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Neue Vorschläge gegen den Ärztemangel – Panik auf dem sinkenden Schiff

Bildquelle: James Steidl/Fotolia.com
Wie eine Gewitterwolke schwebt er seit Jahren über der Republik: der drohende Ärztemangel. Oft reden die Politiker auch von „drohenden Versorgungsengpässen“, „drohenden Verteilungsproblemen“ oder „drohender Unterversorgung“ – Hauptsache, es wird nur gedroht. Denn wer zugibt, dass Deutschland schon längst ein großes Problem mit fehlenden Ärzten hat, müsste sich ja fragen lassen, warum er nichts dagegen unternommen hat. Für einen Gesundheitspolitiker äußerst unangenehm.

Immerhin: Anders als seine Vorgängerin Ulla Schmidt schob  Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler das Thema Ärztemangel im April erstmals breit in die Öffentlichkeit. Zwar sei die „gefühlte Unterversorgung“ viel größer, als es die Statistiken auswiesen. „Wenn wir aber jetzt nicht handeln, wird das Problem dramatisch schon in den nächsten zehn Jahren“, betonte der FDP-Politiker gegenüber der Presse.

Ein genauer Blick in die Statistiken zeigt allerdings schon eine große Menge „gefühlter Unterversorgung“ in einzelnen Bundesländern. So gibt es in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachen und Bayern längst Regionen, in denen sich der Weg zum nächsten Arzt für die Patienten verdammt weit anfühlt: Rund 680 unbesetzte Arztsitze gibt es inzwischen in Niedersachsen. In Sachsen-Anhalt werden rund 380 Mediziner gebraucht. Den Sachsen fehlen 370, in Bayern könnten 360 Ärzte aus dem Stand neu zugelassen werden – Thüringen und Brandenburg beklagen jeweils rund 200 fehlende Ärzte. Der Präsident der Bundes-ärztekammer, Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, versucht inzwischen gar nicht mehr, die Lage schönzureden. „Der Ärztemangel ist in vielerlei Regionen offensichtlich geworden“, beschrieb er auf dem Ärztetag in Mai den Status quo. „Die Hütte brennt.“

Löschaktionen aus Berlin sind rar: Ob ein Dorf in Brandenburg ohne Arzt auskommen muss oder unzählige Patienten in Sachsen-Anhalt nur in einer weit entfernten Klinik Hilfe finden, schien die Politik bislang wenig zu interessieren. Ärztevereinigungen in den Ländern kämpften im Alleingang wenig erfolgreich gegen die Probleme. Der plötzliche Tatendrang von Rösler und Kollegen hat einen Grund: Neue Erhebungen veranschaulichen drastisch die dramatische Alterung der Ärzteschaft. Die Zahlen sind viel schlimmer als bislang befürchtet. Schon bis zum Jahr 2015 hängen demnach rund 42.000 Ärzte aus Altersgründen den Kittel an den Nagel, darunter 21.000 Fachärzte. Rund 20 Prozent der Hausärzte in Deutschland haben bereits das 60. Lebensjahr überschritten. Für Gegenmaßnahmen bleibt also wenig Zeit.

Die oberste Behörde der Kassenärzte, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), ist sich sicher, dass die wenigen nachrückenden Jungmediziner auf die Schnelle keine 42.000 fehlenden Kollegen ersetzen können. „Es wird Gegenden in Deutschland geben, vor allem in strukturschwachen, ländlichen Gebieten, in denen es bestimmte Fachärzte gar nicht mehr gibt und in denen Hausärzte, sofern überhaupt noch vorhanden, die Nachfrage nicht mehr bedienen können“, malt der Vorsitzende Dr. Andreas Köhler ein düsteres Zukunftsbild. „Kern des Problems ist, dass wir es mit einer Zangenbewegung zu tun haben: Während auf der einen Seite vermehrt Ärzte in den Ruhestand gehen, rücken wenige junge nach. Das wiederum liegt nicht an einem generellen Mangel an Medizinstudierenden, sondern daran, dass zu wenige von ihnen sich am Ende ihrer Ausbildung auch für den Dienst am Patienten entscheiden.“

Die Wurzel des Übels ist also längst erkannt – die frischgebackenen Ärzte von der Uni wollen unter den derzeitigen Bedingungen nicht in den Arztpraxen schuften. Posten im Ausland oder in der Pharmaindustrie locken oft mit attraktiveren Arbeitsbedingungen und mehr Geld. Nach Meinung von Gesundheitsminister Rösler ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Universitäten oft die falschen Studenten auswählen. Sein Vorschlag: Die Unis verzichten bei den Bewerbern künftig auf das Aussieben nach Abiturnote: „Ich plädiere für eine Abschaffung des Numerus clausus und für eine stärkere Berücksichtigung von Auswahlgesprächen“, warf der Minister kürzlich einen Vorschlag in die Runde. Außerdem könnten doch Medizinstudenten, die sich gleich verpflichten, nach ihrer Ausbildung als Landarzt zu arbeiten, bevorzugt einen Studienplatz erhalten. Eine solche „Landarztquote“ könne auf lange Sicht die Versorgungslöcher stopfen.

„Das ist sicherlich ein schöner Gedanke, nur bei der Umsetzung sehe ich große Schwierigkeiten“, warnt Prof. Maximilian Reiser, Dekan der medizinischen Fakultät der Universität München. Ohne Numerus clausus würden sich deutlich mehr Kandidaten für das Medizinstudium melden. „Das aber würde die Kapazitäten der Universitäten erheblich strapazieren. Es stehen weder genug Räume noch Dozenten zur Verfügung.“ Drastischer formuliert es der Vorsitzende des großen Ärzteverbandes Hartmannbund, Prof. Kuno Winn: „Ein ausblutendes System so lange per ‚Druckbetankung‘ mit Medizinstudierenden aufzufüllen, bis schließlich eine ausreichende Zahl ausgebildeter Ärzte im System verbleibt, ist schon angesichts der enormen Ausbildungskosten gesellschaftspolitisch nicht zu verantworten.“ Auch die Pläne, die Studenten über Auswahlgespräche auszusuchen, seien „viel zu aufwendig und eindeutig unrealistisch“.

Mit dem Vorschlag einer „Landarztquote“ im Studium kann der Minister ebenfalls nicht landen. „Eher unwahrscheinlich ist es, dass ein 18-jähriger angehender Studierender bereit ist, sich darauf festzulegen, wo er in mehr als zehn Jahren zu praktizieren gedenkt“, gibt Winn zu bedenken. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) spricht sich auch gegen solche Quotenregelungen aus. Präsident Dominique Ouart ist sich sicher, dass noch so engagierte Änderungen im Studium nichts bringen, solange sich ein großer Teil der Nachwuchsärzte am Ende nicht in die Praxen traut. „Aus unserer Sicht hat das Auswahlverfahren zum Medizinstudium mit dem Landarztmangel faktisch nichts zu tun.“

Es muss eine Lösung direkt in den Problemgebieten her, meint deshalb die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Vorstand Dr. Andreas Köhler hält inzwischen auch ungewöhliche Maßnahmen für geboten: So könnten Ärzte beispielsweise zu bestimmten Terminen aufs unterversorgte Land kommen und dort in von den Kommunen gestellten Räumen behandeln. Auch über die „rollende Arztpraxis“ müsse zur Not nachgedacht werden. „Es darf keine Tabus geben, wenn wir die flächendeckende Versorgung aufrechterhalten wollen“, klingt Köhler schon beinahe verzweifelt. In strukturschwachen Gebieten könnten Behörden zur Not auch Ärzte in Pflegeheimen oder Arztstationen selbst anstellen, wenn es nicht genug Mediziner in den Praxen gebe.

Eine andere Strategie verfolgt unterdessen ein Förderprogramm in Sachsen: Übernimmt ein Arzt dort eine leer stehende Praxis – oder eröffnet sogar eine neue – kann er bis zu 100.000 Euro Startgeld beantragen. Auch Nordrhein-Westfalen versucht es mit Fangprämien: Bis zu 50.000 Euro zahlt das Land einem Hausarzt, der sich auf dem Land niederlässt. Mecklenburg-Vorpommern winkt sogar schon seit Jahren mit Investitionszuschüssen in Höhe von rund 25.000 Euro – geholfen hat es jedoch kaum etwas, räumen die Behörden vor Ort ein. Eine einmalige Starthilfe alleine löse das Problem offenbar nicht.

Dann muss es eben mit der Brechstange gehen, scheint das Bundesgesundheitsministerium zu denken: Da es in den Städten mehr Ärzte als auf dem Land gebe, müssten die Mediziner umgelenkt werden. Der konkrete Vorschlag von Minister Rösler: Gibt ein Arzt aus Altersgründen seine Praxis in der Stadt ab, darf er sie nicht an einen Nachfolger verkaufen. Sein „Arztsitz“ wird stillgelegt – neue Praxen dürfen dann nur in unterversorgten Regionen eröffnet werden. Auf Dauer sinkt dann die Arztdichte in den Ballungszentren – die Ärzte müssen notgedrungen aufs Land ausweichen.

Ein nicht unproblematischer und sehr umstrittener Vorschlag: Viele Ärzte haben das Geld aus dem Verkauf ihrer Praxis an einen Nachfolger fest als Alterssicherung einge-plant. Sie stünden vor dem Nichts, wenn die Pläne Röslers so umgesetzt würden. Der Minister schob zwar eilig hinterher, dass diese Ärzte dann ja auch eine Art Entschädigung bekommen könnten. Woher das Geld dafür kommen soll, erläuterte er jedoch nicht. Für viele ärztliche Organisationen daher ein absolut ungeeigneter Vorschlag. Der Hartmannbund verurteilte ihn sogar als Plan zur „Quasi-Enteignung“ der niedergelassenen Ärzte.

Welche Vorschläge auch immer aus der Politik kommen – sie bekämpfen in der Regel nur die Symptome und nicht die Krankheit, bemängeln inzwischen viele Ärzte. Aktuelle Umfragen unter Studenten und Ärztebefragungen zeigen ebenfalls: Solange die Arbeit in der Arztpraxis durch schlechte Bezahlung, enorme Bürokratie und unzählige staatliche Reglementierungen geprägt ist, lehnen die Nachwuchsärzte dankend ab und die alten Mediziner finden keine Nachfolger. „Am Ende geht kein Weg daran vorbei, dass Ärztemangel dauerhaft nur über die Attraktivität des Berufsbildes behoben werden kann“, bringt es Winn auf den Punkt.

Fakten, die auch Gesundheitsminister Rösler nicht unbekannt sind. Auf dem vergangenen Deutschen Ärztetag in Dresden forderte er deshalb neben dem Abbau von Bürokratie zwar, dass die Hausärzte in Anbetracht des Ärztemangels besser honoriert werden müssten. Gleichzeitig unterstrich er aber, dass es „insgesamt nicht mehr Geld im System geben“ könne. Stattdessen wolle er das Gesundheitssystem optimieren, damit mehr Geld dorthin gelange, wo es gebraucht wird.

Während die Politik also versucht, langfristig zu „optimieren“, müssen die betroffenen Landstriche schon jetzt zu verzweifelten Maßnahmen greifen. So betreiben seit knapp einem Jahr Ärzte, die sich offiziell eigentlich schon im Ruhestand befinden, eine Praxis in Gotha (Thüringen). Anfänglich 6, sind es jetzt noch 4 Mediziner im Alter zwischen 68 und 75 Jahren, die sich den Dienst dort teilen. Der Plan: Die Rentner sollen so lange die Stellung halten, bis ein junger Kollege die Praxis übernimmt. Bislang hat sich allerdings kein Bewerber vorgestellt.

Warum sprechen die Krankenkassen nicht von Ärztemangel?

Mehr Ärzte mit prinzipiell besseren Honoraren: Was die Versorgung der Patienten sichert, wird von den Krankenkassen gefürchtet – weil sie dafür tiefer in die Tasche greifen müssten. Während Politik und Ärzteschaft verzweifelt nach Problemlösungen suchen, drücken die Kassen beim Thema Ärztemangel mit alten Argumenten auf die Bremse: „Es gibt keinen generellen Ärztemangel, sondern höchstens regionale Engpässe, die zu beheben sind. 89 Prozent aller Planungsbereiche sind überversorgt, 10 Prozent regelversorgt“, winkt beispielsweise der Chef des Ersatzkassenverbandes, Thomas Ballast, ab.

Was ein solcher „Planungsbereich“ aber überhaupt ist, wissen nur die wenigsten Patienten: 1993 führte der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer ein Ärzte-Verteilungssystem ein. Die Bundesrepublik wurde in rund 400 Regionen – die Planungsbereiche – aufgeteilt und eine strenge Richtlinie regelt seitdem, wie viele Ärzte sich in welchem Bereich niederlassen dürfen. Ist die Quote erreicht, beträgt die Versorgung 100 Prozent.

Klingt logisch – hatte aber einen anderen Hintergrund als heute oft vermutet: Dieses System sollte eigentlich einer befürchteten Ärzteschwemme mitsamt ihren Folgekosten entgegenwirken. Im Kampf gegen den heutigen Ärztemangel ist das System nicht nur nutzlos, sondern hinderlich: Innerhalb eines Planungsbereiches liegen manchmal Städte, in denen es genug Ärzte gibt, und ländliche Regionen, in denen Mediziner fehlen. Für den Planungsbereich wird aber nur ein Gesamtwert ausgewiesen – der dann oft nicht besonders dramatisch klingt. Auch berücksichtigt das System nicht, wo viele alte und kranke Menschen wohnen und wo der Altersdurchschnitt der Patienten besonders hoch liegt. Ärzte fordern daher schon lange eine Reform dieses Systems, das den bestehenden Ärztemangel verschleiert.

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Do, 12.08.2010 11:56 / Jan Scholz / Juli – September 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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