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Ärzteprotest – „Die Versorgung geht hier den Bach runter“

Ärztemangel, überfüllte Praxen, lange Terminwartezeiten: Solche Probleme kennen Patienten in den ländlichen Regionen Niedersachsens, Brandenburgs oder Sachsen-Anhalts nur allzu gut. Doch jetzt schlagen auch die niedergelassenen Ärzte im reichen Hamburg Alarm. Die medizinische Versorgung in der Hansestadt könnte sich bald dramatisch verschlechtern, warnen sie – und haben sogar eine Protestinitiative gegründet. Doch was genau treibt den Hamburger Ärzten die Sorgenfalten auf die Stirn? „durchblick gesundheit“ fragt nach bei Dr. Michael Späth, einem der Hauptinitiatoren des Protests. 

Im Interview: Dr. Michael Späth
Dr. Michael Späth ist Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. Der 62-jährige Allgemeinmediziner ist einer der Hauptinitiatoren der Protestkampagne der Hamburger Ärzte. Mehr Infos zur Initiative gibt es auf der Internetseite www.billigwirdteuer.de


Ausgerechnet in der reichen Hansestadt Hamburg gehen die niedergelassenen Ärzte für mehr Geld auf die Straße. Was läuft da schief?

Erst einmal möchte ich betonen: Es geht uns Ärzten nicht um ein höheres Einkommen, das wir in die eigene Tasche stecken, sondern es geht uns um mehr Geld für die Versorgung unserer Patienten. Die aber ist gefährdet.

Warum?

Schuld sind eine Reihe von politischen Entscheidungen auf Bundesebene, die es in den vergangenen drei Jahren gegeben hat. Diese haben Hamburg benachteiligt. So ist Hamburg durch eine ungleichmäßige Verteilung des Ärzte-Honorars unter den Bundesländern von Honorarzuwächsen fast vollständig ausgeschlossen worden. Um es mit einer Zahl zu verdeutlichen: In den letzten zwei Jahren hätten den Hamburger Ärzten eigentlich rund 50 Millionen Euro mehr zugestanden. Das Geld wurde jedoch in andere Bundesländer verteilt mit der Begründung, für die Versorgung der Patienten in Hamburg bräuchte man nicht so viel Geld.

Das Problem ist, dass die Verteilung des Ärztehonorars zentral von Berlin aus geplant wurde und man dabei gar nicht auf die besonderen Begebenheiten vor Ort in den einzelnen Bundesländern geachtet hat. Aber es gibt nun mal große Unterschiede zwischen Bayern, Baden-Württemberg oder Niedersachsen und einem reinen Stadtstaat wie Hamburg. Die Versorgungssituation hier ist sehr speziell und mit keinem anderen Bundesland vergleichbar.

Was ist denn das Besondere an der Versorgung in Hamburg?

Wir haben hier zum Beispiel eine sehr umfassende, hoch spezialisierte Versorgung, also Behandlungsmöglichkeiten etwa in der Onkologie, in der Dialyse, in der HIV-Versorgung, die es so in der Fläche nicht gibt. Außerdem versorgen die Hamburger Ärzte viele Patienten aus dem Umland mit. Hamburg ist da führend, in keinem anderen Bundesland werden so viele Patienten aus dem Umland mitbehandelt. Das ist auch nicht ungewöhnlich, denn es gibt viele Pendler in der Metropole Hamburg. Die suchen sich ihren Arzt eben da, wo sie arbeiten. Hinzu kommt noch der hohe Anteil an psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung, der die Situation in Hamburg so besonders macht.

Was bedeutet das denn nun für die Patienten, wenn nach Hamburg weniger Geld fließt, als es eigentlich sollte?

Schon jetzt können wir die Patienten nicht mehr so gut versorgen, wie wir es eigentlich gerne tun würden. Wir haben kaum noch Zeit für Gespräche. Obwohl wir arbeiten bis zum Umfallen, wird unser Honorar unterm Strich immer weniger. Und wenn der Arzt nicht mehr genug Mittel hat, um in seine Praxis zu investieren, dann muss er zum Beispiel Personal abbauen. Für Patienten bedeutet das im Ergebnis längere Wartezeiten und insgesamt eine schlechtere Versorgung. Kurz gesagt: Die Versorgung geht langsam den Bach runter.

Andere Bundesländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Niedersachsen haben ganz andere Probleme: Dort herrscht heute schon akuter Ärztemangel, vor allem auf dem Land. Sind solche Regionen nicht dringender auf Hilfe angewiesen?

Im Prinzip haben Sie recht. Eigentlich sollte man sich darauf konzentrieren, erst einmal die Versorgung in den Regionen zu verbessern, in denen es zu wenige Ärzte gibt. Mich ärgert nur dieses Prinzip des Umverteilens von Geld zwischen den Bundesländern. Man greift den vermeintlich reichen Ländern wie Hamburg in die Tasche und sieht gar nicht, dass die Versorgung hier auch hoffnungslos unterfinanziert ist. Die Haus- und Fachärzte in Hamburg müssen für einen Regelsatz von 30 Euro im Quartal einen Patienten versorgen – egal, ob der Patient einmal oder zehnmal im Quartal die Praxis besucht. Und diese Vorgehensweise ist größtenteils auch noch hausgemacht.

Das müssen Sie erklären.

Ganz einfach: Diese Geldabzieh-Politik ist hauptsächlich eine Folge von Entscheidungen der Kassenärztlichen Vereinigungen und ihrer Vorstände, also der Organisationen, die sich unter anderem um die Verteilung der Honorare für die niedergelassenen Ärzte kümmern. Die Kassenärztliche Vereinigung in Hamburg ist leider klein und kann sich schlecht gegen die Interessen der größeren Kassenärztlichen Vereinigungen durchsetzen, von denen aber einige diese Geld-Umverteilung gut finden, weil sie – zulasten der Hamburger Versorgung – davon profitieren.  

Klingt so, als gehe es nicht ganz so harmonisch zu zwischen Ihnen und anderen Bundesländern.

Na ja, wenn man zum Beispiel von den Kollegen aus Westfalen-Lippe hört: „Holt euch die Mittel doch von den reichen Hamburgern!“, dann ist das schon ein starkes Stück. Ich finde das unkollegial. Das zeugt auch von einem mangelnden Sachverstand.

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, haben die niedergelassenen Ärzte in Hamburg einige Aktionen gestartet, zum Beispiel eine eigene Internetseite gestaltet, die vor allem die Patienten verständlich über die Probleme informieren soll. Und Sie sind mit Ihrem Protest auch schon auf die Straße gegangen. Wie kommt Ihr Protest eigentlich bei den Patienten an?

Bis jetzt haben wir von den Patienten durchweg Unterstützung bekommen. Als wir die Straßenaktion gemacht haben, kamen viele neugierige Passanten an und haben sich informiert. Sehen Sie, die Patienten möchten ja auch nicht, dass sich ihre Versorgung verschlechtert. Vor allem wollen sie auch wissen, was mit dem Geld passiert, das sie für ihre gesundheitliche Versorgung an die Krankenkassen bezahlen. Denn das ist jeden Monat eine ganze Menge. Die Versicherten in Hamburg zahlen im bundesweiten Vergleich schon die höchsten Kassenbeiträge. Und sie wollen, dass sie im Ernstfall auch davon profitieren.

Was muss sich ändern, damit die medizinische Versorgung in Hamburg gesichert bleibt?

Die Verhandlungen, wie viel Geld Hamburg für die medizinische Versorgung bekommt, müssen regional vor Ort stattfinden und nicht in Berlin. Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg muss mit den Hamburger Krankenkassen das Honorar für die Ärzte und Psychotherapeuten aushandeln. So kann sie dann auch auf die speziellen Begebenheiten hier vor Ort Rücksicht nehmen. Und deshalb ist es gut, dass die Bundesregierung jetzt das sogenannte Versorgungsgesetz verabschiedet hat, das ab diesem Jahr gilt. Darin ist geregelt, dass die Organisation der medizinischen Versorgung wieder mehr auf regionaler Ebene stattfinden soll. Leider soll das erst ab 2013 gelten. Wir hier in Hamburg werden uns dafür einsetzen, dass die Regelungen dann auch so umgesetzt werden.

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Mo, 13.02.2012 10:53 / Sarah Knoop / Januar-März 2012 Druckversion Mail Weiter

 

 

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