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Wartezimmer-Wahlkampf - Ärzte behandeln politische Amnesie

Der Wechsel vom Regierungssessel auf die harte Koalitionsbank hat der SPD schwer zu schaffen gemacht. Das neue Führungsteam unter Sigmar Gabriel braucht nach dem Bundestagswahl-Debakel Erfolge. Um jeden Preis wollen die Sozialdemokraten daher bei der Landtagswahl in NRW punkten – und setzen im Wahlkampf voll auf die Gesundheitspolitik. Nach Ansicht der Ärzte in NRW ein großer Fehler: Sie bieten der SPD mit Gegenkampagnen Paroli.


Die Wahl in Nordrhein-Westfalen ist das Zünglein an der Waage: Erleidet Landeschef Jürgen Rütgers am 9. Mai eine Niederlage, ist damit auch die Mehrheit aus CSU, CDU und FDP im Bundesrat dahin. Gesundheitsminister Philipp Rösler müsste mit ansehen, wie seine Reformen ständig vom Länderparlament abgeblockt werden. Die SPD wittert ihre Chance und stellt nicht ohne Grund die Gesundheitspolitik ins Zentrum ihrer Wahlkampagnen: In kaum einem anderen Bereich lässt sich die Verantwortung für selbst verschuldete Probleme so schön auf die Nachfolgeregierung schieben.

Ein Beispiel für diese Taktik lieferte kürzlich der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Der Fraktionsvorsitzende kritisierte Gesundheitsminister Rösler heftig, da dieser „die Zusatzbeiträge der Krankenkassen zugelassen“ habe. Entfallen war Steinmeier offensichtlich, dass seine Parteigenossin Ulla Schmidt die Sonderbeiträge auf den Weg gebracht hatte. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach fordert unterdessen sogar ein Ende der Praxisgebühr – ebenfalls ein Kind von Schmidt. Von der SPD-Abgeordneten Carola Reimann (SPD) musste sich Rösler kurz nach seiner Amtsübernahme anhören, dass er „absolut nichts tut, um die Ausgaben im Gesundheitswesen zu begrenzen“. Kein Wort darüber, dass der FDP-Mann das Gesundheitssystem mit einem Milliarden-Minus von der Vorgängerregierung erbte.

Zeit, etwas gegen den Gedächtnisverlust der Politiker zu unternehmen, meinen die Mitglieder der „Aktion 15“. Die im Internet organisierte Ärztegruppe griff bereits im Bundestagswahlkampf mit Protestplakaten ein, die sich gegen Ulla Schmidt und die SPD richteten. Das damalige Wunschziel – die SPD unter 15 Prozent der Wählerstimmen zu drücken – gab der Gruppe ihren Namen. Nun treten die engagierten Mediziner auch bei der Landtagswahl in Aktion: „Wir werden alle Wartezimmer in NRW nutzen, um die Bürger daran zu erinnern, wer die Karre Gesundheitswesen acht Jahre lang in den Dreck gefahren hat und jetzt so tut, als sei es die neue Koalition gewesen“, kündigt der Sprecher der Aktion, der Frauenarzt Dr. Thomas Fix, an.

Zum Auftakt bringen die Initiatoren eine Plakatserie mit Ulla Schmidt und ihrem langjährigen Berater Karl Lauterbach in die Arztpraxen: „Mit dem Slogan ‚Wollen Sie die wieder haben?‘ und ‚NRW ist das Schlusslicht bei der ärztlichen Versorgung‘ sollen die Patienten daran erinnert werden, wer für die zunehmend katastrophalen Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen verantwortlich ist“, betont Fix. Die Ärzteschaft werde den Patienten intensiv davon abraten, „diejenigen zu wählen, die an der Krise im Gesundheitswesen schuld sind – und die bei einer gewonnenen Wahl ihre destruktiven Pläne in einem rot-rot-grünen Bündnis sofort weiterverfolgen würden. Aber dazu wird es nicht kommen.“

Was den Facharzt so optimistisch stimmt: Bereits in der Vergangenheit zeigten die Wahlkampfaktionen in den Arztpraxen eine enorme Breitenwirkung: Vor der Bundestagswahl informierten die Ärzte in den Wartezimmern täglich unzählige Patienten – in allen Regionen des Landes. „Ulla Schmidt hat ihr Direktmandat nach unserer Plakataktion verloren, und Karl Lauterbach hat seinen eigentlich zu 100 Prozent sicheren Wahlkreis nur mit wenigen Stimmen verteidigen können. Das zeigt, dass sich auch Bürger und Ärzte zusammen erfolgreich gegen das Aushungern der ambulanten Medizin wehren können – und das werden wir jetzt wieder tun“, kündigt Dr. Thomas Fix an.

Sigmar Gabriel selbst stieß im vergangenen Jahr bei einem Arztbesuch kurz vor der Wahl auf ein Anti-SPD-Protestplakat der „Aktion 15“ bei seinem Hausarzt. Vor Schreck sei ihm fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, gestand er in einem Zeitungsinterview. „Das hätte doch als Lernerlebnis reichen sollen“, meint Fix. „Es ist daher kaum zu glauben, dass Sigmar Gabriel nun einen so gravierenden strategischen Fehler macht, ausgerechnet Gesundheitspolitik zum Wahlkampfthema in NRW zu machen.“

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Di, 04.05.2010 12:24 / Jan Scholz / April - Juni 2010 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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