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| Priorisierung - Ärzte fordern offene Debatte über versteckte Sparpolitik |
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So aufgebracht war Ulla Schmidt schon lange nicht mehr: „Das ist ziemlich menschenverachtend“, schäumte die Gesundheitsministerin im Interview. Der ebenfalls empörte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sprach von „Panikmache“ und „abwegigen Vorschlägen“. Dabei hatte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, nur eines sagen wollen: Wenn die Politik den Geldhahn immer weiter zudreht, muss sie sich nicht wundern, wenn im Gesundheitswesen nicht mehr alle Leistungen zeitnah erbracht werden können. Liegt er damit so falsch? „durchblick gesundheit“ sprach mit dem Vizepräsidenten der Organisation „Freie Ärzteschaft“, Hans-Peter Meuser, über das Thema.
Ihren Ursprung nahm die öffentliche Diskussion im Mai beim Deutschen Ärztetag, dem größten Zusammentreffen aller Ärztefunktionäre in Deutschland. Der Präsident der Bundesärztekammer hatte dort die Rotstiftpolitik des SPD-geführten Gesundheitsministeriums gegeißelt und auf die Folgen verwiesen: Es müsse bald über eine „Priorisierung“ nachgedacht werden. Zu Deutsch: Da bei Ärzten und Patienten immer mehr gespart wird, führt bald kein Weg mehr an einer kritischen Auswahl vorbei, welche Therapiemöglichkeiten für welche Patienten in Zukunft zur Verfügung stehen und worauf Patienten unter Umständen verzichten müssen. Ein Sturm der Entrüstung fegte durch die Medienlandschaft. Fast jeder Politiker gab sich erbost und warf der Ärzteschaft vor, Angst und Panik zu verbreiten.
Dabei wird in anderen Ländern längst offen darüber gesprochen, welche Hilfe die Patienten bei medizinischen Problemen vom Staat erwarten können – und wo die Grenzen sind. In Schweden beschloss die Regierung beispielsweise schon vor zehn Jahren, Patienten in vier Gruppen einzuteilen. Die höchste Priorität haben danach Patienten mit lebensbedrohlichen Krankheiten oder auch Sterbende. Konkret bedeutet dies, dass nur sie Anspruch auf vollständige Finanzierung aus öffentlichen Mitteln haben. In einer schwedischen Region gingen die Überlegungen sogar noch weiter: Dort erarbeiteten Politiker zusammen mit Ärzten eine Liste mit Erkrankungen, deren Behandlung die Schweden komplett selbst bezahlen sollten. Darunter: Läuse, Knieprobleme bei älteren Menschen, leichtes Schnarchen oder Sterilisation des Mannes. Noch konnte sich die Idee jedoch nicht durchsetzen.
Sehr britisch-trocken geht es in England zu: Dort darf ein Lebensjahr in guter Lebensqualität umgerechnet 44.000 Euro an Medikamentenkosten verursachen. Alles darüber hinaus muss der Patient aus eigener Tasche zahlen. Ergänzend versichern sich die Menschen über private Anbieter.
Modelle, die für Deutschland undenkbar erscheinen. Schon die Debatte über die begrenzte Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems scheint tabu: Schließlich will kein Politiker mit unbequemen Themen auffallen – schon gar nicht vor einer Wahl.
Wie schädlich eine solche Diskussion für die Karriere sein kann, hat vor einigen Jahren der CDU-Jungpolitiker Philipp Mißfelder erfahren. Er hatte laut darüber nachgedacht, ob 85-Jährige noch auf Krankenkassenkosten eine künstliche Hüfte bekommen sollten. Der Sturm der Entrüstung steigerte sich zum Orkan, auf Druck von Unions-Landesfürsten wie Edmund Stoiber und Christian Wulff ruderte Mißfelder schließlich zurück. Der Grund: Die Partei kann auf die Rentner als Wähler nicht verzichten. Was eine grundsätzliche Rationierungsdiskussion betrifft, herrscht seitdem Funkstille in der Politik. Die ersten Gehversuche mit den vergangenen Gesundheitsreformen waren eher Trippelschritte: Wer an Komplikationen nach einem Piercing oder einer Schönheitsoperation leidet, muss für die Behandlungskosten unter Umständen selbst zahlen – große Entlastung bringt das für die Krankenkassen nicht. Die Politik bleibt stur. Alle Versuche der Ärzte, offen über das Thema der ihnen aufgezwungenen Priorisierung und über begrenzte Mittel in der gesetzlichen Krankenversicherung zu sprechen, werden abgeschmettert. „Dabei müssten wir dringend darüber reden. Wir haben nämlich schon eine verdeckte Priorisierung. Das System zwingt die Ärzte täglich dazu, schwierige Entscheidungen zu treffen, und lässt sie mit dieser Bürde allein. Die Politiker lenken nur gern davon ab“, weiß der Allgemeinmediziner und zweite Vorsitzende der Freien Ärzteschaft, Hans-Peter Meuser.
Lesen Sie unten das Interview mit Hans-Peter Meuser.
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Ärzte informieren Patienten im Internet
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Der Vizepräsident der Freien Ärzteschaft, Hans-Peter Meuser, liefert interessierten Patienten im Internet weitere Informationen zu den Problemen der derzeitigen Gesundheitspolitik. Unter der Adresse www.gesundheitswahlkampf.de finden Sie Angaben über die Situation der niedergelassenen Ärzte und ihre Forderungen für eine verbesserte Patientenversorgung. Der Allgemeinmediziner aus Langenfeld zieht dort ein düsteres Fazit: „Bereits jetzt, nach den ideologisch motivierten Spargesetzen der letzten Jahre, prägen Wartelisten das Bild, finden Arztpraxen auf dem Lande keine Nachfolger, verlässt der Ärztenachwuchs frustriert das Land“, heißt es dort. Patienten und Ärzte könnten jedoch gemeinsam etwas gegen diese Entwicklung tun – bei der anstehenden Bundestagswahl. Mit der Internetseite will Meuser daher den Bürgern Hilfestellung bei der Wahlentscheidung geben.
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| Im Interview erläutert Hans-Peter Meuser seine Sicht der Dinge: |
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Im Interview:
Hans-Peter Meuser
durchblick: Herr Meuser, Ärzte und Politiker sprechen derzeit über Priorisierung. Was genau hat man sich eigentlich unter diesem Begriff vorzustellen?
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Bestimmten medizinischen Leistungen wird Priorität eingeräumt, sie werden also bevorzugt. Wenn Politik und Krankenkassen nicht genügend Geld bereitstellen, können nicht alle Behandlungen bezahlt werden. Dann muss der Arzt entweder umsonst arbeiten oder aber Prioritäten setzen – also schwere und dringende Krankheitsbilder zuerst behandeln, andere auf die Warteliste setzen. Ursache ist die massive Unterfinanzierung der medizinischen Versorgung in den Arztpraxen, die politisch gewollt ist.
durchblick: Müssen wir uns also darauf einstellen, dass manche medizinischen Leistungen bald bevorzugt oder vernachlässigt werden?
Das ist leider schon so. Wir haben doch längst diese Priorisierung. Die Politik erlaubt sie den Krankenkassen, und die Krankenkassen haben sie längst eingeführt.
durchblick: Die Krankenkassen betreiben Priorisierung?
Richtig. Dadurch, dass man die Vergütung unserer Kernaufgaben seit Jahren immer weiter abgesenkt hat, haben viele Ärzte heute keine Wahl mehr, ob sie sich mehr mit Prävention und Chronikerprogrammen beschäftigen wollen oder lieber kranken Menschen helfen. Sie müssen sich verstärkt der Prävention zuwenden, schon des Geldes wegen. Auch unsere für die ärztliche Abrechnung zuständigen Behörden betonen immer wieder, dass man eine Praxis nur noch mit Privatpatienten, Präventions- und Chronikerprogrammen retten kann. Aber da die tägliche Arbeitszeit der Ärzte begrenzt ist, müssen sie zwangsläufig wichtige Behandlungen kranker Patienten, die kein Honorar abwerfen, unterlassen, um präventive, also bezahlte Leistungen erbringen zu können.
durchblick: Das kann doch nicht von den Kassen so gewollt sein.
Das Interesse der Politik und der Krankenkassen gilt doch nicht dem schwer kranken Bürger. Von Interesse ist der Wähler und gesunde Beitragszahler. Der soll bei Laune gehalten werden. Denn der geht wählen oder wechselt die Kasse, der Schwerstkranke und Sterbende eher nicht. Außerdem kann die Politik ja immer dem Arzt die Schuld in die Schuhe schieben: Angeblich zahlen die Kassen ja alles, was nötig ist. Dass die Kassen dabei gravierende Unterschiede machen, ist keinem Bürger klar: Notwendige Leistungen wurden zum Teil mit so engen Honorargrenzen bedacht, dass sie völlig unterbezahlt oder praktisch unbezahlt sind.
durchblick: Können die Ärzte Ihrer Meinung nach etwas dagegen unternehmen?
Wir können nur versuchen, der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen. Wir müssen auch den Patienten zeigen, dass es die Politik ist, die eine Verschlechterung der Versorgung verursacht, indem sie den niedergelassen Ärzten, Haus- wie Fachärzten, den Hahn abdreht. Wir Ärzte wollen allen Patienten helfen. Voraussetzung ist aber leider nun mal eine angemessene Bezahlung für alle unsere Leistungen, ohne die sich keine Praxis mit modernen Geräten, Mitarbeitern und Nebenkosten betreiben lässt. Den Menschen muss auch wieder klar werden, dass sie keine Wellness-Wochenenden auf Kosten ihrer Krankenkasse brauchen oder unzählige Untersuchungen in gesunden Tagen. Der Sinn ihrer Krankenversicherung besteht darin, im Ernstfall das Nötige zu bezahlen. Dafür zahlen die Patienten ihre Kassenbeiträge. Die große Koalition hat an einem zukunftsfesten Gesundheitssystem offenbar kein Interesse. Deshalb müssen Ärzte und Patienten das Thema gemeinsam in die Öffentlichkeit heben – und wenn Ulla Schmidt sich noch so sehr aufregt.
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