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| Medizinische Versorgungszentren - Kassenzentren: Zwischen Profit und Provokation |
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| Ruckzuck im Sprechzimmer beim Facharzt, der Topmediziner nimmt sich natürlich ganz viel Zeit, und was er nicht erklären konnte, übernehmen seine wahnsinnig freundlichen Helferinnen doch immer gerne. Das Patientenparadies – es existiert: in den Hochglanzbroschüren der Krankenkassen. Sie werben dort für ihre „Medizinischen Versorgungszentren“. Ein Blick hinter deren Kulissen zeigt aber: Auch dort hat man die Medizin nicht neu erfunden – im Gegenteil bedrohen diese Zentren sogar in Städten die medizinische Versorgung, berichten Experten. |
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 Alte Probleme hinter moderner Fassade: Das MVZ-Prinzip stammt aus der DDR | In der Eingangshalle sorgen die durchgestylten Möbel für eine kühle Atmosphäre – das Licht ist einen Tick zu hell und lässt den Empfangstresen noch ein wenig höher wirken. Dahinter wachen zwei grau gekleidete Mitarbeiterinnen über Telefonanlage und Aktenordner. „Sie wünschen?“, fragt eine der Empfangsdamen etwas gelangweilt und schaut über den Rand ihrer Brille. Natürlich wünscht der Patient einen Arzttermin.
Schließlich hat ihn der Gang durch die verspiegelte Glasfassade direkt ins viel umworbene „Atriomed“ geführt: nach Verlautbarungen der Techniker Krankenkasse (TK) eines der modernsten und revolutionärsten Versorgungszentren des Landes. In ihm sollen Ärzte unterschiedlichster Fachrichtungen zusammenarbeiten – ein „Meilenstein“ in der medizinischen Versorgung, heißt es auf dem Werbezettel.
Doch das Prinzip solcher Zentren ist alles andere als revolutionär und schon gar nicht neu. Es basiert auf den in der DDR bekannten Polikliniken: Ärzte mehrerer Fachgruppen arbeiten als Angestellte zusammen unter einem Dach – was nicht unbedingt Vorteile hat, denn so kann sich der Patient nicht aussuchen, zu welchem Arzt er möchte. Er wird von dem behandelt, der gerade Dienst hat. Das kann heute der sein – und morgen schon ein ganz anderer.
Bislang steht der Beweis noch immer aus, dass die Behandlung in solchen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) tatsächlich medizinisch besser ist. So ist der Grund, warum sie trotzdem wie die Pilze aus dem Boden schießen, auch wieder einmal eher beim lieben Geld zu suchen, denn die Betreiber solcher Zentren versprechen sich lukrative Geschäfte. Schon länger spielen deshalb börsennotierte Konzerne und Klinikbetreiber im großen MVZ-Gesundheitsspiel mit.
Neu ist jedoch, dass jetzt auch die Krankenkassen auf diesen Zug aufspringen: Zwar errichten sie nicht gleich massenhaft eigene Ärztehäuser, AOK und DAK versuchen derzeit aber, durch spezielle Verträge schon bestehende Zentren an sich zu binden und nach eigenen Plänen umzugestalten. Auch haben die Betriebskrankenkassen angekündigt, in den norddeutschen Bundesländern gleich mehrere „Gesundheitszentren“ errichten zu wollen. Allen voran stürmt die Techniker Krankenkasse. Gemeinsam mit einem privaten Unternehmen stampfte sie unter dem Namen „Atriomed“ neue Ärztezentren in Köln, Hamburg, Leipzig und Berlin aus dem Boden – parallel dazu wurden die eigenen Versicherten vor Ort mit Werbematerialien und Info-Zetteln überschüttet.
Ein echtes Problem für die Ärzte und Behörden vor Ort, beispielsweise in Hamburg. Schon bei der Gründung des „Atriomed“ im vergangenen Jahr benahmen sich die Zentrumsbetreiber wie die Axt im Walde, weiß der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Walter Plassmann, zu berichten. Seine Behörde muss in der Hansestadt eigentlich dafür sorgen, dass den Patienten in allen Stadtteilen genügend Haus- und Fachärzte zur Verfügung stehen. Das von der Kasse gesponserte Zentrum machte ihr da aber einen Strich durch die Rechnung. In einer Stadt dürfen sich nicht beliebig viele Ärzte niederlassen. Es ist gesetzlich geregelt, wie viele Haus- und Fachärzte dort eine Praxis aufmachen dürfen. Deshalb hat das „Atriomed“-Zentrum kurzerhand Kassenarztsitze (so nennt man die Planstellen für niedergelassene Ärzte) aufgekauft und sie in das neue „Atriomed“ an der Jarrestraße integriert.
Das Problem dabei: Die aufgekauften Praxen befanden sich oft in ärmeren Stadtteilen, in denen sowieso schon ein Mangel an Arztpraxen herrschte. So fehlt jetzt den Patienten im Stadtteil Billstedt ein Lungenfacharzt, genauso müssen sich viele Menschen aus dem Stadtteil Finkenwerder nach einem neuen Hausarzt umsehen. „Wir müssen mit viel Mühe und Geld nun die entstandenen Lücken schließen und versuchen, neue Mediziner dort hinzubekommen“, stöhnt Plassmann.
Wenn das Zentrum wenigstens ebenfalls Patienten in schwach versorgten Gebieten zugutekäme, wäre das seiner Meinung nach noch zu verschmerzen. Aber das MVZ steht ausgerechnet da, wo es schon genügend Praxen gibt. „In schlechter versorgten Stadtteilen werden Lücken gerissen – während an anderer Stelle ein Überangebot geschaffen wird. Das führt zu einem ungesunden Wettbewerb.“ Es sei „schwer erträglich, dass diese Entwicklung auch noch mit den Geldern der Versicherten finanziert wird“. Unverständnis auch beim Bundesverband der Verbraucherzentralen: „Ich frage mich, warum die Kassen solche Versorgungszentren nicht in strukturschwachen Stadtteilen errichten, sondern ausgerechnet in schon überversorgten Regionen“, wundert sich Sprecher Dr. Stefan Etgeton.
An der Kasse prallt diese Kritik einfach ab. „Es geht uns zunächst um die Metropolen. Dort fangen wir an, ein Angebot zu schaffen, um Erfahrungen zu sammeln“, erklärt der Pressesprecher der TK, Hermann Bärenfänger, und gibt offen das Ziel der ganzen Aktion zu: „Wir erhoffen uns Kosteneinsparungen von 30 Prozent.“ Auch Kassenvorstand Dr. Norbert Klusen betont, dass man sich aufgrund der Versichertenstruktur als „Ballungsraumkasse“ verstehe und sich mit den Zentren vorerst nur auf Großstädte beschränke.
Offenbar vertraut die Kasse ganz auf die Rückendeckung aus der Politk: Die erhält sie von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Die dienstälteste Ministerin des Landes hatte schon das erste „Atriomed“-Zentrum in Köln vor rund zwei Jahren gemeinsam mit Kassenvertretern feierlich eröffnet und bei Sekt und Häppchen von einer „verbesserten medizinischen Behandlung“ geschwärmt.
Doch die nüchternen Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine erste Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg zeigt, dass das Zentrum ein Rückschritt für die Patienten in der Hansestadt bedeutet: In den ersten drei Monaten versorgte das „Atriomed“ nicht einmal halb so viele Patienten wie die dort arbeitenden Ärzte vorher in ihren Einzelpraxen. „Damit haben sich unsere Befürchtungen leider bestätigt“, kommentiert Plassmann die Zahlen und zieht ein düsteres Fazit: „Das Zentrum vernichtet Versorgung.“
Nicht nur in Hamburg sorgen die neuen Kassenzentren für Kritik: Gerade die Schlagzeilen aus Berlin dürften der Techniker Krankenkasse nicht schmecken, zumal sie bundesweit gerne auf die Erfolge einer eigenen „Ermittlungsgruppe“ verweist, die Abrechnungsmanipulationen aufspüren soll: Ausgerechnet die Mitarbeiter des von der Kasse unterstützten „Atriomed“ in der Hauptstadt stehen selbst unter Betrugsverdacht. Drei Mediziner sollen die Behandlung von Patienten falsch abgerechnet haben. Obwohl das Zentrum auf einen Computerfehler verweist und sich juristisch gegen die Vorwürfe wehren will, haben die zuständigen Behörden Zeitungsberichten zufolge schon die Genehmigungen für alle Kassenarztsitze widerrufen. Ohne diese Zulassung können die Mediziner keine Behandlungen von Kassenpatienten abrechnen. Damit droht dem Versorgungszentrum das Aus.
Arge Startschwierigkeiten haben die für Nürnberg und München geplanten Zentren. Vor Ort stößt das Team aus privater Betreibergesellschaft und gesetzlicher Krankenkasse auf massiven Ärzteprotest: Die Hausärzte in Mittelfranken haben sich sogar mit einer Resolution an die Öffentlichkeit gewandt und die MVZ-Pläne massiv kritisiert. Darin warnen sie vor einem „profitorientierten System“ und „abhängigen Medizinern, die bei der Kasse angestellt sind“. Patienten müssten damit rechnen, dass bei ihrer Behandlung von Anfang an nicht das medizinisch Notwendige, sondern nur das für die Kasse Günstige im Vordergrund stehe. „Patienten und Ärzte sollten gemeinsam alles in ihrer Macht Stehende tun, dass solche Projekte zum Scheitern verurteilt sind“, erklären die Hausärzte.
Auch wenn sie sich im Süden vorerst eine blutige Nase holt – die TK hält an ihrem Plan fest, in Kürze bundesweit weitere neue Zentren zu fördern. In welchem Umfang dafür Versichertengelder von der Kasse an die „Atriomed“-Betreibergesellschaft fließen, ist unklar. TK-Chef Klusen hält sich bei Fragen zu diesem Thema bedeckt. Für die „umfangreichen Serviceleistungen und versprochenen Garantien“ zahle die Kasse schon, räumte er der Presse gegenüber ein. Wie tief er dafür in die Tasche seiner Versicherten greifen muss, wollte er jedoch nicht sagen.
Für Walter Plassmann in jedem Fall eine gefährliche Fehlinvestition, zumal sich die erkennbaren „Serviceleistungen“ in gepolsterten Wartesesseln neben der Kaffeemaschine und zweifelhaften Terminversprechen erschöpften. Für diese „albernen Goodies“ störe die Kasse massiv die Organisation der Patientenversorgung. „Die TK wirft uns seit Jahren vor, wir würden das Problem nicht angehen, dass Privatpatienten anders behandelt werden – und dann stürzt sie sich in ein Projekt, das damit wirbt: Wenn du in dieser Kasse bist, dann kriegst du in bestimmten Zentren etwas Besseres. Das ist Heuchelei.“
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