Rätselhafte Kürzel, lateinische Fachbegriffe – ein medizinischer Befund ist für den Laien kaum zu verstehen. Medizinstudenten aus ganz Deutschland bieten Patienten ihre Hilfe an. Auf der Internetseite www.washabich.de übersetzen sie das Fachchinesisch der Ärzte in klares, verständliches Deutsch – und zwar kostenlos.
Kennen Sie das auch? Nach intensiver Untersuchung bekommen Sie von Ihrem Arzt einen Befund mitgeteilt. Sie sitzen lange im Sprechzimmer, Ihr Arzt erklärt ausführlich, was die Untersuchungen ergeben haben. Vielleicht drückt er Ihnen sogar einen CT-Befund oder eine Seite mit Laborergebnissen in die Hand. Dann kommen Sie nach Hause, und Ihre Familie fragt: „Was hast du denn nun?“ Und Sie? Blicken auf den Papierbogen in Ihrer Hand, ziehen die Augenbrauen zusammen und ... können es auch nicht so genau sagen. Denn in der Aufregung haben Sie das meiste, was Ihnen Ihr Arzt erklärt hat, schon wieder vergessen. Und das Ärzte-Kauderwelsch auf dem Zettel in Ihrer Hand ist auch keine Hilfe.
So ging es auch Freunden und Verwandten der Dresdener Medizinstudenten Anja Kersten und Johannes Bittner. Immer wieder wurden die angehenden Ärzte um Hilfe gebeten. Natürlich übersetzten und erklärten sie gerne. „Aber was ist mit den Menschen, die keinen Mediziner in der Familie haben“, fragte sich Kersten schließlich. So entstand die Idee, eine Internetplattform ins Leben zu rufen, auf der jedem geholfen wird. Gesagt, getan: Die beiden Medizinstudenten holten den Diplom-Informatiker Ansgar Jonietz ins Boot und legten los. „Das ging ganz schnell“, sagt Bittner. Von der Idee bis zur fertigen Internetseite habe es nur eine Woche gedauert.
Und so funktioniert „washabich“: Patienten können ihren Befund oder Teile davon entweder per Hand eintippen, ihn einscannen oder abfotografieren und über eine sichere, verschlüsselte Verbindung hochladen oder ihn per Fax schicken. Persönliche Daten sollten dabei aus Datenschutzgründen geschwärzt werden. Ihren Namen müssen Patienten nicht angeben, nur eine E-Mail-Adresse, an die die Übersetzung geht. Zudem fragen die Übersetzer nach Geschlecht und Geburtsjahr – denn das ist wichtig, um einen Befund einzuordnen. Innerhalb von 24 Stunden bekommen sie ihre Übersetzung, mit einem Passwort abzurufen über das Internet.
Kaum war die Seite online, gingen die ersten Anfragen ein. Es wurden immer mehr – inzwischen gibt es sogar ein „Wartezimmer“ auf der Seite, weil die Studenten mit dem Übersetzen nicht mehr hinterherkommen. 150 Befunde werden durchschnittlich übersetzt – und zwar jede Woche. Mehr schaffen die Studenten nicht, sie alle erledigen die Arbeit neben ihrem Studium – und das ehrenamtlich.
Seit Januar gibt es das Projekt – und es wächst rasant. Aktuell sind 242 Studenten von 32 Universitäten dabei, 33 Ärzte und zwei Psychologen. 2.300 Übersetzungen haben die Studenten bislang insgesamt angefertigt, sagt Bittner nicht ohne Stolz. „Wir hatten am Anfang zwei Fragen: Wird das angenommen? Und hilft es den Patienten wirklich? Beides können wir inzwischen mit einem klaren Ja beantworten.“
Mehrere Hundert Anfragen erreichen die Studenten inzwischen jede Woche. Heißt das, dass die Ärzte sich zu wenig Zeit zum Erklären nehmen? „Nein, das ist die Ausnahme“, betont Bittner. Die meisten Ärzte nehmen sich seiner Ansicht nach viel Zeit, aber die Patienten seien im Gespräch oft aufgeregt und nicht so aufnahmefähig, dass sie die Informationsflut bewältigen könnten. Vielen helfe es, wenn sie alles in Ruhe zu Hause noch einmal durchlesen könnten. Dazu komme, dass Computertomografien (CT) oder Magnetresonanztomografien (MRT) meist in Kliniken durchgeführt würden. Dort sei der Kontakt zum Arzt oft nicht so eng und es fehlten Zeit und Ruhe zum Erklären.
Den Großteil der Anfragen machen auch tatsächlich CT- und MRT-Befunde aus, außerdem werden oft Laborberichte eingesendet. Radiologie, Orthopädie und Innere Medizin sind die Top 3 der nachgefragten Fachbereiche, erzählt Bittner. „Ansonsten haben wir ein breites Spektrum, bis hin zur Zahnmedizin“, sagt er.
Aber könnten die Ärzte sich die Fremdworte nicht einfach sparen und gleich in verständlicher Sprache schreiben? Nein, sagt Bittner. Die Fachsprache habe einen Sinn: Die Informationen von Arzt zu Arzt seien damit schneller und präziser. Und viel kürzer: Ein einseitiger Befund komme übersetzt schnell auf doppelte oder dreifache Länge.
Und die Ärzte, wie reagieren die, wenn ihnen da so ein paar Jungspunde ins Handwerk pfuschen? „Das tun wir nicht“, betont Bittner. „Wir übersetzen lediglich die bestehenden Befunde. Wir ordnen sie nicht ein, und keinesfalls geben wir Therapieempfehlungen.“ Auch wenn Patienten oft danach fragten, „das wird strikt abgelehnt“. Damit grenzen sich die Studenten auch ganz klar von Angeboten wie dem Zweitmeinungsportal „Vorsicht! Operation“ (siehe hier) ab.
Einige Ärzte seien zwar zunächst skeptisch, wenn sie von dem Angebot hörten. Aber von Ärzten, deren Patienten mit einer Übersetzung in die Praxis kommen, gebe es sehr positive Resonanz, freut sich Bittner. Der Patient sei besser vorbereitet, könne gezielter nachfragen und Therapieentscheidungen besser nachvollziehen. So werde auch die sogenannte Compliance, das heißt die Therapietreue, verbessert.
Auch die Studenten haben etwas von ihrem Engagement. Jede Übersetzung sei wie eine kleine Fortbildung. Denn einen Sachverhalt patientengerecht zu erklären setzt voraus, ihn bis ins Detail verstanden zu haben. Die angehenden Ärzte lernen außerdem, sich verständlich auszudrücken – wichtig für den Kontakt mit Patienten im späteren Berufsleben. Mitmachen darf, wer mindestens im 8. Fachsemester ist. Am Anfang muss jeder ein Tutorial absolvieren und bekommt einen erfahrenen Mentor an die Seite gestellt. Bei schwierigen Fällen oder Fragen helfen außerdem erfahrene Ärzte. „Wir achten sehr auf die Qualität unserer Übersetzungen“, betont Bittner.
Für die Patienten ist der Service kostenlos. Das soll auch so bleiben, sagt Bittner. Das Portal finanziert sich über Spenden und Werbung.
|