder Aqua-Fitness – die Liste ist lang. Die Kurse müssen allerdings bestimmte Standards erfüllen. Für Dauerkurse gibt es keine Unterstützung, üblich sind 8 bis 12 Einheiten à 45 Minuten. Die Kassen erwarten einen Nachweis, dass die Kurse auch wirken, außerdem fordern sie qualifizierte Trainer wie Physiotherapeuten.

Das Geld, das die Kassen in diese Präventionsmaßnahmen investieren, sparen sie an anderer Stelle ein. So kündigten im vergangenen Jahr verschiedene Krankenkassen Impfvereinbarungen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. „Wir haben beschlossen, das Geld lieber in andere Präventionsprojekte zu investieren“, erklärte damals Rainer Lange, Pressesprecher der DAK in Nordrhein-Westfalen. Nun dürfen die Versicherten zwar im Urlaub einen schönen Wellnesskurs besuchen – eine wichtige Impfung trägt die Kasse aber nicht mehr.

Die Förderung der Kassen ist ganz unterschiedlich. Die Teilnahme an den eigenen Kursen ist meist kos-tenlos. Allerdings wird pro Jahr immer nur ein Kurs der selben Art bezuschusst. Die Anzahl der Kurse, die der Versicherte besuchen darf, variiert ebenfalls: Einige AOKen geben keine Begrenzung an, die IKK Baden-Württemberg und Hessen beschränken das Angebot dagegen auf 4 Kurse pro Jahr. Für Kurse externer Anbieter gibt es oft Grenzen: So gibt die DAK maximal 75 Euro beziehungsweise 80 Prozent der Kosten dazu.

Wenn Sie sich einen Kurs ausgesucht haben, fragen Sie am besten Ihre Krankenkasse, ob der Kurs die Kriterien erfüllt. Dann müssen Sie regelmäßig an dem Kurs teilnehmen (mindestens 80 Prozent der Zeit). Anschließend reichen Sie einfach eine Teilnahmebestätigung und eine Quittung ein, dann überweist die Kasse den entsprechenden Betrag.

Das Gute liegt in manchen Fällen aber auch in der Ferne – der überwiegende Teil der Kassen unterstützt auch Gesundheitsreisen. Die Knappschaft, einige BKKen und IKKen arbeiten zum Beispiel mit der Firma Akon Aktivkonzept zusammen. Die IKK unterstützt zwei „Gesundheitswochenenden“ jährlich mit jeweils 100 Euro, bei der Knappschaft gibt es ab einem Eigenanteil des Versicherten von 59 Euro bis zu 160 Euro dazu. Die AOK Baden-Württemberg arbeitet mit Dertour Wellnesswelten zusammen, hier gibt es 150 Euro Zuschuss. Reiseagenturen wie der Veranstalter „Dr. Holiday“ stützen sich bereits auf das Geschäft mit den Krankenkassen.

Mit Unterstützung der Kasse geht es dann zum Beispiel ins Vier-Sterne-Hotel an die Müritz oder nach Rügen, in den Harz oder den Westerwald. Bei einem viertägigen Aufenthalt für 249 Euro bleiben nach Abzug der 160 Euro für einen Knappschaftsversicherten nur noch 89 Euro Eigenanteil übrig. Auf dem Programm stehen dann Nordic Walking, Wirbelsäulengymnastik oder Pilates.

Andere Kassen, wie die AOK Rheinland, unterstützen dagegen keine Gesundheitsreisen. Doch auch viele Kassen, die nicht explizit solche Fahrten anbieten, bezuschussen diese indirekt: So ist es der AOK Niedersachsen egal, wo die Gesundheitskurse stattfinden, sogar Kurse im Ausland sind möglich.

Die Mediziner sehen bei diesen Angeboten rot: Denn das Geld für Ihren Kurzurlaub fehlt für die Versorgung des schwer kranken Nachbarn. „Nur 19,25 Euro bekomme ich pro Quartal je Patient“, beklagt sich Hautarzt Herbert P. aus Berlin. Dabei sei es egal, wie oft sein Patient in diesen drei Monaten zu ihm kommt. „Nur 77 Euro macht das pro Jahr“, rechnet er vor. „Der Zuschuss zu Wellnessreisen ist deutlich höher.“ Er wünscht sich stellvertretend für Kollegen in ganz Deutschland, dass das Geld, das die Versicherten seit dem 1. Januar zusätzlich in den Gesundheitsfonds einzahlen, dort ankommt, wofür es einst gedacht war: Für die Versorgung der Patienten, nicht für Wellnessreisen gesunder Versicherter.


­
Angebote ausgewählter Kassen im Überblick
AOK
  • Regionale Unterschiede je nach Landesverband.
  • AOK-eigene Kurse werden meist zu 100 Prozent unterstützt.
  • Kurse externer Anbieter werden mit 80 bis 100 Prozent bezuschusst. Die Fördergrenze variiert.
  • Einige Landesverbände kooperieren mit Reiseanbietern oder einzelnen Hotels (Bayern). Andere bezuschussen zumindest die Kurse am Urlaubsort (Niedersachsen).

Barmer

  • Der Zuschuss pro Gesundheitskurs oder Kompaktseminar beträgt für Erwachsene 80 bis 90 Prozent der Teilnehmergebühren.
  • Der maximale Zuschuss liegt zwischen 75 und 150 Euro.

IKK

  • Regionale Unterschiede.
  • IKK-eigene Kurse werden mit bis zu 100 Prozent unterstützt. Oft gibt es eine finanzielle Obergrenze.
  • Externe Kurse werden in unterschiedlicher Höhe bezuschusst.
  • Die IKK unterstützt Gesundheitsreisen in Kooperation mit der Firma Akon Aktivkonzept.

TK

  • Die TK fördert innerhalb eines Kalenderjahres zwei Kurse.
  • Die Kasse übernimmt 80 Prozent der erstattungsfähigen Kosten, maximal aber 75 Euro.

KKH

  • Pro Jahr unterstützt die KKH einen Kurs, der auch während einer Reise stattfinden kann.
  • Die maximale Förderung beträgt 80 Prozent der Kurskosten bis maximal 75 Euro.

DAK

  • Die Kasse übernimmt pro Kurs 80 Prozent der Kosten, maximal 75 Euro.
  • Die DAK arbeitet mit dem Anbieter gesundAktivReisen zusammen. Je Kurs, der im Urlaub besucht wird, gibt die Kasse bis zu 75 Euro dazu.
  • Die Kasse hat mit verschiedenen Wellnesshotels besondere Konditionen ausgehandelt.

 


GEK
  • Der maximale Zuschuss beträgt 150 Euro pro Jahr. Maximal vier Kurse dürfen besucht werden, ein Kurs darf maximal 100 Euro kosten.

Knappschaft

  • Einige Gesundheitskurse vor Ort werden kostenlos angeboten, ansonsten gibt es einen Zuschuss bis zu 80 Euro.
  • Die Knappschaft arbeitet mit Akon Aktivkonzept zusammen, es gibt Zuschüsse von bis zu 160 Euro.

BKK

  • Die Unterstützung variert regional.
  • Für Kurse gibt es meist einen Zuschuss von 80 bis 100 Prozent.
  • Einige BKKen unterstützen Vorsorgereisen in unterschiedlicher Höhe.

HMK

  • Gesundheitskurse werden mit 80 Prozent, maximal 75 Euro, unterstützt.
  • Für Gesundheitskurse gibt es bis zu 150 Euro dazu.

HEK

  • Für Gesundheitskurse gibt es 80 Prozent/75 Euro dazu.
  • Kurse während einer Gesundheitsreise bezuschusst die Kasse mit maximal 150 Euro.
  • Die HEK bietet Sonderkonditionen in zahlreichen Fitnessstudios an.

    Möchten Sie den Artikel zum Verteilen herunterladen? Klicken Sie hier!
 

Do, 02.07.2009 14:19 / Barbara Kriesten / April – Juni 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.

durchblick gesundheit

 

Aus den Weblogs