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Der Name ist Programm: „Vorsicht!Operation“ heißt ein neues Internetportal, das eine Gruppe von Chirurgen gegründet hat. Die Ärzte bieten Patienten darüber Zweitmeinungen an und wollen so überflüssige Operationen verhindern. Doch Ärzteverbände warnen vor der Diagnose per Mausklick. „durchblick gesundheit“ hat das Portal kritisch unter die Lupe genommen.
Das Angebot klingt verlockend: „Profitieren Sie von der langjährigen Erfahrung renommierter und unabhängiger Spezialisten“, heißt es auf der Startseite des Internetportals „Vorsicht!Operation“. Darüber steht in Großbuchstaben: „Seriös, unabhängig, kompetent!“ Mitte August ist das Portal gestartet. Patienten, die vor einer Operation stehen, können sich hier eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Die Intention, die den Machern zufolge dahintersteckt: überflüssige Operationen verhindern.
„In Deutschland wird zu viel operiert“, sagt Prof. Hans Pässler. Der Knie-Chirurg aus Heidelberg ist Initiator des Zweitmeinungsportals und hat es zusammen mit einigen Kollegen gegründet. Hierzulande, erklärt der 71-Jährige, gebe es fast doppelt so viele Eingriffe an Knie, Bandscheibe und Hüfte wie in den Nachbarländern. Und viele davon seien schlichtweg unnötig. „Ich kann nicht zusehen, wie da draußen Operationen gemacht werden, die dem Patienten nichts bringen, sondern nur dem Arzt nutzen.“
Tatsächlich greifen die Ärzte in Deutschland heutzutage so häufig zum Skalpell wie niemals zuvor. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der stationären Operationen von 36 Millionen im Jahr 2005 auf 45 Millionen im Jahr 2009 geklettert. Verwunderlich ist das nicht. „Operationen werden viel besser vergütet. Also machen wir in Deutschland sehr viele davon“, sagt Christoph Seiler, Leiter des Studienzentrums der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Heidelberg.
Doch kann man sinnlose Operationen ernsthaft mit einem Zweitmeinungsportal im Internet bekämpfen? „Auf diese Art sicherlich nicht“, meint Dr. Jörg-Andreas Rüggeberg. Der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen (BDC) kritisiert vor allem, dass die für das Portal tätigen Ärzte ihre Zweitmeinungsgutachten nur anhand online zugeschickter Unterlagen erstellen. „Ohne direkten Kontakt zum Patienten ist eine seriöse Indikationsstellung aber gar nicht möglich“, gibt Rüggeberg zu bedenken.
Andere Ärzteverbände schlagen ebenfalls Alarm und warnen vor der Ferndiagnose per Mausklick. „Eine Zweitmeinung per Internet ist Quatsch“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbandes Niedergelassener Chirurgen, Dr. Dieter Haack. „Als Arzt muss ich den Patienten untersuchen, muss ihn anfassen, auf den Tisch legen. Das kann ich nicht per Internet.“ Auch in Sachen Datenschutz äußert Haack große Bedenken. Solch sensible Gesundheitsdaten online zu verschicken sei „in höchstem Maße problematisch“. Man könne nicht davon ausgehen, dass die Daten im Internet sicher seien. „Da herrscht Intransparenz. Wer weiß, wer die Daten alles in die Hände bekommt.“
Die Ärzteorganisation NAV-Virchow-Bund hält das Zweitmeinungsportal für so bedenklich, dass sie nun rechtlich dagegen vorgeht. Sie hat die für das Portal tätigen Ärzte bei den zuständigen Landesärztekammern angezeigt. Das Angebot verstoße gegen die Berufsordnung, sagt NAV-Virchow-Bund-Chef Dr. Dirk Heinrich. In dieser heißt es nämlich sinngemäß, dass Ärzte nicht ausschließlich „über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze“ behandeln oder beraten dürfen. „Unabhängig davon, dass man das Angebot unappetitlich finden kann, muss der Schutz der Patienten gewahrt werden“, erklärt Heinrich. Hier seien die Ärztekammern als Aufsichtsbehörden in der Pflicht.
Portal-Initiator Pässler hingegen lässt die Kritik der Ärzteverbände kalt. Ein Zweitmeinungsgutachten per Internet zu erstellen sei überhaupt nicht riskant, meint er. „Unsere Patienten müssen über 100 Fragen beantworten, sie bekommen Grafiken vom Knie zum Ankreuzen, sie schicken Fotos von sich ein und die entsprechenden Vorbefunde“, sagt der Chirurg. Das reiche zumindest in der Orthopädie für eine zuverlässige Diagnose. Dass die ganze Prozedur – gerade für ältere Patienten – möglicherweise zu aufwendig und kompliziert sein könnte, findet er nicht. „Das ist den Patienten zuzumuten“, sagt Pässler. Zurzeit bieten zehn Chirurgen und Orthopäden – fast allesamt Chefärzte im Ruhestand – ihre Expertise bei „Vorsicht!Operation“ an. Und ihren Kampf gegen sinnlose Operationen lassen sich die selbst ernannten „renommierten Spezialisten“ gut bezahlen. 200 Euro kostet ein „kleines“, 400 Euro ein „mittleres“, 600 Euro ein „schwieriges Gutachten“. Bei „außerordentlich komplexen Fällen wird ein individuelles Angebot unter Berücksichtigung des erhöhten Zeitaufwandes erstellt“, heißt es auf der Internetseite. Die Information, dass Zweitmeinungen für Patienten üblicherweise kostenlos sind, sucht man dort jedoch vergebens.
„Jeder Patient in Deutschland kann sich jederzeit bei niedergelassenen Ärzten auf Kassenkosten eine Zweitmeinung einholen“, erklärt dazu NAV-Virchow-Bund-Chef Heinrich. Für ihn ist klar, dass die Betreiber des Portals vor allem eines im Sinn haben: „Anscheinend wittern ehemalige Chefärzte hier ein einträgliches Geschäft und wollen von der Verunsicherung der Patienten profitieren.“
Zweifel an den ehrenwerten Absichten der Portalbetreiber kommen auch beim Blick auf die „Expertenprofile“ auf. So schmücken sich die Ärzte dort teilweise mit einer beachtlichen Anzahl operativer Eingriffe. Da ist zum Beispiel der Rückenspezialist, der „mehr als 10.000 Wirbelsäulenoperationen geleitet“ hat. Oder der Kniechirurg, der „auf über 36 Jahre Erfahrung in der Arthroskopie des Knies“ zurückblicken kann. Ein anderer Operateur hat „mehr als 3.500 endoprothetische Eingriffe geleitet sowie unzählige Korrektur-osteotomien“ an Knie und Hüfte. Es stellt sich die Frage: Warum haben sich die Ärzte nun plötzlich dem Kampf gegen unnötige Operationen verschrieben, wo sie doch früher selbst eifrig zum Skalpell griffen?
Ihren Anspruch, unabhängig zu sein, haben Pässler und Kollegen übrigens auch bei der Wahl der Betreiberfirma nicht aus den Augen verloren. Bei dieser handelt es sich nämlich um eine Schweizer Aktiengesellschaft. Das Portal ist also auf neutralem Grund und Boden angesiedelt. Pässler versichert: „Es ist alleine der Neutralitäts- und Objektivitätsgedanke, der dahintersteckt.“
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