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Wenn es plötzlich in den Ohren "klingelt" - Ich höre was, was du nicht hörst - Tinnitus

Bildquelle: Techniker Krankenkasse

Es pfeift. Den ganzen Tag. Doch kein anderer hört das nervtötende Geräusch, das für Rainer Timpe seit 18 Jahren täglicher Begleiter ist. Er kann nicht mehr schlafen, sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr arbeiten. Die Diagnose: chronischer Tinnitus.

Viele kennen dieses nervige Fiepen, Sausen oder Brummen im Ohr, etwa als lästiges Nachspiel eines Abends im lauten Festzelt beim Schützenfest oder nach der Silvester-Böllerei. Rund zwei von drei Deutschen leiden irgendwann in ihrem Leben an einem Tinnitus – meist nur vorübergehend. Doch bei Timpe hörte das Geräusch nicht auf. Er teilt dieses Schicksal mit fünf bis zehn Prozent der Deutschen, die an einem chronischen Tinnitus leiden.

Der Begriff „Tinnitus aurium“ ist die lateinische Bezeichnung für „das Klingeln der Ohren“. Wer daran leidet, wird oft nicht nur von einem Brummen, Pfeifen, Zischen, Rauschen, Knacken oder Klopfen an den Rand des Wahnsinns getrieben, er kann meist auch schlechter hören. Manchmal hat er auch noch mit Drehschwindel zu kämpfen.

Ärzte unterscheiden zwischen einem aktuen Tinnitus, der bis zu drei Monate dauern kann, einem subakuten Tinnitus, der vier bis zwölf Monate anhält, und dem chronischen Tinnitus. Wer damit zu tun hat, hört seit mehr als einem Jahr Geräusche im Ohr. Bei einem akuten Tinnitus kann der Patient darauf hoffen, dass das Ohrgeräusch komplett wieder verschwindet. Bei chronischem Tinnitus ist das eher selten.

Doch woher kommt das nervtötende Geräusch überhaupt? Es gibt viele verschiedene Ursachen für einen Tinnitus. Bei etwa der Hälfte der Patienten sind es Lärm und Stress. Manchmal liegt der Grund direkt im Ohr: eine Mittelohrentzündung oder eine Verletzung des Trommelfells zum Beispiel. Oder das Innenohr ist nicht gut genug durchblutet. Auch wer Probleme mit der Halswirbelsäule oder dem Kiefer hat, kann plötzlich ein Klingeln im Ohr hören. Hoher Cholesterinspiegel und Bluthochdruck sind weitere Risiken. Sogar Medikamente – bestimmte Antibiotika, Antidepressiva und Schmerzmittel – können  einen Tinnitus auslösen.

Was tun, wenn es im Ohr „klingelt“? Allgemein gilt: Je rascher die Behandlung beginnt, desto besser. Wenn Ohrgeräusche zum ersten Mal auftreten, rät die Deutsche Tinnitus-Liga allerdings erst mal zur Ruhe: „Schlafen Sie einmal richtig aus. Sollten Ihre Geräusche am nächsten Morgen noch vorhanden sein, ist eine umgehende Untersuchung als Eilfall beim HNO-Arzt angeraten.“ Aber: „Haben Sie Ohrgeräusche gepaart mit einem tauben Ohr, sollten Sie gleich zum HNO-Arzt gehen. Dann besteht Verdacht auf einen Hörsturz.“

Der Arzt wird Sie zunächst meist mit Medikamenten behandeln. Sie bekommen Tabletten oder eine Infusion, zum Beispiel Vitamin-E-Präparate, Magnesium, Kortison oder durchblutungsfördernde Mittel. Eine weitere Möglichkeit ist die Sauerstoffüberdrucktherapie – über ihre Wirksamkeit streiten sich die Mediziner allerdings.

Bei andauernden Ohrgeräuschen muss der Patient lernen, sie einfach zu überhören. Beim sogenannten Retraining kommen häufig Rauschgeräte, „Noiser“ oder „Masker“, zum Einsatz. Über einen kleinen Apparat, einem Hörgerät ähnlich, hört der Patient ein leises, wenig störendes Geräusch, das den Tinnitus aber nicht übertönt. Der Patient lernt so, seinen Tinnitus zu ignorieren oder zumindest nicht mehr als störend wahrzunehmen. Etwa der Hälfte der Patienten gelingt dies. Weil Stress und psychische Anspannung den Tinnitus in der Regel verschlimmern, ist auch eine psychologische Behandlung wichtig. Autogenes Training oder Trainings zur progressiven Muskelentspannung können helfen, ebenso ein Ablenkungs- und Entspannungstraining (AET).

Rainer Timpe hat ein neues Verfahren von Jülicher Wissenschaftlern geholfen. Sie bekämpfen den Tinnitus mit Geräuschen. Die Jülicher machen eine Fehlsteuerung im Gehirn für den Tinnitus verantwortlich: Die Nervenzellen sind überfordert, können die vielen Eindrücke nicht verarbeiten, denen wir ausgesetzt sind. Ganze Bündel von Nervenzellen reagieren dann so, als hörten sie tatsächlich einen Ton und „produzieren“ ihn so. Abhilfe schafft ein Gerät im Ohr, das akustische Signale aussendet und die krankhafte Gleichschaltung der Nervenzellen aus dem Takt bringt. Die Töne müssen allerdings zum individuellen Tinnitus passen, sonst entsteht ein weiteres nerviges Geräusch. Momentan läuft das über einen MP3-Player. Künftig wollen die Jülicher Hörgeräte einsetzen. Über zwei bis drei Monate soll der Patient das Gerät täglich drei Stunden nutzen. Rainer Timpe hat nach 14 Tagen eine deutliche Verbesserung bemerkt: „Da ist der Tinnitus so weit zurückgegangen, dass ich sagen kann: Damit kann ich leben.“ Er konnte sich endlich wieder entspannen. Nach sechs Monaten ist sein Tinnitus fast völlig verschwunden. „Plötzlich wird das Leben wieder schön“, ist Timpe glücklich. Der Tinnitus-Neurostimulator wird zurzeit in einer klinischen Studie getestet. Er soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen.

Der tschechische Komponist Be-dřich Smetana („Die Moldau“) litt übrigens auch unter einem Tinnitus. Er verarbeitete ihn im Streichquartett Nr. 1 e-Moll „Aus meinem Leben“. Im Finale spielen zweite Violine, Viola und Violoncello ein düsteres Tremolo in tiefer Lage, während die erste Violine ein viergestrichenes E erklingen lässt – den Tinnitus, der den Komponisten quälte.


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Mo, 19.10.2009 12:34 / Kathrin Schneider / Juli - September 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

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