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Ärzteverdienst - Irres Honorarsystem gefährdet Praxis und Patienten

Der elfjährige Sven M. trägt seit einigen Wochen eine Brille. Nun soll er noch einmal zur Nachuntersuchung. Doch als seine Mutter beim Augenarzt einen Termin vereinbaren will, schüttelt die Arzthelferin bedauernd den Kopf. Das Budget sei leider überschritten. Sie könne sich im nächsten Quartal wieder melden oder aber eine Rechnung für die Untersuchung erhalten, die sie der Kasse vorlegen müsse. Empört protestiert die Mutter. Erst kürzlich sei ihr in einer Fernsehsendung erklärt worden, dass ein niedergelassener Arzt 120.000 Euro im Schnitt verdient – da könne man doch erwarten, dass er sich um seine Patienten kümmert.

Doch die weitverbreiteten Zahlen über Ärztehonorare entsprechen schon lange nicht mehr der Realität: Als die Arzthelferin der Mutter aufzeigt, was die Krankenkassen der Praxis für die Behandlung wirklich zahlen, fällt ihr die Kinnlade herunter: Nur 18,44 Euro ist den Krankenkassen in Bayern die komplette Behandlung eines Patienten beim Augenarzt für ganze drei Monate wert. Von dicken Honoraren keine Spur. Besonders das ab Januar geltende neue Honorarsystem hat viele Praxen damit an den Rand des Ruins gebracht – obwohl die Kassenbeiträge ständig steigen.

„Mit solchen Honoraren stehen wir vor der Pleite. Auch unsere Familien können nicht von Luft und Liebe leben“, muss der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Augenärzte (BVA), Dr. Peter Heinz, den Verdienst seiner Fachkollegen beschreiben. Mit diesem Honorar könne ein Augenarzt gerade einmal seine Kosten decken, eine optimale Versorgung der Patienten sei so nicht mehr möglich. „Wie sollen wir denn damit eine Praxis betreiben?“

Und es geht noch extremer: Einem Frauenarzt in Westfalen-Lippe gestehen die Kassen seit Jahresbeginn nur noch 15,37 Euro pro Patientin und Quartal zu. Ein Hautarzt in Sachsen darf nur mit rund 16 Euro rechnen. Die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte schlagen ebenfalls Alarm: „Mit 24 Euro pro Patient und für drei Monate lässt sich doch keine hochwertige Medizin mehr betreiben – nicht einmal das medizinisch Notwendigste“, warnt der Vorsitzende des HNO-Berufsverbandes, Dr. Dirk Heinrich. Investitionen in neue Geräte seien so unmöglich, personal- und technikintensive Leistungen müssten sehr stark rationiert werden, fürchtet der Facharzt. Die Patienten hätten darunter zu leiden.

Heinrich rechnet die Misere an konkreten Behandlungsbeispielen vor: „Eine Nasenbeinaufrichtung nach einem Sturz wird mit 12,33 Euro bezahlt. Allein Arzthelferin, Raum und Materialkosten machen schon 13 Euro aus. Für uns HNO-Ärzte hat die Krankenkasse offenbar nichts mehr übrig. Das ist skandalös. Noch schlimmer wird es beim notwendigen Einsatz von teuren Geräten. Nehmen wir eine Hörprüfung, da muss allein schon der Betrieb mit 2,50 Euro pro Hörtest subventioniert werden. Auch hier kommt eine Arztleistung nicht mehr vor. So kann das nicht bleiben, wenn weiter hochwertige und qualitätsorientierte Medizin von uns erbracht werden soll.“

Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen zeige die Relationen auf: Die Entfernung eines Hauttumors beim Hund koste 100 Euro, beim Kassenpatienten 20 Euro. „Das stimmt doch hinten und vorne nicht“, erklärt der Arzt und gibt zu bedenken: „Eine Taxifahrt von sechs Kilometern kostet in Hamburg 12,14 Euro, ein Herrenhaarschnitt bei Halbglatze 15 Euro, eine Nasenbeinaufrichtung 12,33 Euro. Alles dauert 20 Minuten, nur der Taxifahrer hat eine Ausbildung von 6 Wochen, der Friseur von 3 Jahren und der HNO-Arzt von 11 Jahren.“ Der Taxifahrer brauche ein Auto von 30.000 Euro, der Friseur ein Geschäft von 50.000 Euro Investitionssumme und der HNO-Arzt habe mindestens 250.000 Euro investiert. „Wenn Politik und Kassen wollen, dass weiter in Praxen investiert wird und die Qualität hoch gehalten wird, müssen auch die dafür notwendigen Preise gezahlt werden.“

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Bis es so weit ist, müssen zahlreiche Ärzte in Deutschland offenbar die Notbremse ziehen: Fast jeder zweite niedergelassene Mediziner will aufgrund der sinkenden Honorare in seiner Praxis Stellen streichen, ergab kürzlich eine Umfrage über die Folgen des neuen Honorarsystems. Insgesamt gaben 46 Prozent der über 3.000 bundesweit befragten Ärzte an, in diesem Jahr Personal reduzieren zu müssen. Rechnet man diesen Prozentsatz auf alle niedergelassenen Ärzte des Landes hoch, ergeben sich dramatische Zahlen: Über 62.000 Ärzte planen demnach, eine oder mehrere Helferinnen zu entlassen. Auch scheinen die Praxen als Ausbildungsstätte vielerorts ausgedient zu haben – 64 Prozent der Befragten wollen künftig keine Ausbildungsplätze mehr in der eigenen Praxis anbieten, lediglich 29 Prozent der Ärzte glauben, dem Nachwuchs auch 2009 noch eine Chance geben zu können.

Der Jobmotor Gesundheitswesen ist also abgewürgt. Auch beim Thema Ärztemangel auf dem Land bahnen sich für Patienten problematische Bedingungen an: „Gerade im dünn besiedelten Schleswig-Holstein ist nun die absurde Situation zu beobachten, dass Hausärzten in unterversorgten Küstenregionen und mit vollen Wartezimmern Honorareinbußen drohen. Das ist absolut inakzeptabel. Es ist schon schwer genug, dort überhaupt eine wohnortnahe Versorgung aufrechtzuerhalten“, ärgerte sich der Vorsitzende der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein, Dr. Klaus Bittmann. Breche der Nachwuchs weg oder müssten Praxen Insolvenz anmelden, wäre das ein schwerer Schlag für die Menschen vor Ort. „Unterm Strich ist es mir ein Rätsel, wie es mit einem neuen Vergütungssystem bei einer angeblichen Honorarerhöhung so viele Verlierer unter den Ärzten geben kann“, betont der Mediziner.

Für viele Patienten erscheint diese Entwicklung ebenfalls nur schwer nachvollziehbar – schließlich spricht Gesundheitsministerin Ulla Schmidt öffentlich von einem Milliardenaufschlag für die Ärzte. Alle Zweifel an der eilig gebastelten Honorarreform weist sie als „gefühlte Honorareinbußen“ oder „Verteilungsprobleme innerhalb der Ärzteschaft“ zurück. Fast drei Milliarden Euro zusätzlich seien aus dem neuen Gesundheitsfonds an die Ärzte geflossen.

Tatsächlich hatten die Krankenkassen im vergangenen Jahr mit der für die Kassenärzte zuständigen Vereinigung einen Aufschlag von rund 2,7 Milliarden Euro ausgehandelt. Was Regierung und Kassen jedoch kaum erwähnen: Diese Erhöhung bezog sich auf das Jahr 2007. Den größten Teil des Geldes verteilten die Kassenärztlichen Vereinigungen in den einzelnen Bundesländern bereits im vergangenen Jahr, um die schlimmsten Versorgungslücken zu stopfen und die Patientenversorgung in der Fläche zu sichern.

Bleiben laut Überschlagsrechnung aber immerhin noch 1,23 Milliarden Euro, über die sich die Ärzte in diesem Jahr freuen können. Doch nur in wenigen Regionen: Der Löwenanteil davon fließt in den Osten der Republik, um dort die Gehälter der Ärzte zumindest teilweise an die Honorare der Kollegen im Westen anzugleichen. Ein überfälliger Schritt, ohne den die Flucht der Mediziner in den Westen oder ins Ausland kaum noch aufzuhalten gewesen wäre, betonen die Ärztekammern in den östlichen Ländern.

Von den angekündigten Milliarden bleibt den Ärzten im Westen also bestenfalls eine schwarze Null. Vielerorts sind eher deutliche Verluste zu beobachten. Da das neue Honorarsystem auf bundeseinheitlichen Werten aufbaut, verlieren besonders die Mediziner in den reicheren Bundesländern den Boden unter den Füßen: „Die ganze neue Systematik der Honorarverteilung ist bereits jetzt endgültig gescheitert. Das wird zu Protesten führen. Immer mehr niedergelassene Ärzte werden sich aus dem System der gesetzlichen Krankenversicherung verabschieden“, musste beispielsweise der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Dr. Axel Munte, im Februar feststellen. „Einzelne Mediziner werden durch Umsatzeinbrüche von bis zu 30 Prozent in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet“, berichtete auch die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz.

Da Kassen und Ministerium jedoch weiter gebetsmühlenartig von überzogenen Honorarforderungen der Ärzteschaft und Milliardenzulagen sprechen, sehen viele Ärzte nur einen Weg: den in die Öffentlichkeit. So organisiert der Verein „Freie Ärzteschaft“ derzeit Protestveranstaltungen, auf denen Ärzte und Patienten gemeinsam auf die gefährlichen Folgen der neuen Honorarordnung hinweisen: „Fasten ist gesund, das wissen wir, aber Aushungern macht krank! Und das ist es, was diese krank machende Gesundheitspolitik will: Wir sollen mit unseren Praxen ausgehungert werden – zum Schaden unserer Patienten und mit Kollateralschäden für die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiterinnen“, erklärt der Präsident der Vereinigung, Martin Grauduszus. Gerade im Wahljahr müssten alle Bürger der Politik signalisieren, dass sie diesen Weg nicht mitgehen wollen. „Es geht um die Existenz des vertrauten Arztes um die Ecke und um die Zukunft der Patientenversorgung in Deutschland.“


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So wird das Honorar der Ärzte begrenzt:
Das im Januar eingeführte Honorarsystem für Ärzte sollte eigentlich alles einfacher machen. Bislang mussten sich die niedergelassenen Mediziner mit einem extrem komplizierten System herumschlagen: Wo andere Freiberufler einfach eine Rechnung schreiben, suchte der Arzt Punktwerte aus einer Tabelle zusammen und erfuhr erst Monate später, was das in Euro und Cent bedeutet. Auch reichte das Geld der Krankenkassen in der Regel nicht für alle Behandlungen. Am Ende des Quartals schaute der Arzt in die Röhre – Miete, Gehälter und Raten für medizinische Geräte wollen natürlich trotzdem weiterbezahlt werden.

Doch von Verbesserung seit Jahresanfang keine Spur. Im Gegenteil: Wer wissen will, wie ein Arzt künftig sein Geld verdient, muss sich zunächst einmal durch das Dickicht der Bürokratensprache kämpfen: Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist der Patient zunächst einmal eine „Regelleistung“, für die der „Leistungserbringer“ in der Praxis über einen „Orientierungspunktwert“ vergütet wird.  

Übersetzt bedeutet das Kauderwelsch vor allem eines: Der Arzt bekommt am Ende des Quartals wieder kein Geld. Das neue System errechnet für jeden einzelnen Arzt eine Obergrenze, bis zu der seine Arbeit bezahlt wird. Wer trotzdem mehr Patienten behandelt, hat eben Pech gehabt. Grundlage für diese Honorargrenze ist ein theoretischer Preis für die Behandlung eines Patienten pro Quartal, den die Behörden einfach vorgeben. Beispielsweise haben die Macher des Systems für einen Hautarzt in Berlin einen Betrag von rund 20 Euro pro Patient festgelegt. Dieser Wert, multipliziert mit der Zahl der Behandlungsfälle des Arztes im Vorjahresquartal, ergibt seine maximale Verdienstgrenze für Kassenpatienten.

Hat der Hautarzt im Januar, Februar und März 2008 also beispielsweise 1.200 Behandlungen durchgeführt, liegt sein sogenanntes „Regelleistungsvolumen“ für das erste Quartal 2009 nun bei 24.000 Euro (20 Euro mal 1.200 Behandlungsfälle). Arbeitet er über diese Grenze hinaus, bekommt er für Kassenpatienten praktisch kein Geld mehr. Lediglich wenige Spezialleistungen sind von dieser Regelung ausgenommen. Mit diesem Geld muss er drei Monate lang seine Unkosten decken, Miete und Raten für Behandlungsgeräte sowie die Gehälter der Arzthelferinnen zahlen.
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Do, 02.07.2009 14:20 / Jan Scholz / April – Juni 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

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