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| Pillen, Zäpfchen & Co im Supermarkt – Zu Nebenwirkungen fragen Sie den Verkäufer |
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„Versuchen Sie es mal im dritten Gang rechts, neben den Vitamintabletten.“ Sabine M. ist auf der Suche nach einem Mittelchen gegen ihren dicken Hals und die tropfende Nase. Doch hier, in der neuen Gesundheitsabteilung im Supermarkt kommt sie nicht so recht weiter – die Auswahl ist riesig. Als Sabine M. die Verkäuferin nach einer Empfehlung fragt, zuckt die nur ratlos mit den Schultern: „Da gibt es so viel. Sie können aber ruhig die Packungsbeilagen herausnehmen, da steht was bei welchem Wehwehchen hilft.“
Was komisch klingt, könnte schon im nächsten Jahr Alltag sein: Regale voller Medikamente in Drogerie, Kaufhaus oder Supermarkt, fehlendes Fachpersonal und Preise diktiert von Handelsketten und Großkonzernen. Heute gibt es dagegen noch ein Gesetz, aber genau das hat nun der europäische Gerichtshof auf dem Kieker. Auch die Regel, dass ein Apotheker nur vier Filialen besitzen darf, könnten die Richter abschaffen. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Entscheidung für die Unternehmen bereits gefallen ist. Tatsächlich stehen die schon in den Startlöchern: Ausländische Apothekenketten, Drogeriekonzerne und Handelsriesen, wie Schlecker, Rossmann, Lidl und Rewe, bereiten sich auf das Medikamentengeschäft vor. Sogar Krankenversicherungen überlegen, sich eigene Apotheken zuzulegen.
Kein Wunder, dass den selbstständigen Pharmazeuten schon Angst und Bange wird. Doch die wenigsten Patienten wissen, das sich das Ende ihrer altbekannten Apotheke auch auf sie auswirken würde. Kaufhausangestellte und Verkäuferinnen kennen sich zwar mit Klamotten, Kosmetika und Lebensmitteln aus, doch von Pillen, Zäpfchen und Co. haben sie keine Ahnung. Sie dürfen Ihnen dazu gar keine Auskunft geben, weil sie nicht dafür ausgebildet sind – ganz nach dem Motto, lieber gar nichts sagen, als was falsches. Ausbaden müssen das die Patienten.
Kaum einen anderen Schluss lässt der Blick in Länder zu, wo längst nur noch die Großen das Sagen haben: In Norwegen ist seit 2001 alles anders. Nachdem die Regierung wichtige Schutzzäune über Bord warf, kauften Konzerne im Wettrennen um die Filetstücke fast alle Apotheken und Großhändler des Landes auf – mittlerweile gibt es nur noch drei Prozent unabhängige Geschäfte. Die Politiker wollten die Preise senken, in dem sie die Apotheker in den Wettbewerb scheuchten. Doch der Schuss ging nach hinten los. Die Preise sind sogar noch gestiegen und einen wirklichen Wettbewerb gibt es längst nicht mehr. Die drei größten Ketten wirtschaften in friedlicher Eintracht nebeneinander und richten sich nach ihrem einzigen Ziel: dem maximalen Gewinn. Das absurde: Die Großinvestoren haben nicht nur aufgekauft, sondern zusätzlich so viele Filialen eröffnet, dass ihnen gut ausgebildetes Personal fehlt.
„Kranke sind keine Konsumenten und deshalb muss die Apotheke heuschreckenfreie Zone bleiben,“, fordert der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf. Freie Heilberufler seien Arzneimittelexperten und keine Kaufleute. Wolf und seine Kollegen sind überzeugt: Nur unabhängige Apotheker beraten auch objektiv.
„Ich frage mich, ob wir unser tolles System wirklich dem freien Markt opfern müssen“, überlegt auch die Apothekerin Barbara R. Sie will sich das ungern für Deutschland vorstellen: „Wir hätten es dann mit riesigen Ketten zu tun. Da blieben viele von uns auf der Strecke. Und wer würde drunter leiden? Die Bürger. Die meisten müssten auf ihre gewohnte Apotheke verzichten. Wir Apotheker kennen doch unsere Kunden, viele habe ich schon als Kinder aufwachsen sehen“, berichtet die Münchnerin wehmütig. Das sei mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis vergleichbar.
„Außerdem sind wir die Fachleute, die beraten, wie die Patienten ein Mittel richtig anwenden und welche Risiken entstehen können. Wir erledigen damit eine lebenswichtige Aufgabe. Wir können auch individuelle Medikamente selbst herstellen, Rezepturen mixen. Das kann kein anderer. Und wir gewährleisten, dass Kranke sich ihre Arzneimittel auch nachts besorgen können. Wie das in Kaufhäusern wäre, kann sich jeder denken.“
Doch die Apothekerin hat noch Hoffnung: Kein Mensch könne heute wirklich sagen, wie die Richter in Luxemburg entscheiden werden, erklärt sie energisch. „Es gibt so viele Lobbyisten, die die Interessen verschiedener Gruppen vertreten. Die wollen jetzt alle die Pferde scheu machen.“ Auch die Bundesregierung will offenbar nicht kampflos aufgeben: In einer Stellungnahme schrieb sie nach Luxemburg, dass ihr spezielles Gesetz erforderlich ist, um die fachmännische Unabhängigkeit der Apotheker und damit die Gesundheit der Bürger zu schützen.
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