Der Arzt Robert Schulz hat eigentlich keine Sprechzeit mehr an diesem Tag, als sich ein Notfall ereignet. Es ist halb acht abends, Schulz sitzt noch am Schreibtisch im Ärztehaus im Lübecker Stadtteil Moisling. Draußen ist es stockdunkel. Die letzte Helferin, die noch nicht nach Hause gegangen ist, räumt nebenan herum. Einer seiner Herz-Patienten klingelt an der Tür: Er fühle sich so schlecht. „Kommen Sie rein“, sagt Schulz. Er und die letzte Helferin, die noch da ist, legen ihn auf eine Liege, schalten die Geräte wieder ein und schließen ihn an.
Der Patient hat Kammerflimmern, das Herz pumpt nicht mehr und muss sofort reanimiert werden. Schulz und seine Helferin setzen ihm die Defibrillatoren auf die Brust und verpassen ihm Stromstöße. Der Mann überlebt. Eine Dreiviertelstunde hat es gedauert, bis der Mann gerettet war. Eine Dreiviertelstunde, für die der Internist Robert Schulz keinen einzigen Cent bekommt.
Schulz ist Internist ohne Schwerpunkt. In dieser Fachgruppe bekommt er seit dem 1. Januar nicht mehr 87, sondern nur noch 45 Euro für jeden Patienten im Quartal. Der Herz-Patient war dieses Quartal schon zweimal in der Praxis und die Behandlungen haben zusammen bereits die Pauschale ausgefüllt. Mehr Geld als die 45 Euro gibt es dann nicht. Auch nicht, wenn Arzt und Helferin jemandem spät abends noch das Leben retten müssen. Der Gerettete wird das freilich nie erfahren, denn Schulz will einen kranken Menschen nicht auch noch mit solchen Dingen belasten.
Der Arzt beugt sich wieder über seinen Schreibtisch. Er muss jetzt noch Papierkram erledigen. Und das, obwohl er schon einen langen Tag hinter sich hat. Um 7:40 Uhr hat Schulz angefangen, wie jeden Tag. Es ging sofort los: Er begrüßte seinen ersten Patienten. 120 hat er jeden Tag. Bei dem ersten Herrn überprüfte der Internist die Blutgefäße am Hals mit Ultraschall. Der nächste Patient benötigte eine Magenspiegelung.
Schulz ist einer der Hauptverlierer der Reform. Für eine Magenspiegelung kann er laut Gebührenliste eigentlich 82,60 Euro abrechnen, denn so viel kostet die Untersuchung. Obwohl sich an seiner Arbeit nichts geändert hat, bekommt er jetzt nur noch halb so viel Geld. Er kann aber seine Kosten nicht reduzieren. Schulz braucht viele Geräte, die nicht billiger geworden sind. Er beschäftigt vier Helferinnen in Teilzeit, auf die er nicht verzichten kann. „Ich müsste also für jeden Patienten einen weiteren Patienten haben, bei dem ich gar nichts mache. Ansonsten zahle ich drauf“, sagt Schulz.
Es würde dem Arzt auch nichts nützen, einfach mehr Patienten zu behandeln. Erstens würde er für diese auch nur die geringe Pauschale erhalten, und zweitens haben alle niedergelassenen Ärzte ein Budget zugeteilt bekommen: das sogenannte Regelleistungsvolumen. Ist es verbraucht, gibt es für alle weiteren Patienten noch weniger Geld als ohnehin schon.
Der nächste Patient klagt über Bauchschmerzen und bringt eine Überweisung mit. Schulz soll die Schmerzen mit einer Ultraschalluntersuchung, einer Magenspiegelung und einer Darmspiegelung abklären. Aber mehrere Leistungen sprengen erst recht die Pauschale. „Das Gemeine ist, dass im Gesetz steht, die Versorgung habe ausreichend zu sein. Wir wollen den Patienten aber nach dem Stand der Medizin optimal versorgen.“ So wäre es laut Fachverband sinnvoll, bei einem Herzpatienten jedes Jahr einen Ultraschall am Herzen vorzunehmen. „Das könnte er nach den neuen Honoraren eben nur noch alle zwei Jahre bekommen. Das fällt dann aus.“
Schulz behandelt trotzdem, obwohl er weiß, dass er damit ins Minus rutscht. „Ich habe noch keine Konsequenzen aus den neuen Honoraren gezogen. Ich arbeite hier genauso wie vorher.“ Schulz hofft, dass er noch etwas ändern kann. Er hat gegen den neuen Honorarbescheid Widerspruch eingelegt. Er will Praxisbesonderheiten geltend machen, die im Gesetz als Grund eingeräumt werden. Nur: Das kann dauern. Von den 4.000 niedergelassenen Ärzten in Schleswig-Holstein haben 2.000 gegen ihre neue Vergütung bei der Kassenärztlichen Vereinigung protestiert.
Um 14:30 Uhr macht Schulz eine Stunde Mittagspause. Das heißt, dass er in dieser Zeit keine Patienten behandelt. Arbeiten muss er trotzdem. Er sieht Faxe und Befunde durch. Nebenbei isst er einen Happen von den Broten, die er sich mitgebracht hat.
Danach behandelt er weiter bis 19 Uhr. Der heutige Tag war nicht gut für die Bilanz: zu wenig Darmspiegelungen. Denn diese sind nicht innerhalb des Budgets, das Schulz verbrauchen darf. Sie werden extra vergütet und es gibt sogar etwas mehr Geld. „Im Grunde müsste ich versuchen, das auszuweiten. Aber die Zahl der Patienten ist ja begrenzt.“
Jetzt am Abend nach dem Notfall muss Schulz noch Anfragen von Krankenkassen beantworten, Befundberichte an andere Ärzte schicken, Formulare für das Sozialamt ausfüllen und Anträge auf Befreiung von der Praxisgebühr bearbeiten. „Die Bürokratie hat enorm zugenommen“, seufzt er. „Gottlob kann ich mit zehn Fingern schreiben.“ Er gibt alles selbst in den PC ein.
Schulz hat ernsthaft überlegt, alles zu verkaufen und in die Schweiz auszuwandern. Aber er ist erst vor zwei Jahren in das Ärztehaus umgezogen und hat Schulden. Die neue Praxis mit zwei gut ausgerüsteten Endoskopieräumen ist nicht abbezahlt. „Die Reform ist ein Schuss von hinten ins Knie“, klagt Schulz. „Ich bin 50, habe zwei Kinder im schulpflichtigen Alter, und dann ein Neustart in einem neuen Land mit Schulden, das ist nicht einfach.“ Also bleibt er noch.
Stattdessen hofft er jetzt auf die Bundestagswahl im September. „Das Bundesgesundheitsministerium muss eine andere Führung bekommen“, sagt er. „Wir müssen den Patienten klarmachen, was es für die Versorgung heißt, wenn sie bei dieser oder jener Partei ihr Kreuz setzen.“ Solange das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden ist, will er mit der Flucht warten. „Der Wunsch, sich zu wehren, war bei den Ärzten noch nie so groß wie jetzt.“
20:40 Uhr: Schulz verschließt die Praxistür und setzt sich in seinen klapprigen Audi 80. Meist ist er erst um 21 Uhr zu Hause. Seine Kinder sieht er an diesem Abend nicht mehr. Sie sind schon im Bett, wenn er dort ankommt und sich die erste warme Mahlzeit des Tages macht. Nur mittwochs und freitags hat er etwas von Sohn und Tochter: Dann arbeitet er „nur einen halben“ Tag – etwa bis 17 Uhr.
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