durchblick-gesundheit.de [ Durchblick -> Politik -> Medizinerprotest - Wahlschlacht im Wartezimmer ]

  Archiv
  Politik
  Medizin
  Ihr Geld
  Proteste
  Medien
  Impressum




Medizinerprotest - Wahlschlacht im Wartezimmer

Lange hing es nicht. Das Plakat am Bundesgesundheitsministerium

Finanziell mit dem Rücken zur Wand haben Zehntausende Mediziner ihre Wartezimmer mit Anti-SPD-Plakaten dekoriert. Die Gesundheitsministerin griff zur Antwort tief ins Steuersäckel und kaufte sich in deutschen Tageszeitungen Anzeigen. Darin erklärt sie, die Ärzte würden so viel verdienen wie nie und alles sei in Ordnung. Fest steht: Die SPD hat bei den Europawahlen eine empfindliche Schlappe erlitten – und die Bundestagswahlen kommen erst noch. Die Mediziner wollen ihre Aktionen noch verstärken.

Ihm sei „bei der Lektüre fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen“, gestand niemand Geringeres als Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, als er aus der lokalen Zeitung erfuhr: Auch sein Hausarzt beteiligt sich an der „Aktion 15“ – sprich: Auch der Goslarer Hausarzt Rasso Riffelmacher trommelt gegen die Gesundheitspolitik der SPD und insbesondere Ulla Schmidt. Er empfiehlt auf Postern und Flyern: „Wählen Sie, was Sie wollen – aber nicht SPD“. Riffelmacher ist einer von vielen tausend Ärzten, die aus Frust und finanzieller Not ihr Wartezimmer zur Wahlkampfzone erklärt haben. Zusammengefunden haben sich die Mediziner im Internet unter dem Motto „Aktion 15“.


„Wir geben ausdrücklich keine Wahlempfehlung für eine bestimmte Partei ab, sondern einzig gegen die SPD, die seit mehr als acht Jahren die Gesundheitsministerin stellt und außerdem in Karl Lauterbach einen stets medienpräsenten Gesundheitspolitiker hat, der als Aufsichtsrat eines Klinikkonzerns von vielen als Architekt des Umbaus des Gesundheitssystems zugunsten der Konzerne angesehen wird“, erklärt der Gynäkologe Dr. Thomas Fix, Sprecher der Gruppe „Aktion 15“.

Dass Ärzte ihre Wartezimmer zur politischen Zone machen, hatte zu Beginn der Aktion einen Riesenrummel hervorgerufen. Die Politiker, die auf den Plakaten prangten, schäumten vor Zorn und kündigten „rechtliche Schritte“ an – die dann doch nicht kamen. Alteingesessene Ärztefunktionäre fanden harsche Worte gegen die Plakate, aus Angst, es sich mit der Politik zu verscherzen. Als sich die aufmüpfigen Mediziner dennoch nicht beirren ließen und die Zahl der plakatierenden Ärzte immer weiter stieg, versuchte es beispielsweise die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) mit Druck. In einem recht rüden Brief forderte sie von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), den Medizinern die Plakataktion zu untersagen und sich selbst politisch gegen diese zu positionieren. Allerdings hatte die Ministerin wohl nicht mit der Renitenz auch der KV gerechnet – dort weigerte man sich, den schleswig-holsteinischen Kassenärzten das Recht auf freie Meinungsäußerung zu nehmen.

Die Ministerin war wenig amüsiert, scheint es
Dass so viele Mediziner derart laut politisch aktiv werden, ist bislang in der Geschichte der Bundesrepublik wohl einzigartig. Der Grund dafür ist nicht zuletzt die finanzielle Notsituation, in die viele Praxen durch die neue Honorarreform gerutscht sind. Dabei sollte diese doch nun endlich so transparent, gerecht und überhaupt das Beste werden, hatte Ulla Schmidt immer wieder angekündigt und wurde nicht müde zu wiederholen, dass den bundesdeutschen Medizinern nun ja sogar drei Extramilliarden zukommen würden. Nur: Landauf landab ist davon nichts zu spüren. Eher berichten viele Mediziner von drastischen Umsatzeinbrüchen, sie entlassen Helferinnen und versuchen zu sparen – aber häufig genug geht es nicht mehr. Die Medizinerproteste gegen ihre Honorarreform wurden der Ministerin dann wohl auch zu laut. Kurzerhand schaltete ihr Ministerium flott gestylte Anzeigen in mehreren überregionalen Tageszeitungen. Darin heißt es: „Die Honorare der Kassenärzte steigen deutlich: 2009 erhalten sie im Vergleich zu 2007 rund 3,8 Milliarden Euro mehr an Vergütung und insgesamt über 32 Milliarden Euro von allen gesetzlich Versicherten.“

Weiter behauptet das Schmidt’sche Ministerium: Wenn einzelne Ärzte Grund zu klagen hätten, dann doch nur, weil die Selbstverwaltung das Geld nicht richtig verteilen könne. Außerdem wisse noch niemand genau, wie viel Geld er bekommt, solange die Abrechnung nicht auf dem Tisch liegt. Deshalb sollten Ärzte sich jetzt nicht zu verfehlten Protestmaßnahmen verleiten lassen. „Niemand kommt zu kurz – im Gegenteil“, heißt es, und darunter rechnet das Ministerium für das jeweilige Bundesland einen hohen Betrag vor, den die Ärzte dort angeblich jetzt mehr verdienen.

Die Ärzte wollen sich die Fehler nicht in die Schuhe schieben lassen. „Mit teuren Anzeigen versucht das Bundesgesundheitsministerium nach dem Motto ‚Haltet den Dieb‘ die gescheiterte Honorarreform 2009 schönzureden und die Verantwortung dafür den Kassenärztlichen Vereinigungen anzulasten“, schimpft Dr. Leonhard Hansen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. „Doch das BMG irrt, wenn es meint, damit erfolgreich sein zu können. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.“ Mehr als die Hälfte der Ärzte verliere in Wirklichkeit Honorar.

Die Anzeige sei ein Versuch des BMG, den Bürgern vorzugaukeln, es gebe einen stattlichen Honorarzuwachs, protestiert auch in Schleswig-Holstein Ärztefunktionärin Dr. Ingeborg Kreuz. Es sei ein „Schlag ins Gesicht“ aller Ärzte, die sich aufgrund der Honorarreform berechtigte Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen müssen. „Fakt ist: Das für die Grundversorgung sowohl im hausärztlichen als auch im fachärztlichen Bereich zur Verfügung stehende Geld reicht vorne und hinten nicht.“

Auch die Präsidentin der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Dr. Ulrike Wahl, ärgert sich gewaltig über die Annoncen und protestierte entschieden gegen die Stimmungsmache. „Das eigentlich Skandalöse ist aber, dass diese einseitige Kampagne auch noch aus Steuergeldern finanziert wird, die besser in die medizinische Versorgung der Bürger gesteckt worden wären.“

Das sieht auch der Zahnarzt Bertram Steiner aus Berlin so. Er hat die Gruppe „Aktion Ärzte gegen Steuerverschwendung“ ins Leben gerufen, die mit einem Gegenplakat die Ministerin entlarven will. „Das Bundesgesundheitsministerium verschwendet Steuergelder, um für die SPD Wahlkampf zu machen“, wirft Steiner SPD-Ministerin Ulla Schmidt vor. Die Ärzte appellieren auf dem Plakat an die Vernunft aller Bundesbürger: „Ergreifen Sie die Chancen, die eine Bundestagswahl bietet. Machen Sie durch Ihre Wahl deutlich, dass Sie nicht mehr bereit sind, das von dieser Regierung angerichtete Chaos hinzunehmen.“

Dass die Ärzteplakate ihre Wirkung nicht verfehlt haben, steht für die „Gruppe 15“ heute schon fest: „Das SPD-Wahldebakel bei der Europawahl ist auch ein Erfolg der Anti-SPD-Plakate in den deutschen Arztpraxen“, analysiert Dr. Thomas Fix. Fix kündigte für Bayern bereits spezielle Plakate an, da die SPD dort schon unter die 15-Prozent-Marke abgerutscht sei. „Außerdem dehnen wir die Aktion jetzt auf die CDU und Bundeskanzlerin Merkel aus, die der Vernichtung der freiberuflichen Arztpraxen tatenlos zuschaut. Sie ist damit für den Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen verantwortlich“, sagt Fix.

­­­

    Möchten Sie den Artikel zum Verteilen herunterladen? Klicken Sie hier!
 

Mo, 19.10.2009 12:37 / Gaby Guzek / Juli - September 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

© änd Ärztenachrichtendienst Verlags-AG.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine Übernahme in andere Medien ist ohne
ausdrückliche schriftliche Genehmigung nicht gestattet.

durchblick gesundheit

 

Aus den Weblogs