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| Deutsche Ärzte protestieren: "Lasst mich endlich wieder Arzt sein" |
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Der Krach ist ohrenbetäubend: Vor dem Brandenburger Tor lärmen über 25.000 Menschen mit Tröten, Knarren oder Trillerpfeifen, fordern in Sprechchören "Ulla muss weg." Aus dem weißen Kittelmeer ragen Transparente und Plakate: "Hausarzt in Not", "Achtung: Müder Arzt" oder "Lasst mich endlich wieder Arzt sein." In den Gesichtern der Demonstranten steht Wut, Verzweiflung und Entschlossenheit.
Das gleiche Spektakel findet an diesem 19. Mai im Süden und Westen der Republik statt: 11.000 Menschen sind auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelt; in Köln trotzen 6.000 standhaft Sturm und Regen. Teilweise sind die demonstrierenden Ärzte und Patienten mitten in der Nacht aufgestanden, hunderte Kilometer weit angereist, ganze Busse und Sonderzüge hatten sie für diesen Tag gechartert.
Es ist die größte Ärztedemonstration in der Geschichte der Bundesrepublik. Wie groß müssen Frust und Verzweiflung der Mediziner sein, die ja - glaubt man den gebetsmühlenartigen Behauptungen vieler Politiker - angeblich noch immer zu den Spitzenverdienern und Profiteuren im Gesundheitswesen gehören? Wenn bundesweit mehr als 40.000 niedergelassene Ärzte auf die Straße gehen, strafen sie solche Behauptungen Lüge.
"Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Arzt werden", berichtet Dr. Reiner Grabenhorst aus Salzgitter. "Hätte ich allerdings gewusst, dass ich irgendwann gezwungen bin, meine Patienten nur noch abzufertigen, Billigmedizin zu machen und einen Großteil meiner Zeit mit Bürokratie zu verschwenden, wäre ich diesen Weg nicht gegangen", zieht der niedergelassene Chirurg seine bittere Bilanz. "Und was noch schlimmer ist: Wir sind ohne unser Zutun zum Hass-Objekt Nummer eins der Nation geworden, weil die Politik auch noch uns die Schuld dafür in die Schuhe schiebt, dass das Gesundheitssystem nicht mehr bezahlbar ist."
Der Generalvorwurf von Politikern und Kassen: Deutsche Mediziner würden bei der Abrechnung mauscheln, zu viele und vor allem unnötige Behandlungen abrechnen. In der Tat ist das Abrechnungssystem der Mediziner super kompliziert und undurchsichtig. Doch nicht nur der Patient weiß am Ende der Behandlung eigentlich gar nicht, was der Arzt nun eingenommen hat: Dem Mediziner geht es genau so. Das erfährt er erst rund ein Dreivierteljahr später, sein Einkommen wird nach einem komplizierten Schlüssel in Euro umgerechnet. Bis dahin tappt er völlig im Dunkeln, wie viel Geld er wohl überwiesen bekommt. Und oft kommt einfach gar nichts - 30 Prozent aller Leistungen werden nicht honoriert. Miete, Gehälter und Lebenshaltungskosten laufen aber ungebremst weiter.
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Dabei gäbe es eine einfache Methode, das Ganze für Arzt und Patienten viel einfacher und durchsichtiger zu gestalten: Der Arzt schreibt dem Patienten eine Rechnung in Euro, dieser kann Posten für Posten kontrollieren und reicht diese danach zur Erstattung bei seiner Kasse ein. Die-se Direktabrechnung ist in vielen Ländern schon seit Jahren gängige Praxis - zur Zufriedenheit von Arzt und Patient. Deshalb gehen auch viele deutsche Mediziner für eine solche Umstellung des Abrechnungssystems auf die Straße.
Politiker und Krankenkassen lehnen die Direktabrechnung lautstark ab. Sie sei unsozial. Branchenkenner vermuten hinter der Blockadehaltung jedoch eher die Angst der Politiker und Kassenmanager, dass die Patienten dann erstmals wirklich sehen würden, wie wenig ihr Arzt eigentlich für eine Untersuchung oder eine Operation einnimmt - und das bei astronomisch hohen Krankenkassenbeiträgen. Nur 16 Prozent der Kassenausgaben fließen überhaupt als Honorar an die niedergelassenen Ärzte (siehe Grafik).
| Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2005 |
Das monatliche Salär der niedergelassenen Ärzte sinkt seit Jahren sogar. Der Grund: Die Gesamtsumme für ihre Honorare, die die Kassen jährlich bereit stellen, ist seit Jahren real nicht angewachsen. Spätestens seit der Euro-Umstellung weiß aber doch jeder, dass sich die Preise für vieles schlichtweg verdoppelt haben. Und: Es haben sich in den letzten Jahren immer mehr Ärzte niedergelassen. Die Folge: Immer mehr Mediziner müssen sich von einem gleich groß gebliebenen Honorarkuchen ernähren.
"Von dem, was am Monatsende übrig bleibt, kann ich meine Familie kaum noch ernähren", klagen viele Ärzte zu Recht. "Arzt kann heute eigentlich nur noch sein, wer eine gut verdienende Ehefrau hat", witzelt deshalb ein Demonstrant verbittert. "Eine Arztpraxis zu betreiben ist eines der teuersten Hobbys, die es gibt."
Dass die Mediziner nicht übertreiben, beweisen Statistiken. "Bundesweit sind derzeit rund 30.000 der insgesamt 96.000 Arztpraxen von der Pleite bedroht - und das ist nur die Spitze des Eisbergs", weiß die Kassenärztliche Bundesvereinigung.
Kein Wunder: Denn von den 17.600 Euro, die etwa ein Augenarzt pro Monat einnimmt, bleiben am Ende nach Abzug aller Kosten nur 1.620 Euro zum Leben für ihn und seine Familie (siehe Kasten rechts). Dafür arbeitet er mehr als 60 Wochenstunden. Zum Vergleich: Ein Hartz-IV-Empfänger mit Frau und zwei Kindern bezieht monatlich um die 1.400 Euro.
| Das verdient ein Augenarzt im Monat |
| Am Beispiel eines Augenarztes, der nicht operiert, zeigen wir Ihnen, wieviel von den auf den ersten Blick hohen Umsätzen der Ärzte nach Abzug aller Kosten übrig bleibt.
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Umsatz mit Mitgliedern der gesetzlichen Krankenkassen:
Umsatz mit Privatpatienten:
- Gehälter Praxispersonal
- Miete Arztpraxis
- Versicherungen
- Kosten für Auto
- Werbe-, Reise-, Fortbildungskosten
- Abschreibungen (etwa für Medizingeräte)
- Instandhaltung der Praxis
- Sonstige Kosten (Telefon etc.)
- Zinsen für Praxiskredite
- Steuern
- Monatsrate für Praxiskredit
- Ärztl. Rentenversicherung
- Krankenversicherung
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15.000 Euro
2.600 Euro
4.240 Euro
1.140 Euro
235 Euro
400 Euro
300 Euro
2.500 Euro
200 Euro
2.000 Euro
1.000 Euro
1.100 Euro
1.600 Euro
665 Euro
600 Euro
1.620 Euro |
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Zum Leben für sich und seine Familie bleiben dem Augenarzt 1.620 Euro.
Mit Unterstützung von Steuerberater Holger Wendland, Erftstadt
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Die Finanzmisere der Ärzte trifft auch ihre Helferinnen. Ihre Jobs fallen dem Sparprogramm zum Opfer, zu dem die Gesundheitspolitik ihre Chefs zwingt. "Die Zahl der arbeitslosen Helferinnen hat seit Dezember 2003 in bisher nicht gekanntem Ausmaß zugenommen", warnt die Präsidentin des Berufsverbandes der Arzthelferinnen, Sabine Rothe.
Die Folgen bekommen auch die Patienten zu spüren: Im Praxisbetrieb knirscht es, weil Personal fehlt, Zeit für Erklärungen oder mal ein freundliches Wort nebenbei wird knapp.
Jede Praxispleite ist eine Katastrophe für den Inhaber - doch auch für die Patienten bedeutet das Praxensterben eine große Gefahr. Schon jetzt müssen Menschen in ländlichen Gebieten oft kilometerweit bis zur nächsten Praxis fahren. Vor allem für ältere Menschen oder Eltern ist das ein großes Problem. "Ich muss jetzt regelmäßig zum Nervenarzt, doch die nächste Praxis ist 35 Kilometer weit entfernt. Wie soll ich das ohne Auto schaffen?", fragt eine Patientin, die ihren Hausarzt auf seiner Reise nach Berlin begleitet hat. Ihr Arzt warnt: "Einige meiner Patienten zögern den nötigen Arztbesuch deshalb sogar hinaus - manchmal mit schlimmen Folgen."
Nicht nur Praxispleiten werden dazu führen, dass Patienten immer länger nach einem Arzt suchen müssen: Ärzte, die in Ruhestand gehen, finden angesichts der miserablen Arbeitsbedingungen keine Nachfolger mehr. Mehr als 55 Prozent aller Mediziner sind heute schon über 50 Jahre alt und wollen in den nächsten Jahren in Rente gehen. In Sachsen gibt es schon heute mehr Mediziner im Ruhestand als praktizierende Ärzte. Was fehlt ist der Nachwuchs.
Dessen Antwort auf über 60 Wochenarbeitsstunden, miserable Bezahlung und überbordende Bürokratie lautet hingegen: "Ich lerne Norwegisch." Das tut auch ein Jungmediziner auf seinem Demonstrationsschild kund. Wie viele seiner Kollegen kann er sich in Deutschland keine Zukunft als Arzt vorstellen, wird stattdessen sein Glück im Ausland versuchen. Er folgt damit 12.000 seiner Kollegen: Die skandinavischen Länder aber auch England und die Schweiz nehmen die exzellent ausgebildeten, hoch motivierten deutschen Jungärzte mit Kusshand - und honorieren deren Arbeit auch entsprechend: "Hier werden mir Respekt und Anerkennung entgegengebracht und für meine Arbeit werde ich angemessen bezahlt. Außerdem muss ich nicht mehr so viele unbezahlte Überstunden ableisten", beschreibt ein deutscher Allgemeinmediziner seinen Alltag in England.
| Ein Dorn im Auge ist den niedergelassenen Medizinern auch das Arzneimittel-Spargesetz: Strafzahlungen drohen ihnen schon bald, wenn sie ihren Patienten aus Sicht der Politik zu viele oder zu teure Medikamente verschreiben. Wer dagegen billige Medikamente verordnet, dem winkt ein Bonus. Mehr zu diesem Gesetz, gegen das die Ärzte und Patienten gemeinsam protestieren, lesen Sie hier.
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