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Tropenkrankheiten - Warnung vor exotischen Seuchen in Europa

Seit Tagen schon fühlt sich Karl M. matt. Immer wieder muss der Bankangestellte erbrechen. Kopfschmerzen und Schweißausbrüche lassen ihn kaum schlafen. Dabei ist er erst vor drei Wochen aus Afrika zurückgekehrt, wo er zusammen mit seiner Freundin einen langen, eigentlich sehr erholsamen Urlaub gemacht hatte. Da in Deutschland gerade Grippezeit ist, glaubt Karl M., sich ein banales Grippevirus eingefangen zu haben, und wartet erst mal ab. Aber die Symptome gehen nicht weg, sodass der Bankangestellte dann doch noch seinen Hausarzt aufsucht. Der hat rasch einen Verdacht: Malaria. Und in der Tat ergibt eine simple Blutuntersuchung, dass sich der 40-Jährige mit dem in Europa seit Langem ausgerotteten Erreger dieser Tropenkrankheit angesteckt hat. 

Für Tropenmediziner ist dieser Fall jedoch nicht ungewöhnlich. Jedes Jahr infizieren sich Touristen in afrikanischen oder asiatischen Ländern mit Erregern von Tropenkrankheiten wie der Malaria, auch Sumpf- oder Wechselfieber genannt. Jedes Jahr sterben allein an dieser Erkrankung fast eine Million Menschen. Und immer häufiger stellen Wissenschaftler fest, dass Malaria-Medikamente nicht mehr wirken.

Viele Experten befürchten sogar, dass solche Erkrankungen in Zukunft nicht nur europäische Touristen oder Geschäftsreisende betreffen könnten. Infolge des Klimawandels könnten in Europa Krankheiten und Erreger auftreten, die bislang nur in den warmen Ländern Asiens und in Afrika vorkommen, hieß es vor Kurzem in München auf einem Kongress für Tropenmediziner. Denn aufgrund der Erderwärmung fänden bisher fremde Erreger hierzulande jetzt bessere Bedingungen vor, erklärt der Tropenmediziner Professor Emil Reisinger von der Universität Rostock. „Es kann sogar sein, dass die Cholera wieder nach Europa zurückkommt“, warnt er.

Eine solche „Rückkehr der Tropenkrankheiten“ nach Europa könnte schwerwiegende Folgen haben. Denn anders als bei Krebserkrankungen oder Herz-Kreislauf-Krankheiten sind in den vergangenen Jahren kaum große Anstrengungen gemacht worden, neue,  wirksamere Arzneimittel zu entwickeln. „Es gibt praktisch kein Interesse der Industrienationen und der pharmazeutischen Industrie, neue Wirkstoffe zu entwickeln, da hinter diesen Erkrankungen zwar hohe Patientenzahlen stehen, aber keine entsprechenden Gewinnchancen“, erklärt der Infektiologe Dr. August Stich aus Würzburg. Aufgrund der großen Erfolge der Antibiotika-Therapie und Impfstoffe würden außerdem viele Infektionskrankheiten, nicht nur die sogenannten Tropenkrankheiten, zu wenig Beachtung finden und kaum als Bedrohungen wahrgenommen werden. Nur ein Beispiel  ist das Q-Fieber, eine besondere Form der Lungenentzündung. Trotz vieler „Ausbrüche mit Hunderten von humanen Q-Fieber-Fällen in den letzten Jahren“ wissen die Experten in Deutschland noch viel zu wenig über diese Erkrankung, kritisiert Privatdozent Dr. Martin Runge vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Dabei sei fast jeder Fünfte in Regionen mit vermehrtem Schafbestand mit dem Erreger infiziert, hieß es in Berlin Anfang Oktober auf einem Treffen von Experten. Besonders stark betroffen ist Holland: Dort sollen seit Anfang 2009 schon mindestens 2.100 Menschen an Q-Fieber erkrankt sein.

Die Warnung vor einer sogenannten „Wiederkehr der Infektionskrankheiten“ ist allerdings ebenso wenig neu wie der Hinweis auf den Klimawandel als mögliche Ursache. Schon 1996 erschien in Deutschland ein Buch mit dem Titel „Verkannt und heimtückisch – die ungebrochene Macht der Seuchen“.  Seit vielen Jahren wird der weltweite Klimawandel neben der Armut als eine Ursache diskutiert. Er gilt nicht nur als ein Grund für die in den letzten Jahren beobachteten extremen Wetterereignisse und Naturkatastrophen. „Von wahrscheinlich größerer Bedeutung als diese direkten Folgen werden langfristig die indirekten Folgen einer durch den Menschen gemachten Klimaänderung für die menschliche Gesundheit sein“, sagen deutsche Wissenschaftler. Mit Blick auf Deutschland betreffe dies nicht nur längst verbreitete Erreger wie Hantaviren, Borrelien und FSME-Viren, sondern auch neue, bisher in Deutschland nicht heimische Erreger, die über den Transport von Menschen, Tieren oder Waren eingeschleppt werden können.

Trotz all der Warnungen von Experten sollte man bei Müdigkeit, Fieber oder Husten natürlich nicht immer gleich an Malaria oder andere, in Europa immer noch exotische Tropenkrankheiten denken. Häufiges sei eben häufig und Seltenes selten, sagen erfahrene Ärzte. Aber wer mit Fieber oder anderen Beschwerden aus Afrika oder Asien zurückkehrt, darf eine Abklärung nicht auf die lange Bank schieben. Dies gilt auch für jeden, der in der Landwirtschaft arbeitet und sehr viel mit Tieren, Nutz- wie Haustieren, zu tun hat. Auch ein kurzer Urlaub auf dem Bauernhof kann unliebsame Folgen haben, zum Beispiel, wenn der Bauer Schafe züchtet. Ratsam ist immer, sich vor jeder Reise nach Afrika, Asien, aber auch auf den amerikanischen Kontinent einschließlich der USA ausführlich zu informieren. Denn die beste Therapie ist immer noch die Prophylaxe, sei es mit Impfungen, Medikamenten oder einfachen Hygienemaßnahmen. Wer aber trotz aller Vorbeugung nach einer größeren Reise oder auch sonst erkrankt und befürchtet, sich irgendwo angesteckt zu haben, kann selbstverständlich bei den Experten des Tropeninstituts in Hamburg etwa oder auch beim Robert Koch-Institut um Rat fragen. Auch viele Universitätskliniken haben heute Spezialisten für seltene Infektionskrankheiten.



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Do, 04.02.2010 13:06 / Dr. Thomas Kron / Januar – März 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

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