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Patienten und Ärzte machen Druck - Bis es knallt: Wann wacht die Politik auf?

Die große Arena in Nürnberg kocht. 8.000 empörte Hausärzte aus Bayern sind gekommen. „Seit Jahren haben die Hausärzte den Frust hinuntergeschluckt und die Faust in der Tasche geballt“, ruft der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes Wolfgang Hoppenthaller. Jetzt wollen die Ärzte ein Zeichen setzten und kollektiv ihre Zulassung als Kassenärzte zurückgeben, um den Politikern zu zeigen, dass das Einsparen zu weit gegangen ist. „In diesem System haben wir keine Chance mehr.“ Die Ärzte jubeln, viele werfen an diesem Tag Ende Januar einen Zettel mit ihrem Bekenntnis zum Ausstieg in den Korb.

Einige Wochen später im April kommen wieder viele Tausend niedergelassene Ärzte zusammen, diesmal in der Schleyer-Halle in Stuttgart. Der Verband MEDI will in Baden-Württemberg ebenfalls die Politiker wachrütteln: entweder gleich die Zulassung zurückgeben oder wenigstens selbst mit den Kassen Verträge aushandeln, statt über das alte System mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. „Nur den Druck verstehen sie, und dann ändert sich auch etwas“, zürnt Verbandschef Dr. Werner Baumgärtner.

Die Ärzte sind unzufrieden – nicht mit ihrem Beruf, sondern damit, wie er organisiert ist. Seit Langem ärgern sie sich, wie die Kassen sie gängeln, Rechtfertigungen für ihre Verordnungen verlangen und für die Art, wie Ärzte bezahlt werden. Sie finden die Honorare nicht einfach knauserig, sondern ungerecht. „Die Belastung mit Vorschriften ist so groß, wenn man ein Medikament oder Krankengymnastik verordnen will, muss man eigentlich erst in einen Ordner gucken, wann das möglich ist, das kann man gar nicht mehr im Kopf behalten“, sagt etwa der Hausarzt Hans-Peter Meuser aus Langenfeld.

Deshalb haben die Ärzteverbände ein sogenanntes Korbmodell für den gemeinsamen Protest entwickelt. Die Idee ist, dass die Ärzte in einem Bundesland gemeinsam aus dem System aussteigen. Dazu sollen sie zunächst ihre Bereitschaft zum Ausstieg auf einem Zettel erklären und in den Korb legen. Nur wenn der größte Teil mitmacht, käme es zu einer Abstimmung, ob sie es wirklich tun wollen. Geben sie dann die Zulassung zurück, wären die Kassen außer in Notfällen nicht mehr verpflichtet, den Arzt zu bezahlen.

Allerdings wäre dann die gesamte Versorgung in Gefahr, weil plötzlich so viele Ärzte auf einmal aussteigen. „Wenn 70 Prozent der Ärzte eines Regierungsbezirks die Zulassung zurückgeben, sind die nicht mehr zu ersetzen“, erklärt Dr. Martin Grauduszus, Präsident des Verbandes „Freie Ärzteschaft“. In einem solchen Fall – und darauf hoffen die Ärzte – müssten die Kassen eben doch mit den Ärzten verhandeln und so deren Arbeitsbedingungen verbessern.

Der Protest mit dem Korbmodell begann in Süddeutschland. Denn das Geld im Gesundheitswesen ist nicht gleichmäßig in Deutschland verteilt. Besonders Bayern und Baden-Württemberg hatten bisher etwas mehr zu Verfügung. Der Gesundheitsfonds aber soll die Geldströme umleiten. Das würde besonders die ostdeutschen Bundesländer freuen, denn sie bekämen nach den meisten Berechnungen auf Kosten der süddeutschen Länder Geld dazu.

Der Ärzteprotest droht so im Streit der Politiker unterzugehen. „Der Fonds dient bloß zur Umverteilung und keinen Cent mehr“, klagt Meuser. „Durch den Streit darum geht die Information verloren, dass wir zu schlecht bezahlt werden und der Beruf so keine Zukunft mehr hat.“

Denn tatsächlich ist die Misere im Gesundheitswesen bundesweit die Gleiche. Immer mehr Praxen machen dicht. Entweder, weil sie pleite sind oder die Mediziner in Rente gehen und keinen Nachfolger mehr finden.

Die Drohung mit dem Ausstieg aus dem KV-System zeigt jetzt Wirkung. In Baden-Württemberg haben MEDI und der Haus-ärzteverband mit der AOK den ersten eigenen Vertrag geschlossen. Der Vertrag vereinfache die Abrechnung, bringe Planungssicherheit und mehr Geld, erklärten die Verbände. Für die Patienten bedeutet das, Ärzte werden wieder etwas mehr Zeit für sie haben, statt sich um Papierkram kümmern zu müssen. „Das bringt eine gewisse Entlas-tung und weniger Verwaltung“, sagt Meuser.

In Bayern ist der Protestkorb noch geöffnet. In manchen Regionen seien schon mehr als die Hälfte der Ärzte zum Ausstieg bereit, sagt Hoppenthaller. „In den meisten anderen Regionen liegen wir aber auch schon bei rund 40 Prozent, und die Tendenz ist steigend.“ Auch im Freistaat sieht es nach einem direkten Vertrag aus.

„Wir laufen mit Volldampf auf unser Ziel zu“, sagt Hoppenthaller. Der Druck dürfte groß genug sein: Am 7. Juni gibt es eine Großkundgebung im Olympiastadion München diesmal von Ärzten und Patienten gemeinsam.

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Do, 28.08.2008 17:15 / Nils Franke / Juni-Juli 2008 Druckversion Mail Zurück Weiter

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