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| Gesundheitsfonds - Die Jagd der Kassen nach den chronisch Kranken |
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Michael H. wundert sich. „Diabetes mit akuten Komplikationen“ hat sein Arzt gerade bei ihm diagnostiziert – dabei geht es ihm doch nicht schlechter als sonst. „Diabetes mit nicht näher bezeichneten Komplikationen“ – so lautete die Diagnose bisher. Michael H.s Krankenkasse passte das nicht. Sie schickte seinem Arzt einen Brief und forderte ihn auf, die Diagnose doch bitte zu korrigieren. Michael H. sollte lieber doch ein bisschen kränker sein, zumindest auf dem Papier. Ein kränkerer Michael H. spült ihr 167 Euro aus einem riesigen Finanztopf in die Kasse. Mit seiner früheren Diagnose brachte Michael H. hingegen nur 66 Euro.
Der Grund des Irrsinns ist der neue Gesundheitsfonds. Aus ihm bekommen die Krankenkassen Geld – wie viel, das hängt davon ab, wie krank ihre Versicherten sind. Seit Anfang des Jahres zahlen ja alle Krankenkassen zunächst einmal alle eingenommenen Gelder in einen großen Topf, den Gesundheitsfonds eben. Aus ihm erhalten sie dann Geld zurück. Das soll den Wettbewerb unter den Kassen „gerechter“ machen, hieß es, als die Politiker den Fonds erfanden. Experten warnten allerdings schon damals vor dem Unsinn, der daraus entstehen würde – Michael H. ist nun ein glänzendes Beispiel dafür.
Besonders spannend für die Kasse sind dabei Versicherte mit Gesundheitsproblemen, die auf einer extra erstellten Liste stehen. Für 80 ausgewählte Krankheiten – chronische und besonders kostspielige – gibt es besondere Zuschläge. Denn die Grundpauschale, die die Kasse aus dem Gesundheitsfonds für jeden Versicherten bekommt, ist noch nicht so spannend: Die liegt etwa bei 185 Euro im Monat.
Richtig los geht es dann mit den Zuschlägen für das Alter und festgestellte Krankheiten. Für eine 52-Jährige wandern 517 Euro Grundpauschale auf das Konto ihrer Kasse. Ist sie aber zuckerkrank, regnet es Geld: 2.406 Euro bringt sie ihrer Kasse dann. Stellt der Arzt Komplikationen bei der Diabetikerin fest, steigt die Gesamtsumme noch einmal auf stolze 5.137 Euro. „Klar“, denkt sich so mancher. „Der Arzt hat ja mit einem sehr kranken Patienten auch mehr Aufwand und muss mehr dafür bekommen als für einen Schnupfenpatienten.“ Das allerdings ist eben leider nicht so: Für Ihren Arzt springt dabei nicht ein Cent mehr heraus, der bekommt immer die gleiche Behandlungspauschale.
Damit Ihre Kasse für Sie mehr Geld bekommt, muss der Arzt bei Ihnen eine der 80 festgelegten Krankheiten diagnostizieren – und Ihnen als Versichertem einen entsprechenden Code verpassen, das Ganze für mindestens zwei Quartale. In einigen Fällen muss er Ihnen sogar ein bestimmtes Medikament oder einen bestimmten Wirkstoff verordnen, damit die Kasse den Zuschlag bekommt.
Als Patient mit individuellen Bedürfnissen spielen Sie also im großen Gesundheitsspiel schon lange keine Rolle mehr. Es lohnt sich einmal unter die Lupe zu nehmen, wie die Liste mit den geldträchtigen 80 Krankheiten zustande kam.
Bevor die Reform in Kraft trat, haben sich darüber viele Wissenschaftler den Kopf zerbrochen. Ihre Aufgabe: Die Auszahlung aus dem Gesundheitsfonds an die Kassen sollte möglichst gerecht zugehen. Maximal 80 „gut abgrenzbare“ Krankheiten sollten sie auswählen, hatte ihnen die Politik aufgetragen. Daran hatte sich der Beirat gehalten und Volkskrankheiten wie Bluthochdruck nicht in die Liste aufgenommen, Diabetes nur in bestimmten Fällen. Begründung der Wissenschaftler: Diese Volkskrankheiten lassen sich medizinisch häufig nur schwer wirklich „gut abgrenzen“, weil sie eben auch sehr häufig zusammen auftreten. Zweitens, so meinten die Wissenschaftler, seien sie ja auch oft leicht zu mildern, indem der Kranke seine Lebensweise umstellt. So teuer muss die Behandlung also gar nicht zwingend sein. Medizinisch mag das alles richtig sein. Die Wissenschaftler haben allerdings nicht mit der Wut und der machtvollen Lobby der AOK gerechnet.
Sie hat besonders viele Mitglieder mit genau diesen sogenannten Volkskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder koronare Herzkrankheit (KHK). Und mit diesem Vorschlag wäre kaum mehr Geld auf ihr Konto geflossen. Nach dem Proteststurm der Kassen herrschte einige Zeit Funkstille. Dann legte auf einmal das Bundesversicherungsamt eine neue Liste vor. Wie durch Zauberhand standen auf einmal Bluthochdruck, Asthma, Schwangerschaft und all das, was die Kassen auf ihrem Wunschzettel hatten, auf der Liste. Statt gut 23 Prozent waren nun rund 40 Prozent der Versicherten für den Finanzausgleich relevant. Der Beirat der Wissenschaftler löste sich aus Protest im Frühjahr 2008 auf.
Nun geht es darum, möglichst viele Ärzte davon zu „überzeugen“, ihren Patienten auch den richtigen „Code“ zu verpassen, der der Kasse den Geldsegen aus dem Fonds beschert. Deshalb schicken sie den Ärzten nun Briefe. „Überprüfen Sie Ihre Diagnosen“, fordern sie darin – und schlagen dem Arzt gleich eine neue, für den Geldsegen wichtige Codierung vor, ohne den Patienten, also Sie, jemals gesehen, geschweige denn untersucht zu haben.
„Rightcoding“, richtiges Codieren, nennt sich das in Kassensprache. Denn für jede Diagnose gibt es einen Code. „Na ja“, denken Sie als Patient sich, „der Arzt weiß ja, was ich habe, das wird er schon richtig codieren.“ So einfach ist das aber nicht, denn es gibt mehr als 15.000 dieser ICD-10-Codes. Dr. Andreas Marian vom Hausärzteverband Nordrhein erklärt das so: „Wenn ich beispielsweise einen Patienten mit einer Depression habe, sehe ich am PC eine Liste mit 40 Nummern. Im Praxisalltag ist aber nicht genug Zeit, da diejenige herauszusuchen, die am besten passt, also nehme ich die oberste. Alles andere wäre ein enormer Zeitaufwand.“ Bisher hat das ungenaue Codieren niemanden gekümmert, auch die Kassen nicht – jetzt aber hängt viel Geld daran.
Bei einem Dialysepatienten kann der Arzt zwischen fünf Codes wählen. Vier davon bringen der Kasse richtig viel Geld, einer nicht. In einigen Fällen gingen der Kasse dadurch Tausende Euro verloren, klagt AOK-Chef Dr. Herbert Reichelt.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass nun einige Kassen den Ärzten für das „richtige“ Codieren sogar zehn Euro extra zustecken. „Es wird kein Gesunder zu einem Kranken gemacht”, betonte ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, die ebenfalls mit zehn Euro extra winkt. Das Geld bekomme ein Arzt auch, wenn es bei der alten Diagnose bleibe. Das Geld sei nur eine Entschädigung für den Arbeitsaufwand.
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Das sehen viele Ärzte allerdings anders: „Plump”, empörte sich ein niedersächsischer Hausarzt über die Avancen. „Da war dieses Geschmäckle dabei: Für ’nen Zehner macht der Doktor am Tresen eine neue Diagnose.“ Der Chef des Bundesversicherungsamts, der über die Verteilung des Geldes aus dem Gesundheitsfonds wacht, hat die Kassen in ihre Schranken verwiesen: „Krankenkassen, die Ärzte veranlassen, ihre Diagnosen nachträglich zu verändern, um mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zu bekommen, verhalten sich rechtswidrig“, stellte er klar – und droht damit, dass diese Kassen den Geldsegen aus dem Gesundheitsfonds nicht bekommen. Ob er dabei eher Ihr Wohl als Patient oder wieder einmal allein die Finanzen im Sinn hat, sei dahingestellt. |
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