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Reizdarm - Zwicken und Kneifen im Bauch machen den Alltag zur Qual

Bildquelle: Sidroga
Ständig zwickt und kneift es in Marie K.s Bauch. „Oft denke ich, ich muss mal, renne zum Örtchen und dann kommt doch nur Luft raus“, beschreibt die 35-jährige Büroangestellte eine ihrer Beschwerden. „Das ist mir natürlich total unangenehm bei der Arbeit, wenn ich ständig aufstehen muss. Außerdem tut mein Bauch manchmal so weh, dass ich mich kaum konzentrieren kann.“

Nicht jeder, der mal Bauchschmerzen oder Durchfall hat, hat einen Reizdarm, auch Reizdarmsyndrom genannt (RDS). Doch haben Sie ähnliche Beschwerden mehrmals im Monat oder über einen längeren Zeitraum, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Krämpfe, Verstopfungen, Blähungen und Durchfall sind typische Symptome. Sie können abwechselnd auftauchen und bestimmen meist den Alltag der Betroffenen. Restaurantbesuche, Reisen und lange Autofahrten können für sie zur Qual werden, für manche sind sie sogar tabu. In Extremfällen trauen sich die Geplagten kaum noch aus dem Haus. Häufig verschlimmert Stress die Beschwerden.

Was die Ursachen des Reizdarmsyndroms sind, wissen Forscher noch nicht ganz genau. Doch mittlerweile ist klar, dass das Bauchhirn eine Rolle spielt: Das Bauchhirn ist ein Nervensystem im Magen-Darm-Trakt und bildet mit über 100 Milliarden Zellen die größte Ansammlung von Nervenzellen neben dem Gehirn. Dieses Darmnervensystem erstreckt sich von der Speiseröhre bis zum Darmausgang und übernimmt das Kommando über alle Verdauungsvorgänge nach dem Kauen. Es steuert die Muskelbewegungen, damit die Nahrung sich auf ihrem Weg durch den Magen-Darm-Trakt vorwärtsbewegen kann. Zusätzlich sorgt das Bauchhirn dafür, dass an den einzelnen Stationen dieser Route immer die richtige Menge an Verdauungssäften verfügbar ist. All dies läuft wie im Gehirn über Hormone und Nervenbotenstoffe ab.

Die Mediziner vermuten nun, dass diese Vorgänge im Bauchhirn bei Menschen mit einem Reizdarmsyndrom gestört sind, was die Darmmotorik aus dem Takt bringt. „Der Darm ist ein riesiger Muskelschlauch, der insgesamt gute sieben, acht Meter lang sein kann“, erläutert Dr. Michael Willems, Gastroenterologe (Magen-Darm-Spezialist) aus Hürth bei Köln. Kein Wunder, dass sich Störungen bemerkbar machen. Der Mediziner berichtet, das viele RDS-Patienten äußerst empfindlich auf die Dehnungsreize reagieren, die während der Verdauung wirken. „Sie haben generell eine extreme Körperwahrnehmung und sind sehr sensibel.“

Was den Betroffenen außerdem häufig zu schaffen macht: „Bei Röntgenaufnahmen vom Bauch haben Kollegen herausgefunden, dass RDS-Patienten oft mehr Luft im Bauch haben als andere“, berichtet Willems. „Es geht allerdings um die Luft, die in Bläschen gebunden ist“, betont der Mediziner. „Ist die frei, kann sie die Magen- und Darmschleimhaut sofort aufnehmen.“ In Bläschenform dagegen kann sie eine Qual sein und drückt und zwickt in den verstecktesten Windungen.

Bevor der Magen-Darm-Experte aber von einem Reizdarmsyndrom ausgehen kann, muss er andere Krankheiten ausschließen. „Mittlerweile haben zwar Wissenschaftler einige Kriterien zusammengestellt, die für das RDS sprechen, doch es gibt schwerwiegendere Krankheiten, wie etwa Darmentzündungen oder Infektionen, die häufig ähnliche Symptome verursachen“, erklärt Willems. Klagt ein Patient beispielsweise über Durchfall und Verstopfung im Wechsel oder über Blut im Stuhl, kann das sogar auf Darmkrebs hinweisen. Deshalb muss der Magen-Darm-Experte dann immer eine Darmspiegelung durchführen, um sicher zu sein. „Auch wenn das unangenehm ist, muss ich das unbedingt machen. Und die Patienten sind dann fast immer sehr erleichtert, dass sie ,nur‘ einen Reizdarm haben“, berichtet der Mediziner.

Ein Reizdarm ist zwar chronisch und noch kann man ihn nicht heilen. Doch ist das Problem erst mal bekannt, gibt es viele Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern: Bei schmerzhaften Blähungen zum Beispiel helfen Simeticon und Polydimethylsiloxan dabei, die Luftbläschen im Magen-Darm-Trakt aufzulösen. „Es dauert aber mindestens einen halben Tag, bis die Wirkstoffe im Darm sind. Also sollten Betroffene keine allzu schnelle Linderung erwarten“, mahnt der Magen-Darm-Experte.

Bei krampfartigen Schmerzen im Bauch schafft der Wirkstoff Mebeverin Abhilfe: Er führt zu einer Erschlaffung der Muskulatur und löst so die Krämpfe im Darm. Bei nicht ganz so ausgeprägten Beschwerden können aber auch warme, feuchte Wickel um den Bauch helfen. Verstopfungen können Geplagte mit Hilfe von Elektrolyt-Lösungen und generell mit viel Flüssigkeit angehen. Gegen Durchfall hilft Loperamid. Der Wirkstoff bremst die Darmbewegung.

Nicht bei jedem Patienten müssen es immer gleich Medikamente sein. Bei etwas leichteren Beschwerden haben sich so manche Heilkräuter bewährt: Kamille, Schafgarbenkraut und Anis können leichte Krämpfe lösen. Anis hilft gleichzeitig auch, wie Fenchel und Kümmel, Blähungen zu bekämpfen. Pfefferminze kommt sehr oft zum Einsatz, weil sie alle möglichen Magen-Darm-Beschwerden lindert.

Entzündungshemmend wirkt die Süßholzwurzel, auch als Lakritzenwurzel bezeichnet. Weil häufig mehrere Beschwerden auftreten, sind Heilkräutermixe als Tees oder in Tropfenform zu empfehlen.

In vielen Fällen hilft sogar nur eine Ernährungsberatung beim Arzt, denn dass jemand bestimmte Nahrungsmittel nicht verträgt, ist gar nicht so selten: Viele Menschen können zum Beispiel die Laktose in Milch nicht verdauen, und auch so einige komplexe Kohlenhydrate sind für den Magen-Darm-Trakt häufig schwer zu verarbeiten. Nicht umsonst gibt es Sprichworte wie „Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen“. Das sind dann zwar die gleichen Symptome, doch von einem Reizdarm kann hier nicht die Rede sein. Der Betroffene muss, wie bei einer Allergie, genau diese Lebensmittel weglassen, und schon verschwinden die Beschwerden.

Manchmal bekommen RDS-Patienten zu hören, sie sollten doch eine Psychotherapie machen, das sei doch nur eine Kopfsache. „Der Reizdarm ist keine reine psychosomatische Erkrankung, sonst könnte man ihn ja allein mit einer Psychotherapie heilen“, erklärt Willems. Sie kann zwar helfen, mit den Beschwerden besser umzugehen, doch beseitigen kann sie sie nicht. „Sie müssen die Betroffenen ernst nehmen“, betont der Mediziner. Nur so könne man ihnen helfen.

Wichtig für die Patienten ist, dass sie Geduld haben: Die wenigsten Therapieversuche schlagen direkt an. Doch mit ein wenig Ausdauer können sie ihre Symptome in den Griff bekommen. Außerdem sollten sie ihren Darm mit etwas Sport unterstützen, denn zu wenig Bewegung macht ihn träge.

Typische Symptome im Überblick:
  • Schmerz und Völlegefühl
  • zweitweise Durchfall oder Verstopfung (oft im Wechsel)
  • schmerzhafte Blähungen
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung
  • Beschwerden oft im Zusammenhang mit Mahlzeiten

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Do, 28.08.2008 17:12 / Anke Schaffrek / Juni-Juli 2008 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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