Beinahe wäre die Bombe in Bayern hochgegangen: Rund 7.000 Hausärzte protestierten am 30. Januar 2008 in der Arena in Nürnberg gegen falsche Gesundheitspolitik, zu niedrige Honorare, erdrückende Bürokratie und gleichgültige Krankenkassen. Die Allgemeinmediziner bereiteten sogar den gemeinschaftlichen Ausstieg aus dem Kassensystem vor. Kurz vor dem großen Knall ließ die Politik jedoch etwas Dampf aus dem Kessel: Der Hausärzteverband darf jetzt selbst Verträge mit den Krankenkassen aushandeln – eine umstrittene Reform.
Wer als Hausarzt in Bayern Patienten versorgt, hat es in der Regel nicht mehr weit bis zur Rente: Das Durchschnittsalter liegt bei stolzen 58 Jahren – fast 40 Prozent der rund 8.000 bayerischen Hausärzte werden in den nächsten fünf Jahren den Kittel an den Nagel hängen. Junge Ärzte meiden Hausarztpraxen hingegen wie der Teufel das Weihwasser: Die Zahl der unter 40-Jährigen sank in den vergangenen 9 Jahren um 64 Prozent. Die drastische Überalterung macht den Hausarzt insbesondere in den ländlichen Regionen fast zur aussterbenden Spezies.
Warum sich der Nachwuchs keine Hausarztpraxis mehr aufhalsen will, zeigen aktuellen Umfragen: Fast jeder zweite Hausarzt muss über 55 Stunden pro Woche schuften. Trotzdem können viele ihre Praxen nur durch finanzielle Klimmzüge halten. Die Honorare decken kaum die Kosten: Ein Hausarzt im Freistaat bekommt beispielsweise 15,41 Euro für einen Hausbesuch – wovon er oft gerade einmal den Sprit bezahlen kann. Jeder dritte Hausarzt fürchtet sich inzwischen vor der Pleite, nur 15 Prozent bewerten ihre finanzielle Lage noch als gut.
Der Hilferuf der Hausärzte im Januar 2008 kam daher für viele Insider nicht überraschend. Schon eher die Wucht des Protestes: Tausende Ärzte jubelten den Organisatoren vom Bayerischen Hausärzteverband (BHÄV) bei der Protestaktion zu und waren einstimmig der Meinung, dass das bisherige System für Kassenärzte bald das Aus für die Hausarztversorgung in Bayern bedeutet. Heftige Kritik musste sich die Kassenärztliche Vereinigung in München gefallen lassen, die das Geld der Krankenkassen bislang an alle niedergelassenen Ärzte verteilte. Die Hausärzte wollten künftig lieber selbst mit den Krankenkassen über Geld verhandeln – ohne Umweg über diese Behörde.
Genau das lässt das Kassensystem aber nicht zu, weshalb die Ärzte mit dem Notausstieg – der Rückgabe ihrer Kassenzulassungen – drohten. Panisch reagierte nun die Politik und suchte nach Lösungen. Im Oktober 2008 ermöglichte der Bundestag auf Drängen der bayerischen Landesregierung eine neue Form von Hausarztverträgen und machte sie sogar zur Pflicht für die Kassen.
Punktsieg für den Hausärzteverband: Er konnte sich nun selbst mit den Kassen an einen Tisch setzen und über die Arbeitsbedingungen verhandeln. Resultat war einige Wochen später ein neuer Hausarztvertrag in Bayern mit der AOK, den viele Praxen als großen Erfolg feierten: Im Schnitt 85 statt vorher 62 Euro pro Patient und Quartal sollen die teilnehmenden Allgemeinmediziner dabei verdienen. „Ich durfte einen Vertrag unterschreiben, der uns Hausärzten das eigene Tarifrecht sichert, für das ich mehr als ein Vierteljahrhundert gekämpft habe“, freute sich der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Dr. Wolfgang Hoppenthaller, am 13. Februar bei der Unterzeichnung.
Die Patienten bekamen davon wenig mit. Die Kassen warben lediglich für einen neuen Service: Wer sich in den Hausarztvertrag einschreibt, spart die Praxisgebühr und bekommt einen etwas besseren Service – muss jedoch in der Regel unabhängig von den Beschwerden immer erst zu seinem Hausarzt gehen. „Der Hausarzt koordiniert sämtliche Behandlungsschritte und lotst die Versicherten durch das Gesundheitssystem“, fasste die AOK die Sache zusammen.
Hinter den einfachen Worten der Kassen-Broschüre steckt jedoch eine gesundheitspolitische Revolution: Dass einzelne Arztgruppen einfach mit den Krankenkassen direkt eigene Verträge abschließen, hat es in der gesamten Nachkriegszeit in Deutschland nicht gegeben. Eigentlich durften zuvor nur die Kassenärztlichen Vereinigungen für alle Ärzte verhandeln. Jetzt verlieren sie dieses Monopol.
Was der Hausärzteverband als Chance sieht, lehnen andere Ärzteorganisationen ab. Die Ärzteschaft müsse „wieder zur Einigkeit zurückfinden“, kritisiert beispielsweise der Hartmannbund in Bayern. Der traditionsreiche Ärzteverband sieht den Alleingang des Hausärzteverbandes kritisch und fürchtet bei dem Honorarplus für die Hausärzte unter anderem Nachteile für andere Ärztegruppen. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen selbst warnen vor den Folgen und fürchten Machtverlust: „Ein bislang gut funktionierendes System wird damit zerstört“, zeigt sich der Vorsitzende der Behörde in Bayern, Dr. Axel Munte, überzeugt – und prüft derzeit sogar juristische Schritte gegen den Vertrag.
Nicht nur bei manchen Ärzten, auch bei den Krankenkassen regt sich Widerstand. Hintergrund ist die gesetzliche Pflicht zum Abschluss der Verträge. Einige Kassen sehen kaum medizinische Vorteile und wollen sich nicht zu solchen Abkommen drängen lassen. Auch gebe es keine Freiheit bei der Wahl der Vertragspartner: Laut Gesetz dürfen die Kassen nur mit Verbänden verhandeln, die mindestens die Hälfte aller Hausärzte hinter sich haben – was nur die Hausarztverbände in den einzelnen Bundesländern schaffen. „Damit wird aber doch nur ein Monopol durch ein anderes ersetzt“, regt sich der Chef der Ersatzkassen, Thomas Ballast, über die Vorgaben auf. Es gebe keinen Wettbewerb, sondern nur eine gefährliche Machtkonzentration auf Seiten der Hausarztverbände. Das zentrale Ziel – eine bessere Patientenversorgung – gerate völlig aus dem Blick.
Doch trotz des Widerstandes sind die Hausarztverträge auf dem Vormarsch und werden von vielen Ärzten als deutliche Verbesserung der Arbeitssituation empfunden. Nach dem Vertrag mit der AOK drängt der Hausärzteverband in Bayern derzeit auch die anderen Kassen in die neue Vertragswelt: „Wir verhandeln momentan wieder intensiv“, berichtete Hausarzt Hoppen-thaller kürzlich. Der Verbandschef will zu Beginn des Jahres 2010 neue Verträge mit allen Kassen abgeschlossen haben.
Neben Bayern gibt es seit einiger Zeit auch in Baden-Württemberg einen großen Hausarztvertrag, in den sich schon über eine halbe Million Patienten eingeschrieben haben, die von rund 3.000 teilnehmenden Ärzten betreut werden. Weitere Bundesländer folgen nach und nach. Eigentlich hätten sogar alle Kassen bis zum 30. Juni 2009 Hausarztverträge abschließen müssen. Doch da die Honorarverhandlungen zwischen Kassen und Ärzten zum Teil in Streitigkeiten endeten, müssen an vielen Stellen nun unabhängige Schiedspersonen über die neuen Modelle entscheiden. Da die neue gelb-schwarze Regierung an den Gesetzen nichts geändert hat, ist aber klar: Die Hausarztverträge sind Pflicht und werden bald in jeder Region kommen. |