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Patientenvertreter im Interview: „Ärzteproteste sind wichtig für die Patienten“

Im Interview:
Wolfram-Arnim Candidus
Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP), Wolfram-Arnim Candidus, über Ärzteproteste, die elektronische Gesundheitskarte und dringend nötige Reformen.

durchblick: Bereits mehrfach sind zahlreiche niedergelassene Ärzte auf die Straße gE-Aktengen und haben auf Missstände in der ambulanten medizinischen Versorgung aufmerksam gemacht. Konkret demonstrierten sie gegen die ausufernde Bürokratie, die Beschneidung der Therapiefreiheit und zunehmende Einschränkungen bei der Patientenversorgung. Können Sie diese Kritik nachvollziehen oder geht es hier in Wirklichkeit allein um Ärztehonorare?
Dass die niedergelassenen Ärzte auf die Straße gehen, um die Missstände in der ambulanten medizinischen Versorgung nachhaltig darzulegen, ist für die Versicherten und Patienten zu deren Aufklärung wichtig und notwendig. Die diffusen und planwirtschaftlichen Vergütungsformen für die ambulant erbrachten Leistungen müssen verändert werden. Die Entlohnung muss entsprechend der Leistung bestimmt werden. Es muss auch verhindert werden, dass die Bürokratie noch mehr ausufert und die Krankenkassen in enger Zusammenarbeit mit den politischen Mandatsträgern die Leistungen für die Diagnose und Therapie für den einzelnen Versicherten und Patienten reduzieren. Diese überwiegend aus Kostensenkungsgründen bestehende Ausgrenzung von Leistungen muss aufgehoben werden.

durchblick: Der Unmut vieler Mediziner richtet sich auch gegen die Reglementierungen bei Arzneimittelverschreibungen. Sie fürchten, dass eine angemessene Versorgung der Patienten in Deutschland bald nicht mehr möglich sein wird. Übertreiben die Mediziner oder befürchten auch Sie echte Probleme für die Patienten?

Für die Versicherten und Patienten ist die derzeitige und zu erwartende Regelung für die Verordnung von Arzneimitteln ein fortschreitender Abbau von Qualität bei gleichzeitig höherer Zuzahlung. Deshalb sollten die Mediziner zusammen mit den Patientenverbänden alternative Vorschläge zu einer radikalen Änderung des nE-Aktetiven Trends erarbeiten und sich nachhaltig gemeinsam einbringen.

durchblick: Welche Vorteile haben Patienten davon, dass es 253 Krankenkassen gibt?

Wir benötigen aus der Sicht der Versicherten und Patienten keine 253 Krankenkassen. Es ist aber nicht nur die Frage der Anzahl der Krankenkassen, sondern die der notwendigen Einflussnahme auf diese „halbstaatlichen Organe“, die Effizienz im Sinne der Kunden beziehungsweise Versicherten und der Leistungserbringer im Gesundheitswesen steigern zu können.

durchblick: Die Ärzte beschweren sich, dass die wachsende Bürokratie in den Praxen Zeit kostet, die dann bei der Patientenversogung fehlt. Auch Patienten klagen über ein aus-uferndes Formularunwesen. Muss der Gesetzgeber eingreifen?

Zum Abbau der Bürokratie in den Praxen muss seitens der Verbände der Mediziner nachhaltig Einfluss auf die Politik und die Krankenkassen genommen werden, um diese Ausuferungen abzubauen. Gleichzeitig müssen aber auch die Arztpraxen die modernen Mittel zum Abbau des Aufwands für administrative Aufgaben nutzen, damit die Qualität der Versorgung für die Patienten verbessert wird.

durchblick: Die elektronische Gesundheitskarte (E-Card) enthält zuverlässig alle Notfalldaten – welche Vorteile bietet sie den Patienten?

Die E-Card und hoffentlich auch in der nahen Zukunft die elektronische Gesundheitsakte (E-Akte) können dazu beitragen, die Versorgungsqualität für die Versicherten und Patienten zu steigern, dem individuellen Patienten seine Behandlung transparenter zu machen und somit auch dazu beitragen, dass der administrative Aufwand reduziert wird. Der Patient und Versicherte muss jedoch der Herr seiner Daten bleiben. Wir sehen die Gefahr, dass durch die Einwirkung einer Vielzahl von Lobbyisten und Interessenvertreter der Wirtschaft die E-Card und E-Akte zu einem teuren und nicht effektiven System wird. Auch in diesem Bereich sollten die Fachverbände der Mediziner und anderer Berufsgruppen sehr viel stärker mit den Patientenverbänden zusammen Einfluss auf die Entwicklung nehmen.

durchblick: Haben Sie keine Sorge, dass Hacker auf die Daten zugreifen oder die Kassen damit leichtsinnig umgehen? Patientendaten landeten in der Vergangenheit schon in Vietnam oder wurden einfach von der Kasse an Internet-Apotheken weitergegeben ...

Der Zugriff auf die Daten der E-Card und E-Akte darf nur für die Personen gelten, die mit der Behandlung des Patienten unmittelbar vom Patienten selbst beauftragt wurden. Dazu gehören jedoch nicht nur Mediziner und Apotheker, sondern auch Berufsgruppen der physikalischen Therapie, die Orthopädie- technik und die große Berufsgruppe der Kranken- und Altenpflege. Das Ziel einer transparenten Darstellung des Behandlungsverlaufs oder Gesundheitszustandes des Patienten darf nicht durch Einschränkungen der Inhalte der E-Card und E-Akte und den Zugriff von Leistungserbringern eingegrenzt werden.

durchblick: Hat die Einführung der Praxisgebühr Vorteile mit sich gebracht?

Die Einführung der Praxisgebühr hat aus der Sicht der Versicherten und Patienten keine Vorteile gebracht. Auch das Gesundheitssystem wurde nicht, wie vielmundig von den Politikern und Krankenkassen versprochen, finanziell entlastet. Der bürokratische Aufwand verschlingt den überwiegenden Teil der Praxisgebühr. Gleichzeitig werden sozial schwächer gestellte Menschen stärker oder zu stark belastet und können sich einen notwendigen Arztbesuch nicht mehr leisten. Keine oder eine zu späte Behandlung wird zu höheren Folgekosten führen.

durchblick: Was müsste die Politik ändern, damit die derzeitigen Probleme in der ambulanten medizinischen Versorgung gelöst werden können?

Wir fordern von der Politik eine Orientierung an den Anforderungen für eine gute und wirtschaftliche Behandlung der Patienten. Dabei reicht es bei Weitem nicht aus, immer wieder die Aussage zu treffen: „Ambulant vor stationär“. Es müssen neue, gerechtere Vergütungssysteme für die ambulante Versorgung eingeführt werden, die einen Anreiz für die Mediziner darstellen, um die stationäre Behandlung zu vermeiden.

durchblick: Wünschten Sie sich als Patientenvertreter mehr Mitspracherecht bei politischen Entscheidungen?

Wir fordern von den Politik und der Selbstverwaltung im Gesundheitssystem eine Beteiligung der Patientenverbände an der notwendigen Neugestaltung des Gesundheitswesens. Der Zahler – der Nutzer – und somit der Kunde muss in die Entscheidungen gleichberechtigt eingebunden werden. Bisher haben die Versicherten und Patienten nur eine sehr eingeschränkte Möglichkeit der Einwirkung auf das Gesundheitswesen. Die Folge ist, dass immer höhere Beiträge gezahlt werden müssen und die Leistungen reduziert werden.

durchblick: Was spricht dagegen, dass Ärzte und Patienten gemeinsam gegen Missstände im Gesundheitswesen vorgehen?

Wir sind der Überzeugung, dass nur durch gemeinsame Aktivitäten der Ärzte, der Pflegeberufe und anderer Berufsgruppen mit den Patientenverbänden die bestehenden Missstände beseitigt werden können. Dazu sind wir bereit und suchen in vielen Gesprächen mit den Verbänden einen Weg für diese Zusammenarbeit. Die Lösungsvorschläge und Alternativen aus dieser Kooperation sollten dann die Grundlage für die Entscheidungen der Politik sein, denn nur so kann das kranke Gesundheitssystem therapiert werden. Die Diagnose dazu müssen Versicherte und Patienten zusammen mit den diversen Berufsgruppen im Gesundheitswesen durchführen.

Di, 17.10.2006 13:39 / na Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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