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Unstreitig ist bei den Medizinern derzeit nur eines: Die von dem Modell
überzeugten Kassen bieten den Ärzten in den Hausarztverträgen etwas mehr
Geld, da sie sich auf lange Sicht Einsparungen erhoffen. Ein Strohhalm,
an den sich viele Allgemeinmediziner klammern müssen. Das normale
Honorarsystem für Kassenärzte hat sie vielerorts an den Rand des Ruins
getrieben: In mehreren Bundesländern erhalten die Hausärzte nur noch um
die 35 Euro Pro Patient und Quartal – egal, wie oft er in die Praxis
kommt. Mit Hausbesuchen können sie ihr Honorar kaum aufbessern: Ein
Hausarzt in Bayern bekommt beispielsweise nur noch 15,41 Euro für einen
Hausbesuch. Davon kann er gerade einmal den Sprit bezahlen. Jeder dritte
Hausarzt fürchtet sich Umfragen zufolge inzwischen vor der Pleite, nur
15 Prozent bewerten ihre finanzielle Lage noch als gut. Tausende Ärzte
haben sich daher in Hausarztveträge eingeschrieben, von denen sie sich
Besserung erhoffen.
Geht es nach Gesundheitsminister Phillipp
Rösler, zerplatzen diese Hoffnungen jedoch schon bald wie Seifenblasen.
In seinem Entwurf für die nächste Gesundheitsreform legt der FDP-Mann
gezielt die Axt an die Extrahonorare in den Verträgen: „Die Koalition
ist sich darin einig, dass sich die Vergütung für die hausärztliche
Versorgung in Zukunft am Niveau der normalen ärztlichen Versorgung
orientieren soll.“ Soll heißen: In den Hausarztverträgen dürfen die
Ärzte nicht mehr Geld verdienen als ihre Kollegen, die keine Verträge
unterzeichnet haben. Schwacher Trost: Bereits gut laufende
Hausarztmodelle sollen „Bestandsschutz“ erhalten.
Für den
Deutschen Hausärzteverband Grund genug, zum Protest zu läuten. Erst mit
wenigen Krankenkassen konnte er Verträge für die Allgemeinmediziner
aushandeln. Bremst Rösler diese Entwicklung nun komplett, müssten die
Ärzte seiner Meinung nach alle Hoffnungen auf eine bessere Entlohnung
fahren lassen. „Herr Rösler will das Recht der Hausärzte, gute
Versorgungsverträge mit den Kassen abzuschließen, wieder einkassieren
und setzt damit die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung aufs
Spiel“, warnt beispielsweise Dr. Wolfgang Hoppenthaller, der Vorsitzende
des Hausärzteverbandes in Bayern. Sein Amtskollege in
Baden-Württemberg, Dr. Berthold Dietsche, stimmt ihm zu: „Mittlerweile
wird die Existenz unserer Praxen und damit die Versorgung der
Bevölkerung in Baden-Württemberg zu einem wesentlichen Teil durch die
Verträge zur Hausarztzentrierten Versorgung abgesichert, die zumindest
einen Teil der Verluste im normalen Honorarsystem kompensieren konnten.“
Diese Marschrichtung nun aufzugeben, könne fatale Folgen für die
Patientenversorgung haben.
Ende Juli startete der Bundesverband
des Deutschen Hausärzteverbandes schließlich eine
Öffentlichkeitskampagne: „Der Bundesgesundheitsminister gefährdet Ihre
Gesundheit“, war auf Plakaten in manchen Praxen zu lesen. Am 15.
September dann bundesweite Praxisschließungen, 2.000 protestierende
Hausärzte in Sindelfingen, 1.500 in Essen, kleinere Proteste in fast
allen anderen Bundesländern.
Für Rösler der erste größere
Ärzteprotest seiner noch jungen Ministerlaufbahn. Er entschied sich für
die unnachgiebige Haltung, verurteilte die Praxisschließungen: „Den
Protest auf dem Rücken von Patienten auszutragen, halte ich einfach für
unfair“, kommentierte der FDP-Politiker die Aktionen. Dies entspreche
nicht „dem ärztlichen Selbstverständnis“. Kritik auch von den Kassen,
die den Hausarztverträgen kritisch gegenüberstehen. Der Vorsitzende des
Ersatzkassenverbandes, Thomas Ballast: „Damit verspielen die Hausärzte
ihren Ruf bei den Versicherten und schaden dem Image des Arztberufes
insgesamt.“ Die Hausärzte verdienten genug und hätten keinen Grund zu
klagen.
Zufällig zeitgleich mir den Hausärzteprotesten zogen die
Kritiker der Hausarztverträge unter den Krankenkassen frische Analysen
über den angeblichen Reichtum der Halbgötter in Weiß aus dem Hut.
Unzählige Zeitungen druckten die Zahlen ohne kritische Nachfragen ab:
Von durchschnittlichen Einnahmen einer Hausarztpraxis in Höhe von rund
200.000 Euro war zu lesen. Ein „Durchschnittseinkommen des
niedergelassenen Arztes von 164.000 Euro“ meldete ein anderes Blatt.
„Schön
wär’s – aber hier wird mit Zahlen jongliert, die nichts mit der
Realität zu tun haben. Damit wird nur eine überflüssige Neiddebatte
ausgelöst“, weiß Dr. Ingeborg Kreuz aus Flensburg. Die Hausärztin ist
Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in ihrem Land und wacht
über die Abrechnungen der Ärzte für Kassenpatienten. „Tatsache ist, dass
es sich bei diesen Zahlen um einen Bruttoumsatz handelt. Ein Großteil
des Honorars wird verwendet für den Praxisbetrieb – Miete, Personal- und
Gerätekosten. Außerdem gehen noch Steuern und Altersversorgung ab.“
Was
bestenfalls übrig bleibt, hat ihr Amtskollege in Berlin, Dr. Uwe
Kraffel, ausgerechnet: „Der durchschnittliche Kostensatz einer
Arztpraxis liegt hier bei 114.515 Euro. Damit beträgt der Gewinn eines
niedergelassenen Arztes vor Steuern und Sozialabgaben in Berlin nur noch
50.103 Euro – für das ganze Jahr 2009.“ Vom Umsatz bleibe also gerade
mal ein Drittel übrig. „Und das bei einer durchschnittlichen
Wochenarbeitszeit von mehr als 50 Stunden. Nach Spitzenverdienern sieht
das nun wirklich nicht aus.“ Auch seien das nur Durchschnittszahlen. Ein
Großteil der Hausarztpraxen liege deutlich darunter.
„Wer will
für das Geld denn noch die Plackerei als Hausarzt auf dem Land mit
Patientenbesuchen am Abend und am Wochenende auf sich nehmen, wenn der
besser bezahlte Job in der Forschung, der Pharmaindustrie oder einer
Klinik winkt“, fragt Dr. Carsten Gieseking. Der Vorsitzende des
Hausärzteverbandes Braunschweig hat eine Landarztpraxis im Kreis
Giffhorn und beteiligte sich aus Überzeugung an den
Protestveranstaltungen im September. „Wir suchen seit einem Jahr einen
Hausarzt zur Verstärkung für unsere Praxis, da der Ärztemangel hier
langsam schlimme Formen annimmt – es hat sich kein Bewerber gemeldet“,
bedauert der Allgemeinmediziner. Wenn die Politik die Hausarztverträge
nun zerstöre, aber auch jenseits der Verträge nicht für eine
Verbesserung der Honorare sorge, werde kaum noch ein Nachwuchsarzt aufs
Land kommen. „Dann sieht es finster aus für die Patientenversorgung in
vielen ländlichen Regionen.“

© Horst Rudel
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