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| Betreuung chronisch Kranker: Es ist nicht alles Gold, was glänzt |
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 Bürokratie statt Zeit für die Patienten - DMP aus der Sicht des Arztes | Glaubt man Krankenkassen und Politikern, sind für Menschen mit chronischen Krankheiten bessere Zeiten angebrochen: Patienten mit Asthma, Diabetes oder Brustkrebs, die bei so genannten Disease- Management-Programmen mitmachen, sollen eine bessere Behandlung bekommen. Die Idee: Durch eine optimale Zusammenarbeit aller Mediziner, die einen solchen Patienten behandeln, soll die Therapie erfolgreicher werden. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch: Es ist bei Weitem nicht alles Gold, was glänzt.
Marlies B. war ganz gerührt, als sie die Post von ihrer Krankenkasse öffnete: Für sie als Diabetikerin gebe es ein hervorragendes Behandlungsprogramm. Die 63-Jährige möge sich doch für das Disease-Management-Programm (DMP) anmelden, das die Kasse anbiete, es ginge ja schließlich um ihr Bestes, ihre Gesundheit. So ganz hatte sie das alles aber noch nicht verstanden, legte den Brief erst mal beiseite. Doch die Kasse blieb hartnäckig. Einige Tage später schon ein Anruf: Ob sie es sich denn schon überlegt habe, das mit dem DMP? Wenn sie sich in dieses Programm einschriebe, würde ihr dann auch noch die Praxisgebühr erlassen.
Noch immer zögerte Frau B. Sie wollte das Ganze erst einmal mit ihrem Hausarzt besprechen – und war reichlich verdutzt, als ihr die Dame am anderen Ende der Leitung ganz freundlich empfahl: „Wenn Ihr Hausarzt Ihnen dieses Programm nicht empfehlen kann, nennen wir Ihnen gerne einen neuen Arzt, der bei unserem DMP mitmacht.“ Das fand Frau B. dann doch etwas dreist, immerhin fühlt sie sich von ihrem Hausarzt seit Jahren gut betreut. Beim nächsten Termin sprach Frau B. ihren Hausarzt auf das Thema an. Dieser reagierte nur mäßig begeistert. Kein Wunder: Beschert es den Medizinern doch vor allem eines, wenn ihre Patienten sich in ein Disease-Management-Programm einschreiben: noch mehr Bürokratie, noch mehr Formulare.
Jeder DMP-Patient hat einen Arzt als Ansprechpartner, in der Regel ist das der Hausarzt. Er erledigt die Formalitäten und passt auf, dass alle beteiligten Ärzte gut zusammenarbeiten. Über die gesamte Behandlung muss er genau Buch führen, Dokumentationsbögen ausfüllen und an die zuständigen Datenstellen zur Auswertung schicken. Für den Arzt ist es fast unmöglich, dabei den Überblick zu behalten, weil jede Krankenkasse andere Formulare und andere Regeln für die DMP hat. Hat er erst einmal den Durchblick, muss er gar nicht selten feststellen, dass seine Arbeit für die Katz war: So manches Mal verschwinden die ausgefüllten Formulare auf unerklärliche Weise und er muss seine Patienten neu anmelden, der Papierkrieg beginnt von vorne.
Die Ärzte bekommen für den Schreibkram eine Bürokratiepauschale, die oft nur etwa 15 Euro pro Patient und Quartal beträgt – kleines Geld, das viele Ärzte aber trotzdem gerne nehmen, um ein bisschen mehr in die Kasse zu bekommen. DMP-Kritiker halten die Bürokratiepauschale im Vergleich zum Arbeitsaufwand für viel zu niedrig. Für die Behandlung, die ja eigentlich besser werden soll, bekommen die Mediziner hingegen meist nur den normalen Kassensatz. Außerdem halte sie der Papierkram von ihrer eigentlichen Arbeit, der Behandlung von Patienten, ab, schimpfen sie. Schließlich hätten sie Medizin studiert, um Patienten zu helfen, und nicht um hinterher als bessere Bürokraft zu arbeiten.
Ein DMP-Patient ist also für den Hausarzt finanziell gesehen allenfalls ein karges Zubrot. Für die Krankenkasse des Versicherten ist er hingegen ein wahrer Goldesel. Sie erhält für jeden Patienten, der sich in ein DMP einschreibt, mehrere tausend Euro aus einem riesigen Topf, der für den Finanzausgleich unter den einzelnen Krankenkassen sorgt. Eine Brustkrebspatientin, die sich für ein DMP entscheidet, bringt der Kasse beispielsweise 7.500 Euro, ein Diabetiker immerhin rund 4.000 Euro.
Ein Schelm, wer hier eine mögliche Erklärung dafür sieht, warum auch die Krankenkasse von Marlies B. so hartnäckig ist. Nicht zuletzt deshalb rufen mittlerweile viele Ärzteverbände dazu auf, DMP ganz zu boykottieren, unter ihnen auch der Hartmannbund, einer der größten deutschen Ärzteverbände überhaupt.
Was DMP den Patienten bringen, ist durchaus umstritten. Zwar sollen DMP-Patienten „leitliniengerecht“ behandelt werden, was beispielsweise gerade bei Diabetes ein enormer Fortschritt wäre. Leitlinien sind Behandlungsrichtlinien, auf die sich Mediziner und Wissenschaftler einigen und die dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen.
Ob das allerdings immer der Wirklichkeit entspricht, darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. „Ja“, sagt beispielsweise die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein und verweist auf einen von ihr erarbeiteten Bericht. Dieser zeige, „dass die Programme zu deutlichen Verbesserungen der Behandlungsqualität führen und internationalen Vergleichen standhalten“, ist Dr. Leonhard Hansen überzeugt. Hansen ist Chef der Vereinigung und gleichzeitig Hausarzt.
Der Berliner Lungenfacharzt Dr. Thomas Hering sieht das ganz anders: „Schmalspurmedizin“, lautet sein Urteil über das Disease-Magement-Programm für Patienten mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD), umgangssprachlich auch Raucherhusten. Zwar sei die Idee der DMP nicht schlecht, an der Umsetzung hapere es jedoch deutlich, kritisiert Hering, der auch zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes der deutschen Pneumologen ist.
Beispielsweise besagten die Leitlinien zur COPD-Behandlung, dass jeder Patient mit dieser Erkrankung eine medizinisch gestützte Raucherentwöhnung machen müsse. In den COPD-DMP sei hiervon aber keine Rede.
Probleme sieht Hering auch bei der Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln. Den DMP-Patienten werde eine optimale Therapie versprochen – die Ärzte müssten die Medikamente aber weiterhin aus ihrem schmalen Arzneimittelbudget verordnen. „Eigentlich dürften Arzneimittel für chronisch Kranke nicht auf unser Budget angerechnet werden“, fordert Hering deshalb.
Hering bezweifelt auch, dass DMP wirklich helfen, Geld im Gesundheitswesen zu sparen, wie Politiker es immer wieder verkünden. „Könnten endlich alle Asthmatiker eine leitliniengerechte Versorgung mit Medikamenten erhalten, würden die Ärzte doppelt so viele kortisonhaltige Asthmasprays verordnen wie jetzt“, betont Hering. Echte Einsparungen könne es frühestens in zehn bis 20 Jahren geben, weil sich erst dann eine optimale Therapie von DMP-Patienten auszahle. Beispielsweise würden perfekt behandelte Diabetiker weniger an Folgen ihrer Zuckerkrankheit leiden wie etwa Erblindung oder Durchblutungsstörungen in den Beinen. Das spart Behandlungskosten, schlägt aber erst in vielen Jahren zu Buche – wenn überhaupt.
Doch dann könnten die DMP längst Geschichte sein. Sollte die Gesundheitsreform kommen, gelten mit der Einführung des geplanten „Gesundheitsfonds“ neue Regeln für den Ausgleichstopf zwischen den Krankenkassen. Für DMP-Patienten erhalten die Krankenkassen dann kaum noch zusätzliches Geld aus diesem Finanztopf. Möglich, dass ihr Interesse an den Disease-Managment-Programmen dann schlagartig erlahmt.
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