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Patienteninitiative - Renate Hartwig: Ich frage mich, warum ....

Kolumne: Renate Hartwig

Mit ihrer Initiative patient-informiert-sich.de will die Journalistin Renate Hartwig Patienten Mut zum Mitreden in der Politik machen. Ihr nächstes Ziel sind regionale Informa­ti­onstreffen. Kontakt: r.hartwig@t-online.de

 

In Bayern ticken die Uhren anders, so sagt man – und meint damit eigentlich augenzwinkernd, dass wir es hier manchmal nicht so eilig haben. In Sachen Gesundheitspolitik scheinen wir aber derzeit eine Vorreiterrolle zu haben – eine mehr als fragwürdige allerdings.

In Bayern fehlt schon bald jeder zweite Hausarzt. Gleichzeitig entstehen hier still und leise völlig neue Strukturen, die uns Patienten dann in ein paar Jahren als Ersatz für den dann ausgestorbenen niedergelassenen Arzt präsentiert werden können.

So jedenfalls deute ich beispielsweise den Vertrag der DAK mit einem großen, börsennotierten amerikanischen Dienstleistungsunternehmen mit dem wohlklingenden Namen „Healthways“. Deren Geschäft ist es unter anderem, Krankenschwestern in einem Callcenter anzustellen. Diese rufen dann in regelmäßigen Abständen bei den DAK-Versicherten an. Es gehe vor allem um die Unterstützung im Alltag, versichert die DAK, keinesfalls solle das Arzt-Patienten-Verhältnis gestört werden.

Ich aber sage: Wenn sich die Patienten erst einmal daran gewöhnt haben, regelmäßig von ihrer Call-Center-Krankenschwester angerufen zu werden und es gleichzeitig in ein paar Jahren nicht mehr genügend niedergelassene Ärzte gibt – was liegt dann näher, als dass der Patient seine medizinischen Probleme mit „seiner Schwester“ bespricht und diese dann entweder mit medizinischen Ratschlägen weiterhilft – oder dem Patienten dann gleich ein medizinisches Versorgungszentrum oder eine Klinik ganz in der Nähe empfiehlt?

Healthways verspricht – ganz im Börsenslang – einen „Return of Invest“ von eins zu zweieinhalb. Das bedeutet: Mit jedem Euro, den die DAK an Healthways ausgibt, spart sie zweieinhalb ein.

Wenn ich so etwas höre, werde ich wütend. Als Patient will ich, dass meine Krankenkasse meinen Arzt anständig bezahlt, damit der mich gut behandeln kann. Ich will nicht, dass eine Kasse Geld ausgibt, um damit ein börsennotiertes Unternehmen wie Healthways zu füttern. Ich will keinen „Return of Invest“, ich will einen Arzt!

Die DAK probiert dieses Modell zunächst in Bayern und Baden-Württemberg, um es dann auch auf ganz Deutschland ausdehnen zu können. Der Vorsitzende der DAK hat es doch ganz klargemacht: Die Kasse will – auch – durch die Healthways-Schwestern Geld sparen. Bei Healthways liest man: eine Zahl von zwei bis drei Prozent der Gesamtausgaben. Warum, frage ich, soll dies denn bei der Versorgung der Patienten geschehen? Wie wäre es denn lieber mal mit einem Abbau des Bürokratie-Wasserkopfes bei den Krankenkassen?

Das Schlimme ist, dass solche Dinge immer auf leisen Pfoten daherkommen. Als die DAK ihr Healthways-Modell auf einer Pressekonferenz vorstellte, wurden natürlich auch Pressetexte ausgegeben. Diese lesen sich für mich wie wahre Sirenenklänge.

Wir dürfen uns nicht einlullen lassen. Es geht darum, dass der niedergelassene, freiberufliche Arzt nach Willen der Gesundheitspolitik nicht mehr existieren soll. Dies hat unsere Bundesgesundheitsministerin selbst gesagt: Es müsse Schluss sein mit der Ideologie der Freiberuflichkeit. Was brauchen wir Patienten denn noch, um zu erkennen, dass unsere vertrauten Haus- und Fachärzte schon in ein paar Jahren nicht mehr für uns da sein sollen?

Dann übernehmen ganz nach amerikanischem Vorbild Krankenschwestern die erste Betreuung und verweisen an größere Zentren. Mal laut gedacht: Wie praktisch wäre es doch, wenn sagen wir mal der Betreiber eines Krankenschwester-Callcenters dann auch gleich Inhaber des Medizinischen Versorgungszetrums oder der empfohlenen Klinik wäre? Das wäre ein perfektes Finanzmodell, eine Lizenz zum Gelddrucken. Doch das funktioniert nur, wenn wir Patienten von all dem erst mal nichts mitbekommen. Jeder Versicherte, jeder Patient, der etwas gegen die Amerikanisierung unseres Gesundheitswesens tun möchte, kann dies nur, indem er möglichst viele weitere Patienten informiert. Das geschieht beispielsweise über unsere lokalen Treffen. Wer Interesse hat, ein solches auch bei sich ins Leben zu rufen, kann mich gerne ansprechen, eine E-Mail an r.hartwig@t-online.de genügt.

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Mi, 20.08.2008 11:00 / Renate Hartwig / Februar 2008 Druckversion Mail Zurück Weiter

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