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Pharmazie – Selbsttests statt Arztbesuch: Sinn oder Unsinn?

Bildquelle: pixelio / jenafoto24.de
Warum sollte man die Zeit im Wartezimmer totschlagen und auch noch zehn Euro Praxisgebühren bezahlen, wenn es nur um eine Kontrolluntersuchung geht? Viel einfacher wäre es, sich selbst zu testen. So denken viele Deutsche, wie an den Zahlen verkaufter Selbsttests zu erkennen ist. Der Markt ist regelrecht explodiert. Die Palette an Selbsttests lässt kaum eine Frage zur Gesundheit aus: Von Fruchtbarkeit und Menopause über Cholesterin-, Blutzucker- und Gerinnungswerte, Säurehaushalt, Nierenerkrankungen, Hepatitis und Darmkrebs bis hin zu HIV. Mag der arztscheue Patient sich über die große Auswahl freuen und sich vorkommen wie im Supermarkt – Selbsttests sind mit Vorsicht zu genießen.

Thomas M. schleppte schon lange die Angst mit sich herum, HIV-positiv zu sein. Nie aber hatte er sich überwinden können, zum Gesundheitsamt oder Arzt zu gehen. Dann erzählte ihm ein Freund, dass es neuerdings möglich sei, einen Test aus dem Internet zu beziehen. Thomas zögerte nicht lange und schon bald lag ein Päckchen vor seiner Haustür, das ihm endlich Sicherheit verschaffen sollte. Thomas hatte Glück. Sein Freund klingelte zufällig zur richtigen Zeit an der Haustür. „Wäre Michael nicht gekommen, ich wäre nicht mehr am Leben“, resümiert Thomas. Denn das Testergebnis warf Thomas aus der Bahn: „POSITIV“. Michael überredete ihn, beim Gesundheitsamt einen zweiten Test zu machen. Thomas kann noch heute die Steine plumpsen hören, die ihm ein paar Wochen später vom Herzen fielen. Denn das ganze Drama war ein Fehlalarm. Der HI-Virus hatte ihn nicht infiziert, stellte das Labor zweifelsfrei fest.

Thomas ist kein Einzelfall und das Problem beschränkt sich nicht auf Produkte aus dem Internet. Ein ähnliches Drama hätte sich auch mit Tests aus der Apotheke abspielen können. So warnen Ärzte und Wissenschaftler vor einem Krebs-Test in Eigenregie. Besonders umstritten ist der PSA-Schnelltest, der Hinweise auf Prostatakrebs geben kann. Dieser Test misst, wie viele Prostata-Antigene im Blut sind. Liegt der Wert über einem bestimmten Betrag, kann dies auf Krebs hindeuten – muss aber nicht. Denn bestimmte Medikamente, die der Patient möglicherweise zusätzlich einnimmt, können den Wert verfälschen. So senken Schmerzmittel mitunter den Wert ab. Prof. Paolo Fornara, Direktor der Urologie-Universitätsklinik Halle-Wittenberg, rät ausdrücklich vom PSA-Schnelltest ab. Die Werte des Testergebnisses seien bis zu einem Drittel ungenau. „Mein Rat: Hände weg von solchen Selbsttests!“, warnt der Urologe.

Welche Art von Selbsttest ist sinnvoll und warum?
Das Problem bei den meisten Selbsttests ist, dass sie vom Fachmann interpretiert werden müssen: Ist der Cholesterinwert bedenklich? So landet der Selbsttester doch wieder beim Arzt. Gefährlich wird es vor allem, wenn das Ergebnis „falsch negativ“ ist. Umgekehrt kann es bei einem „falsch positiven“ Ergebnis enden wie im Fall von Thomas, der nur durch pures Glück noch „heil“ davonkam.

Fast absurd mutet ein Test an, der Aufschluss über einen Herzinfarkt geben soll. Der Notarzt ist wohl bei einem Herzinfarktpatienten die bessere Variante, als sich selbst Blut abzunehmen und minutenlang auf das Ergebnis zu warten. Tests wie etwa der zur Früherkennung von Diabetes sond dagegen durchaus sinnvoll. Den Gang zum Arzt ersetzen sie aber nicht. „Wenn ein Rohr bricht, rufe ich ohne zu zögern den Klempner – ohne auch nur auf die Idee zu kommen, es eigenhändig zu reparieren. Warum sollte ich dann nicht direkt zum Arzt gehen, wenn ich mich krank fühle?“, bringt es Fornara auf den Punkt.

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Mo, 15.06.2009 14:42 / Nele Baumann / Januar – März 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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