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Gefahr Jodmangel – Fast jede zweite Schilddrüse ist krank

Ist alles im Lot, tut die Schilddrüse still und unauffällig ihren Dienst: Diese chemische Wunderfabrik rechts und links des Kehlkopfes ist im Normalfall nur wenige Zentimeter groß und von außen unsichtbar. Sie produziert einen ganzen Cocktail von Hormonen, die den Stoffwechsel mitregulieren, das Nerven- und Herz-Kreislauf-System sowie die Muskulatur auf Trab halten.

Schwierig wird es, wenn die Schilddrüsenfunktion aus dem Ruder läuft: Dann produziert sie entweder zu viel oder zu wenig Hormone und beides bringt den Körper aus dem Takt – und das ist gar nicht so selten: Jeder dritte erwachsene Deutsche hat krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse, jeder zweite Bundesbürger über 45 ist bereits an der Schilddrüse erkrankt, fanden Forscher in einer der größten Schilddrüsen-Studien weltweit heraus. Die Folge: Jährlich werden rund 100.000 Patienten an der Schilddrüse operiert. Die Schilddrüsen-OP ist die vierthäufigste Operation in Deutschland überhaupt.

Alles fängt oft damit an, dass sich das Gewebe der Schilddrüse heftig vermehrt und sie anfängt, unnormal groß zu werden. Der häufigste Grund: Jodmangel. Dieses chemische Element ist ein wichtiger Baustein der Schilddrüsenhormone, ohne Jod kann das Organ nicht arbeiten, Mediziner sprechen dann von einer Schilddrüsenunterfunktion. Diese macht sich häufig erst spät und auch nur mit sehr unspezifischen Symptomen bemerkbar (siehe Checkliste unten).

Fehlt dauerhaft Jod, versucht die Schilddrüse, den Mangel dadurch auszugleichen, dass sie immer mehr hormonproduzierende Zellen bildet. Die Schilddrüse vergrößert sich dann deutlich – es entsteht ein sogenannter Kropf oder auch Struma, wie Mediziner den Kloß vor dem Hals nennen. Bei einigen Betroffenen ist die vergrößerte Schilddrüse der erste Schritt in eine andere Schilddrüsenstörung: die Überfunktion. Bei ihnen bilden die massenhaft vermehrten Schilddrüsenzellen viel zu viele Hormone. Normalerweise regelt der Körper selbst, wie viele Hormone er braucht und wann die Schilddrüse die Produktion wieder drosseln kann. Nur: Vermehrt sich das Schilddrüsengewebe unkontrolliert, entstehen bei einigen Betroffenen sogenannte „heiße Knoten“. Das ist Schilddrüsengewebe, das nicht mehr auf die körpereigene Regulation reagiert und ungebremst Hormone produziert. Die Folge: Der Hormonüberschuss bringt den Körper völlig durcheinander (siehe Checkliste unten).

Die Symptome einer Schilddrüsenstörung sind leider sehr vielfältig, was viele Betroffene häufig erst sehr spät stutzig werden lässt. Einmal beim Arzt, ist es für diesen aber relativ leicht herauszufinden, wie es um die Schilddrüse bestellt ist. Eine Vergrößerung und auch Knoten kann er häufig tasten. Hinweise auf eine Über- oder Unterfunktion gibt ein einfacher Bluttest: Am Ergebnis liest Ihr Arzt ab, ob Ihre Schilddrüse zu viele oder zu wenige Hormone herstellt. Eine zusätzliche Ultraschalluntersuchung bietet dann noch mehr Klarheit. Entdeckt Ihr Arzt einen Knoten in der Schilddrüse, kann er mit der sogenannten Szintigrafie herausfinden, ob der Knoten Hormone bildet oder nicht.

Steht die Diagnose, hat die Behandlung ein Ziel: Das überschüssige Schilddrüsengewebe wieder los- zuwerden. Dabei kommt es dann sehr darauf an, wie weit der Schaden schon gediehen ist. Manchmal reicht es aus, der Schilddrüse per Tablette wieder ausreichend Jod zuzuführen: Merkt der Körper, dass dieser wichtige Baustein ausreichend vorhanden ist, baut er häufig auch die überschüssig produzierten Schilddrüsenzellen wieder ab. Ist die Schilddrüse schon stärker geschädigt, führt reines Jod meist eher zu einer Verschlechterung. Dann setzen Mediziner auf eine Kombination aus Jod und künstlichen Schilddrüsenhormonen, das
Ziel ist aber das gleiche: Der „Rückbau“ der Schilddrüse.

Nur wenn Tabletten nichts mehr ausrichten oder die Schilddrüse schon sehr stark geschädigt ist, greifen Mediziner zur „Radio-Jod-Behandlung“: Der Patient schluckt eine Kapsel, oder sein Arzt gibt ihm eine Spritze, die radioaktives Jod enthält. Dieses lagert sich in der Schilddrüse an und zerstört dort das Gewebe. Manchmal hilft nur noch eine Operation, bei der ein Teil oder sogar die ganze Schilddrüse entfernt wird. Rund 100.000 Schilddrüsenoperationen und etwa 60.000 Radio-Jod-Therapien gibt es jährlich in Deutschland. 90 Prozent von ihnen wären überflüssig, würde in Deutschland die Jodversorgung stimmen.

Vor einem gefährlichen Jodmangel ist auch nicht geschützt, wer zu Hause Jodsalz verwendet: Denn das meiste Salz geben wir gar nicht selbst dem Essen zu, sondern es steckt bereits in fertigen Produkten wie Brot oder Wurst. In fünf Gramm Jodsalz (einem guten Teelöffel voll) stecken 100 Mikrogramm Jod, also die Hälfte der täglich benötigten Jodmenge. Wer aber isst schon zwei Teelöffel Salz zusätzlich am Tag? Tatsächlich verwenden wir täglich im Durchschnitt nur 1,9 Gramm zusätzliches Salz, wobei auch hiervon noch das meiste wieder beim Kochen verloren geht. Eine ausreichende Jodversorgung durch die tägliche Nahrung wäre in Deutschland nur gewährleistet, wenn alle Lebensmittelhersteller ausschließlich Jodsalz verwendeten.


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Tipp: So decken Sie Ihren Jodbedarf

Der tägliche Jodbedarf liegt bei 200 Mikrogramm, Schwangere und Stillende brauchen sogar 230 bis 260 Mikrogramm. Einen höheren Jodbedarf haben auch Raucher, weil bestimmte Schadstoffe im Glimmstengel die Jodaufnahme blockieren. Generell gilt: Verwenden Sie immer Jodsalz zu hause.

Jodlieferant Nummer eins ist natürlich Seefisch. Wer ihn mag, sollte ihn lieber noch öfter auf den Tisch bringen. Es muss ja nicht immer gleich Scholle satt sein: Auch ein Heringssalat auf’s Brot ist durchaus eine leckere Alternative für Zwischendurch.

Achten Sie beim Einkauf von Fertigprodukten immer darauf, möglichst Lebensmittel zu kaufen, die jodiertes Speisesalz enthalten. Gerade beim Brot lohnt ein kritischer Blick: Bäckereien verwenden immer häufiger jodiertes Speisesalz. Auch Milch und Milchprodukte sowie Fleisch enthalten immer mehr Jod, weil es dem Tierfutter beigemischt wird.

Wessen Schilddrüse gesund ist, der kann seine tägliche Jodration problemlos mit Tabletten ergänzen, die es auch rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen gibt. Doch Vorsicht: Fehlt Ihrer Schilddrüse schon lange dieser wichtige Baustein und hat sich ihr Gewebe schon vergrößert, kann die Schilddrüse heftig überreagieren, wenn auf einmal zu viel Jod im Körper auftaucht. Wer eine Schilddrüsenunterfunktion hat, wird häufig durch das plötzliche Jod-angebot im Körper zunächst nervös und fühlt sich wie aufgeputscht. Das kann nach einigen Tagen von allein wieder verschwinden, muss aber nicht.

Wer ohnehin schon an einer Überfunktion leidet und dann noch zusätzlich Jod einnimmt, verschlimmert die Symptome noch weiter. Deshalb: Im Zweifelsfall sollten Sie lieber Ihren Arzt fragen, bevor Sie auf eigene Faust Jodtabletten einnehmen, damit er eventuell Ihre Schilddrüsenfunktion checkt. Sinnvoll kann es sein, nicht sofort mit der Dosis von 200 Mikrogramm Jod pro Tag anzufangen, sondern die Joddosis über einige Wochen hinweg langsam zu steigern.



Check: Schilddrüsenunter- oder überfunktion

Check: Leiden Sie an einer Schilddrüsenunterfunktion?

  • Ist Ihnen häufig kalt, frieren Sie schnell?
  • Sind Sie antriebslos, müde, erschöpft?
  • Leiden Sie unter Konzentrationsstörungen?
  • Neigen Sie zu depressiver Stimmungslage?
  • Haben Sie aus unerklärlichen Gründen an Gewicht zugenommen?
  • Leiden Sie unter Verstopfung?
  • Haben Sie trockene, schuppende Haut oder stumpfe Haare?
  • Verspüren Sie ein Kloß- oder Engegefühl im Halsbereich?

Check: Leiden Sie an einer Schilddrüsenüberfunktion?

Das Krankheitsbild einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) kann individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Zu hohe Konzentrationen an Schilddrüsenhormonen lassen die Funktionen des Körpers auf Hochtouren laufen. Es gibt praktisch kein Symptom, das ausschließlich für die Hyperthyreose typisch ist und bei anderen Erkrankungen nicht vorkommen kann.

  • Ist Ihnen häufig warm, schwitzen Sie leicht?
  • Sind Sie nervös und unruhig, leicht reizbar?
  • Leiden Sie unter Konzentrationsstörungen?
  • Haben sie einen schnellen Pulsschlag oder manchmal Herzrasen?
  • Haben Sie aus unerklärlichen Gründen an Gewicht verloren?
  • Haben Sie häufig Stuhlgang, teilweise durchfallartig?
  • Haben Sie Schlafstörungen?
  • Können Sie schlecht schlucken, haben Sie ein Engegefühl im Hals?

Di, 04.03.2008 13:00 / Gaby Guzek / Juli-August 07 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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