durchblick-gesundheit.de [ Durchblick -> Proteste -> Protestaktion – Hausärzte: unzufriedene Spitzenverdiener? ]

  Archiv
  Politik
  Medizin
  Ihr Geld
  Proteste
  Medien
  Impressum




Protestaktion – Hausärzte: unzufriedene Spitzenverdiener?

Gleich in mehreren Bundesländern standen die Patienten Mitte September vor verschlossenen Praxen – und einem Rätsel: Warum protestieren die Hausärzte für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen, wenn die Zeitungen gleichzeitig von Rekordhonoraren und saftigen Gewinnsteigerungen berichten? „durchblick gesundheit“ schaut sich die Situation der Allgemeinmediziner genau an.




© Hausärzteverband


   
Mit ihm wollte sie die Probleme des Gesundheitssystems lösen: Der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schwebte ein völlig runderneuerter Hausarzt vor. Als „Lotse im Gesundheitssystem“ sollte er die Patienten durch die Wirren des Systems führen, bei den Arzneimitteln sparen helfen und gleichzeitig kostspielige Facharztbehandlungen reduzieren. Als Mittel zum Zweck wählte sie das Modell der „hausarztzentrierten Versorgung“. Ihre Idee schnell in Gesetzesform gegossen, schob sie auch gleich noch eine Frist nach: Bis zum 30. Juni 2009 müssten sich die Krankenkassen überall entsprechende Verträge ausdenken und mit den Ärzten abschließen.

Das Resultat der wohlklingenden Pläne war jedoch Chaos im Gesundheitssystem – das bis jetzt anhält: Manche Krankenkassen bieten spezielle Hausarztverträge an – andere halten sie für Zeit- und Geldverschwendung. Debatten auch bei den Patienten: Wer sich in einen Vertrag einschreibt, muss zwar keine Praxisgebühr bezahlen – gibt dafür aber die freie Arztwahl auf. Zu guter Letzt Streit bei den Ärzten: Verbessern die Hausarztmodelle wirklich die Patientenversorgung oder geht es nur ums liebe Geld?



Unstreitig ist bei den Medizinern derzeit nur eines: Die von dem Modell überzeugten Kassen bieten den Ärzten in den Hausarztverträgen etwas mehr Geld, da sie sich auf lange Sicht Einsparungen erhoffen. Ein Strohhalm, an den sich viele Allgemeinmediziner klammern müssen. Das normale Honorarsystem für Kassenärzte hat sie vielerorts an den Rand des Ruins getrieben: In mehreren Bundesländern erhalten die Hausärzte nur noch um die 35 Euro Pro Patient und Quartal – egal, wie oft er in die Praxis kommt. Mit Hausbesuchen können sie ihr Honorar kaum aufbessern: Ein Hausarzt in Bayern bekommt beispielsweise nur noch 15,41 Euro für einen Hausbesuch. Davon kann er gerade einmal den Sprit bezahlen. Jeder dritte Hausarzt fürchtet sich Umfragen zufolge inzwischen vor der Pleite, nur 15 Prozent bewerten ihre finanzielle Lage noch als gut. Tausende Ärzte haben sich daher in Hausarztveträge eingeschrieben, von denen sie sich Besserung erhoffen.

Geht es nach Gesundheitsminister Phillipp Rösler, zerplatzen diese Hoffnungen jedoch schon bald wie Seifenblasen. In seinem Entwurf für die nächste Gesundheitsreform legt der FDP-Mann gezielt die Axt an die Extrahonorare in den Verträgen: „Die Koalition ist sich darin einig, dass sich die Vergütung für die hausärztliche Versorgung in Zukunft am Niveau der normalen ärztlichen Versorgung orientieren soll.“ Soll heißen: In den Hausarztverträgen dürfen die Ärzte nicht mehr Geld verdienen als ihre Kollegen, die keine Verträge unterzeichnet haben. Schwacher Trost: Bereits gut laufende Hausarztmodelle sollen „Bestandsschutz“ erhalten.

Für den Deutschen Hausärzteverband Grund genug, zum Protest zu läuten. Erst mit wenigen Krankenkassen konnte er Verträge für die Allgemeinmediziner aushandeln. Bremst Rösler diese Entwicklung nun komplett, müssten die Ärzte seiner Meinung nach alle Hoffnungen auf eine bessere Entlohnung fahren lassen. „Herr Rösler will das Recht der Hausärzte, gute Versorgungsverträge mit den Kassen abzuschließen, wieder einkassieren und setzt damit die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung aufs Spiel“, warnt beispielsweise Dr. Wolfgang Hoppenthaller, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes in Bayern. Sein Amtskollege in Baden-Württemberg, Dr. Berthold Dietsche, stimmt ihm zu: „Mittlerweile wird die Existenz unserer Praxen und damit die Versorgung der Bevölkerung in Baden-Württemberg zu einem wesentlichen Teil durch die Verträge zur Hausarztzentrierten Versorgung abgesichert, die zumindest einen Teil der Verluste im normalen Honorarsystem kompensieren konnten.“ Diese Marschrichtung nun aufzugeben, könne fatale Folgen für die Patientenversorgung haben.

Ende Juli startete der Bundesverband des Deutschen Hausärzteverbandes schließlich eine Öffentlichkeitskampagne: „Der Bundesgesundheitsminister gefährdet Ihre Gesundheit“, war auf Plakaten in manchen Praxen zu lesen. Am 15. September dann bundesweite Praxisschließungen, 2.000 protestierende Hausärzte in Sindelfingen, 1.500 in Essen, kleinere Proteste in fast allen anderen Bundesländern.

Für Rösler der erste größere Ärzteprotest seiner noch jungen Ministerlaufbahn. Er entschied sich für die unnachgiebige Haltung, verurteilte die Praxisschließungen: „Den Protest auf dem Rücken von Patienten auszutragen, halte ich einfach für unfair“, kommentierte der FDP-Politiker die Aktionen. Dies entspreche nicht „dem ärztlichen Selbstverständnis“. Kritik auch von den Kassen, die den Hausarztverträgen kritisch gegenüberstehen. Der Vorsitzende des Ersatzkassenverbandes, Thomas Ballast: „Damit verspielen die Hausärzte ihren Ruf bei den Versicherten und schaden dem Image des Arztberufes insgesamt.“ Die Hausärzte verdienten genug und hätten keinen Grund zu klagen.

Zufällig zeitgleich mir den Hausärzteprotesten zogen die Kritiker der Hausarztverträge unter den Krankenkassen frische Analysen über den angeblichen Reichtum der Halbgötter in Weiß aus dem Hut. Unzählige Zeitungen druckten die Zahlen ohne kritische Nachfragen ab: Von durchschnittlichen Einnahmen einer Hausarztpraxis in Höhe von rund 200.000 Euro war zu lesen. Ein „Durchschnittseinkommen des niedergelassenen Arztes von 164.000 Euro“ meldete ein anderes Blatt.

„Schön wär’s – aber hier wird mit Zahlen jongliert, die nichts mit der Realität zu tun haben. Damit wird nur eine überflüssige Neiddebatte ausgelöst“, weiß Dr. Ingeborg Kreuz aus Flensburg. Die Hausärztin ist Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in ihrem Land und wacht über die Abrechnungen der Ärzte für Kassenpatienten. „Tatsache ist, dass es sich bei diesen Zahlen um einen Bruttoumsatz handelt. Ein Großteil des Honorars wird verwendet für den Praxisbetrieb – Miete, Personal- und Gerätekosten. Außerdem gehen noch Steuern und Altersversorgung ab.“

Was bestenfalls übrig bleibt, hat ihr Amtskollege in Berlin, Dr. Uwe Kraffel, ausgerechnet: „Der durchschnittliche Kostensatz einer Arztpraxis liegt hier bei 114.515 Euro. Damit beträgt der Gewinn eines niedergelassenen Arztes vor Steuern und Sozialabgaben in Berlin nur noch 50.103 Euro – für das ganze Jahr 2009.“ Vom Umsatz bleibe also gerade mal ein Drittel übrig. „Und das bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von mehr als 50 Stunden. Nach Spitzenverdienern sieht das nun wirklich nicht aus.“ Auch seien das nur Durchschnittszahlen. Ein Großteil der Hausarztpraxen liege deutlich darunter.

„Wer will für das Geld denn noch die Plackerei als Hausarzt auf dem Land mit Patientenbesuchen am Abend und am Wochenende auf sich nehmen, wenn der besser bezahlte Job in der Forschung, der Pharmaindustrie oder einer Klinik winkt“, fragt Dr. Carsten Gieseking. Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Braunschweig hat eine Landarztpraxis im Kreis Giffhorn und beteiligte sich aus Überzeugung an den Protestveranstaltungen im September. „Wir suchen seit einem Jahr einen Hausarzt zur Verstärkung für unsere Praxis, da der Ärztemangel hier langsam schlimme Formen annimmt – es hat sich kein Bewerber gemeldet“, bedauert der Allgemeinmediziner. Wenn die Politik die Hausarztverträge nun zerstöre, aber auch jenseits der Verträge nicht für eine Verbesserung der Honorare sorge, werde kaum noch ein Nachwuchsarzt aufs Land kommen. „Dann sieht es finster aus für die Patientenversorgung in vielen ländlichen Regionen.“



 © Horst Rudel


    Möchten Sie den Artikel zum Verteilen herunterladen? Klicken Sie hier!
 

Di, 16.11.2010 12:10 / Jan Scholz / Oktober – Dezember 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.

durchblick gesundheit

 

Aus den Weblogs