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Hella H. staunte nicht schlecht, als sie am Montag zu ihrem Arzt wollte und vor verschlossener Tür stand. „Ne, der Doktor is‘ die ganze Woche nicht da. Der hat seine Praxis zugemacht, damit er künftig mehr Zeit für Sie hat“, erklärte ihr Gerda M., die einen Stock über der Arztpraxis wohnt. Das verstand Hella H. nun beim besten Willen nicht: Der Doktor macht zu, um mehr Zeit für sie zu haben? Was paradox klingt, ist im Grunde genommen ganz einfach: „Sie als Patient merken doch auch, dass Ihr Arzt in seiner Sprechstunde immer weniger Zeit für Sie hat, oder?“, erklärt Dr. Reinhold Weidmann. Der Allgemeinmediziner aus Bad Vilbel ist einer der 32 von insgesamt 34 Ärzten, die ihre Praxen vom 4. bis zum 8. Juni geschlossen hatten.
Die gute alte Sprechstunde macht ihrem Namen schon seit längerer Zeit keine Ehre mehr, denn die Mediziner leiden unter chronischem Zeitmangel. Grund dafür sind die Bürokratieberge, die die Mediziner zu bewältigen haben. „Wir verbringen einen Großteil damit, irgendwelche Formulare der Krankenkassen auszufüllen“, erklärt Weidmann. „Ob Hausarztmodelle oder Disease-Management-Programme, es sind so viele Zeitfresser da, dass der Patient einfach immer weniger von seinem Arzt hat“, bedauert der Allgemeinmediziner. Besonders schlimm dabei sei, dass die ganzen Programme der Kassen die Behandlung der Patienten nicht verbesserten. „Die Kassen schreiben damit lediglich die Therapien vor, ohne den Patienten und seine Beschwerden überhaupt zu kennen.“
Auch die sogenannten Rabattverträge der AOK stinken den Medizinern
gewaltig. „Das kann kein Patient nachvollziehen, dass er auf einmal ein anderes Medikament bekommen
soll“, schimpft Weidmann. Er hat viele Patienten, die jahrelang gut mit ihrem Medikament zurechtkamen und in der Apotheke auf einmal ein anderes erhielten. „Die Patienten sind zu Recht sauer darüber und kommen mit ihrem Frust zu ihrem Arzt. Doch der kann ja nichts dafür, dass sich die Kassen solche Sachen ausdenken.“ Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient leide erheblich darunter.
Deshalb haben sich die Bad
Vibeler Ärzte nahezu geschlossen entschieden, sich endlich mal die fehlende Zeit für ihre Patienten zu nehmen und das gute alte Arzt-Patienten-Gespräch wieder aufleben zu lassen. Dafür versammelten sich die Mediziner auf dem Zentralparkplatz in der Fußgängerzone der Stadt. Um zu veranschaulichen, wie Bürokratie ihnen wertvolle Zeit für ihre Patienten klaut, hängten sie Formulare an einer meterlangen Wäscheleine auf. Sage und schreibe 70 Formulare zierten die Leine – „und das sind nicht mal alle“, betont Weidmann. ,„Um einen Antrag für eine Kur auszufüllen, müssen wir sogar einen Antrag auf Erteilung des
Antragsformulars ausfüllen“, ergänzt sein Kollege Dr. Harald
Fierek kopfschüttelnd.
Wenn Mediziner streiken, läuten bei den Behörden die Alarmglocken. Sie werfen den Ärzten vor, dadurch die Patientenversorgung zu gefährden. Dass es den Ärzten dabei aber genau um das Gegenteil, nämlich um eine bessere Versorgung ihrer Patienten geht, sehen sie nicht. „Es war ja kein Streik, sondern es waren Aktionstage, und der Notdienst war gesichert“, erklärt Weidmann. Ihre Patienten hatten die Mediziner schon vorab informiert, dass sie diese Aktionswoche planen und nur ein
medizinischer Notdienst zur Verfügung steht. Und die Resonanz war durchweg positiv: „Ganz viele kamen uns am Stand besuchen und haben
Kaffee und Kuchen und Erdbeeren vorbeigebracht“, berichtet Weidmann. „Die Zeit ist einfach reif“, ergänzt Fierek. „Auch in der Bevölkerung ist mittlerweile ein Bewusstsein da, dass irgendwas falsch läuft in diesem Gesundheitssystem.“
Die Aktion der Bad Vilbeler ist aus der Not heraus entstanden: „In den Medien werden andauernd Unwahrheiten über uns Ärzte verbreitet, die unser vertrauensvolles Verhältnis zu unseren Patienten erschüttern und unsere Arbeit erheblich erschweren“, bedauert Dr. Michaela Stein, Allgemeinmedizinerin aus Bad Vilbel. „Deswegen müssen wir jetzt in die Öffentlichkeit treten und mit unseren Patienten sprechen.“ Die Aktion war erfolgreich: Hella H. versteht jetzt besser, warum sie plötzlich ein anderes Medikament bekommt. Ihrer Kasse will sie künftig selbstbewusster gegenübertreten und sich nicht irgendwelche Programme aufschwatzen lassen, von denen ihr Arzt abrät.
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