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| Bürokratie in der Arztpraxis - Die Qual mit der Qualität |
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Arzt werden, um Menschen helfen zu können – mit dem Ziel beginnen wohl die meisten Medizinstudenten ihre Laufbahn. Doch die Ernüchterung folgt bei den jungen Ärzten meist schon in der Weiterbildung, zeigt eine nun von der Bundesärztekammer veröffentlichte Umfrage: Rund 90 Prozent der Jungmediziner klagen über Marathondienste, unbezahlte Überstunden und einen hektischen Arbeitsalltag. Häufiger Auslöser für die extreme Arbeitszeit und ganz oben auf der Frust-Liste: der Kampf mit Formularen, Dokumentations- und Kodierungspflichten.
„Wer sich dann als Arzt später in einer Praxis niederlässt, reibt sich meist verwundert die Augen: Anfragen von Krankenkassen, Versicherungen und Behörden, Formulare für die Abrechnung, Belege für die Praxisgebühr, Dokumentationspflichten – es wird immer schlimmer. Die Bürokratie wächst ins Unermessliche und raubt Zeit bei der Patientenbehandlung“, weiß Hautarzt Wieland Dietrich aus Essen. Der zweite Vorsitzende des Verbandes „Freie Ärzteschaft“ hört viele Klagen von Kollegen und Hinweise auf überflüssige bürokratische Erschwernisse. „Das betrifft Haus- und Fachärzte gleichermaßen.“
In Zahlen: Fast die Hälfte der Ärzte in Deutschland opfert aktuellen Analysen zufolge mindestens zwei Stunden der täglichen Arbeitszeit dem Papierkrieg. Rund ein Viertel der Ärzte (24,1 Prozent) muss eher drei Stunden für die Bürokratie aufwenden und mehr als jeder Achte (13,6 Prozent) ist damit nach eigenen Angaben sogar vier Stunden beschäftigt.
Offenbar sind die Bürokraten im Gesundheitssystem damit aber noch nicht zufrieden. Ihr neues Lieblingswort: Qualität. Im Grunde keine neue Entwicklung: Einzelne Praxen in großen Städten schmücken sich bereits seit Jahren mit Güte- und Qualitätssiegeln. In der Regel müssen sie dafür Arbeitsschritte in ihren Praxen an bestimmte Vorgaben anpassen und alles genau dokumentieren. Doch braucht die kleine Einzelpraxis in Hintertupfingen unbedingt ein „Qualitätsmanagement“ – und damit wieder ein paar Formulare mehr? Das Bundesgesundheitsministerium meint ja: Seit 2005 steht es so im Gesetz und alle niedergelassenen Ärzte in den Praxen müssen sich auf die fragwürdige Suche nach der angeblich verlorenen Qualität machen.
Die Industrie stürzte sich gleich auf das neue Marktsegment und witterte das große Geschäft: Mehrere Hundert Ratgeber, Fachbücher und Internetseiten erschienen bislang zum Thema Qualität in der Arztpraxis. In teilweise über 10.000 Euro teuren Seminaren lernen Ärzte, wie sie das Qualitätsmanagement (QM) am besten in ihre Praxis einbauen können. Einzelne Beraterfirmen finanzieren sich inzwischen komplett durch QM-Beratung.
Für den Facharzt Wieland Dietrich ein albernes Theater. Ob ein Arzt einen Patienten qualitativ hochwertig versorgen kann, hängt seiner Meinung nach nicht von Formularen und Gütesiegeln ab: „Wir Ärzte sollen neben fachlicher Weiterbildung, der wir gerne nachkommen, auch ein ,Qualitätsmanagement‘ einführen und betreiben, völlig ungeachtet der Tatsache, dass bei den heutigen Honoraren in der gesetzlichen Krankenversicherung – bei mir rund 13 Euro pro Patient und Quartal – selbst eine absolute Grundversorgung qualitativ hochwertig kaum möglich ist“, kritisiert Dietrich. „Wir bräuchten deshalb kein Qualitätsmanagement, sondern ausreichende Mittel für die Versorgung unserer Patienten.“
Eine Forderung, die in Berlin ungehört verhallt. Dort ist man eher der Meinung, dass es noch nicht reicht, dass Ärzte die Qualität jetzt „managen“. Fernab des Alltags in den Praxen sind Ärzte- und Kassenfunktionäre im sogenannten „Gemeinsamen Bundesausschuss“ zu der Erkenntnis gelangt, dass eine „Richtlinie über Einrichtungs- und sektorenübergreifende Maßnahmen zur Qualitätssicherung“ her muss. Im Kartext: Fast alle Handgriffe in den Arzt- und Zahnarztpraxen sollen dokumentiert, analysiert und ausgewertet werden. Geplant ist ein gigantischer Kontrollapparat, der die Leistung von Kliniken, Praxen und deren Behandlungen vergleichen und bewerten soll. Entdeckt das System „Auffälligkeiten“ in einer Praxis, drohen dem Arzt Konsequenzen – bis hin zu Honorarkürzungen und Zulassungsentzug.
Diese Überwachung klingt nach Meinung von Wieland Dietrich nicht nur wie aus einem düsteren Zukunftsroman und sei datenschutzrechtlich hochbedenklich – sie koste auch zu viel: „Die geplante Datensammlung sorgt nicht für mehr Qualität, sondern schürt Ängste und Misstrauen in der Bevölkerung und produziert Kosten, die für notwendige Behandlungen fehlen“, kritisiert der Facharzt. Gemeinsam mit weiteren Ärzten hat Dietrich Gesundheitsminister Rösler bereits in einem offenen Brief aufgefordert, die umstrittene Richtlinie nicht zuzulassen. „Dieses bürokratische Monstrum darf nicht kommen“, begründet er seine Initiative.
Laut Dietrich könnte nur ein Neuanfang im Gesundheitswesen dem Kontroll- und Bürokratiemonster Einhalt gebieten: „Die Politiker müssen erkennen, dass zwischen Arzt und Patient ein sensibles und schützenswertes Vertrauensverhältnis besteht, das den Kern guter medizinischer Versorgung ausmacht. Darauf müssen wir uns konzentrieren.“ Sinnvoll sei es daher, wieder ein direktes Vertragsverhältnis herzustellen: „Der Arzt stellt dem Patienten eine Rechnung aus, die dieser bei der Kasse zur Erstattung einreicht. Den Zirkus drumherum können wir uns dann sparen. Dies würde Transparenz schaffen und zu großem Bürokratieabbau führen, den sich so viele Ärzte und auch sehr viele Patienten wünschen.“
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