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Narkose – Schmerzloser Schlaf aus der Spritze

© Wavebreak MediaMicro/ Fotolia.com

Rund 10 Millionen Patienten in Deutschland bekommen jährlich eine Narkose. Ein wenig unheimlich ist der „Schlaf auf Befehl“ ja schon. Gut geeignet also auch immer wieder für Horrorstorys, etwa über immer mehr Narkose-Tote. Doch was ist da dran? „durchblick gesundheit“ erklärt, was bei einer Narkose passiert – und wie groß die Risiken wirklich sind.

 Grusel, grusel: „Jährlich 43.000 Tote während der Narkose“ titelten kürzlich die deutschen Gazetten. Anlass war der Tod des Pornosternchens „Sexy Cora“, die ihre sechste Brustvergrößerung nicht überlebte. Solche Schlagzeilen sind gut für die Auflage – machen aber unnötig Angst. Denn: „Tod während der Narkose“ ist eben nicht „Tod durch Narkose“. Grund für die allermeisten Todesfälle auf dem OP-Tisch ist nicht die Narkose selbst. Meist liegt es dann an Krankheiten, die der Patient bereits hatte. So belastet eine Narkose etwa den Kreislauf. Einem Gesunden macht das nichts aus, Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen können dadurch aber in Schwierigkeiten geraten.

Durch die Fortschritte der modernen Medizin werden heute Menschen operiert, bei denen es früher aufgrund ihrer bereits bestehenden Krankheiten oder ihres Alters gar nicht möglich gewesen wäre. Das heißt, sie gehen bereits mit einem deutlich höheren Risiko in die Narkose hinein – klar, dass dann auch etwas schiefgehen kann.

Deshalb werden alle Patienten, bei denen eine Narkose geplant ist, erstmal sehr gründlich untersucht und in bestimmte Risikoklassen (die Mediziner nennen sie „ASA-Klassen“) eingeteilt. Wer gesund ist, gehört zur Risikoklasse 1 (oder auch ASA 1). Eine beruhigende Statistik: Nur 0,04 von 10.000 Patienten der Klasse „ASA 1“ sterben während einer Narkose. Also quasi keiner.

Das Risiko steigt mit zunehmender ASA-Einstufung. Ein Patient ASA 4 (das ist ein Patient mit einem schweren, lebensbedrohlichen körperlichen Leiden) hat ein Sterberisiko von 5,5 pro 10.000 Narkosen – was relativ gesehen noch immer wenig ist angesichts dessen, dass er ja ohnehin bereits lebensbedrohlich krank ist.

Natürlich ist der „Schlaf auf Befehl“ schon erst mal etwas unheimlich. Der Gedanke, völlig das Bewusstsein und damit auch die Kontrolle zu verlieren, ist für viele beklemmend. Da hilft es, genauer darüber Bescheid zu wissen, was denn genau bei einer Narkose passiert. Damit Mediziner einen Patienten operieren können, müssen drei Dinge passieren: Er darf von der Operation nichts mitbekommen, muss also bewusstlos sein. Er muss maximal entspannt sein und darf keine Schmerzen empfinden.

Für die Bewusstlosigkeit sind starke Schlafmittel zuständig. Sehr häufig verwendet werden etwa das Propofol oder das Midalozlam. Sie werden in die Vene gespritzt. Propofol hat den Vorteil, dass es blitzschnell wirkt – und nach dem Eingriff genauso schnell in der Wirkung nachlässt. Patienten berichten manchmal hinterher, dass sie sich gefühlt hätten wie ein Lichtschalter: „Ausknipsen, anknipsen.“ Eben wegen dieses Effekts setzen Mediziner das Propofol gern vor allem bei kürzeren Eingriffen ein, beispielsweise auch bei ambulanten Operationen. Der Patient ist in der Regel sehr schnell wieder fit. Nachteil des Propofols: Es brennt bei der Injektion, teilweise ist diese deshalb relativ unangenehm. Vorteil: Es gibt viele Patienten, die von durchaus sehr angenehmen und intensiven Träumen während der Narkose berichten. Man fällt also während einer Narkose nicht nur in ein schwarzes Loch.

Das Schlafmittel allein sorgt lediglich für die Betäubung – macht aber noch nicht schmerzunempfindlich. Deshalb ist zweiter Baustein jeder Narkose ein Schmerzmittel. Meist stammt es aus der Gruppe der Opioide – was aber nicht zu verwechseln ist mit Opium. Ihr Name sagt nur, dass ihre Wirkung der des Opiums gleicht. Zum Einsatz kommen heute meist die Substanzen Fentanyl, Dipidolor oder Remifentanil. Letzteres hat – wie auch das Propofol – den Vorteil, schnell zu wirken – und in der Wirkung auch schnell wieder abzuklingen. Das Duo Remifentanil (als Schmerzmittel) und Propofol (als Schlafmittel) wird in die Vene gespritzt und reicht gerade bei kurzen Eingriffen für die Narkose aus – es sind dann keine zusätzlichen Narkosemittel etwa über eine Atemmaske mehr nötig. Deshalb sprechen Mediziner bei dieser Narkoseart von der „TIVA-Methode“, was für „totale intravenöse Anästhesie“ steht. Bei größeren und längeren Eingriffen, wie beispielsweise im Brust- oder Bauchraum, kommt als drittes Medikament meist noch eines zur Muskelentspannung hinzu.

So schön der Supertiefschlaf aus der Spritze ist, eine Nebenwirkung hat er: Bei einer Narkose flacht die Atmung des Patienten immer weiter ab, bis hin zum völligen Atemstillstand. Klingt bedrohlich, ist aber nicht schlimm: Mediziner fangen dies durch eine künstliche Beatmung während der Operation auf. So erhält der Körper genügend Sauerstoff auch während des Eingriffs. Dazu müssen die Ärzte den Patienten „intubieren“. Das bedeutet, sie schieben einen dünnen Beatmungsschlauch durch den Mund, den Kehlkopf und die Stimmbänder hindurch in die Luftröhre. Das passiert aber erst, wenn der Patient sowieso schon in Morpheus’ Armen liegt und nichts davon merkt. Der Schlauch wird auch vor der Aufwachphase wieder entfernt. Das Einzige, was der Patient von diesem Schlauch mitbekommt, sind eventuell hinterher eine leichte Heiserkeit (weil die Stimmbänder gereizt sind) oder Halsschmerzen. Manche klagen auch über Schmerzen am Kiefergelenk – das liegt einfach daran, dass der Mund länger sehr weit geöffnet sein muss.

Häufig leiten Mediziner über den Beatmungsschlauch nicht nur die Luft zum Atmen in Richtung Lunge, sondern mixen ihr gleich noch Narkosegase bei. Diese dienen dann – nach der anfänglichen Injektion des Schlafmittels – zur Erhaltung der Narkose, bis der Eingriff vorbei ist. Manchmal kommt auch ein Mix zum Einsatz, das hängt sehr von der Art der Operation, vom Patienten und auch von der Erfahrung des Narkosearztes ab.


Das können Sie tun, damit die Narkose möglichst gut verläuft
  • Vor einem geplanten Eingriff bespricht der Narkosearzt mit Ihnen, was auf Sie zukommt. Er fragt Sie nach eventuellen früheren Narkosen, Ihrem Gesundheitszustand oder nach Allergien. Antworten Sie ihm gewissenhaft und verschweigen Sie nichts. Diese Informationen sind für den Arzt sehr wichtig, damit er die für Sie optimale Narkoseart wählen kann.
  • Wenn Sie Angst vor der Narkose haben, kann Ihnen der Arzt ggf. ein leichtes Schlaf- oder Beruhigungsmittel für die Nacht vor dem Eingriff verordnen. Nehmen Sie es. Es schadet Ihnen nicht, eine gute Nacht vor einer Operation lässt Sie hinterher aber wieder viel schneller fit werden.
  • Manche Medikamente wie etwa Blutgerinnungshemmer (Aspirin, Marcumar, Clopidogrel) müssen bereits einige Tage vor einer Operation abgesetzt werden. Halten Sie sich unbedingt an die entsprechenden Anweisungen des Arztes.
Seien sie zur Operation nüchtern. Der Grund: Sind im Magen noch Speise- oder Flüssigkeitsreste, besteht die Gefahr, dass diese während der Narkose durch die Erschlaffung des Körpers nach oben in die Luftröhre gelangen und von dort aus in die Lunge geatmet werden. Das kann eine schwere Lungenentzündung verursachen. Als Faustregel gilt: Bis zu sechs Stunden vor Beginn der Narkose dürfen Sie leichte, kleine Mahlzeiten wie Weißbrot mit Marmelade essen oder ein Glas Milch trinken. Klare Flüssigkeit wie Wasser oder Tee ohne Milch können Sie in kleinen Mengen bis zwei Stunden vor der Operation trinken.

Bis zu zwei Stunden vor dem Eingriff sollten Sie auch keine Zähne mehr putzen, die letzte Zigarette sollte noch länger her sein. Natürlich füllt Zähneputzen oder Rauchen nicht den Magen – lässt aber manchmal die Magensäure sprudeln, die dann in die Luftröhre gelangen kann.

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Do, 05.05.2011 11:52 / Gaby Guzek / April - Juni 2011 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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