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David gegen Goliath - So setzten die Klinikkonzerne die Arztpraxen unter Druck


Während nahezu alle Berufsgruppen und Organisationen im Gesundheitswesen über chronischen Geldmangel klagen, klingeln bei den privaten Krankenhausbetreibern die Kassen: Das Jahr 2008 war noch nicht herum, da verkündete beispielsweise die Rhön-Klinikum AG ein Umsatzwachstum auf insgesamt 2,1 Milliarden Euro. Über 120 Millionen Euro Gewinn brachten dem Konzern seine fast 50 Bettentürme in den vergangenen zwölf Monaten. Ein Jahr zuvor hatte sich der international wachsende Klinikriese Asklepios mit einem Umsatz von rund 2,3 Milliarden Euro als dickster Fisch im Becken etabliert – allein in Deutschland beschäftigt das Unternehmen 34.000 Mitarbeiter. Mit über 16.300 Mitarbeitern und 32 Millionen Euro Gewinn ist der Klinikbetreiber Sana ebenfalls nicht gerade schwächlich aufgestellt.

Allen Krankenhauskonzernen ist dabei eines gemein: Sie sind auf rasantem Wachstumskurs. Wurden die wenigen privaten Häuser in den 80ern noch misstrauisch beäugt, ist heute bereits knapp ein Drittel aller Kliniken in privater Hand. Bis zum Jahr 2015 haben die Konzerne ungefähr die Hälfte der Krankenhäuser unter ihrer Fuchtel,

prophezeien Experten. Der Einkauf öffentlicher Kliniken gestaltet sich für die zahlungskräftigen Firmen auch nicht besonders schwierig: Kommunen und Städte haben ihre Einrichtungen über die Jahre vielerorts kaputt gespart, bei klammen öffentlichen Kassen können die Klinikbetreiber verlockende Angebote unterbreiten. Mit dem Universitätsklinikum Gießen-Marburg wechselte kürzlich sogar erstmals eine große Uniklinik den Besitzer.

In Konkurrenz mit den niedergelassenen Ärzten sahen sich die Großkonzerne jedoch bislang nicht. Zwar hatte der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer den Krankenhäusern schon 1993 die Tür zum Revier der niedergelassenen Ärzte einen kleinen Spalt geöffnet. Doch durften die Kliniken zunächst nur einige wenige Operationen anbieten, ohne den Patienten gleich stationär für mehrere Tage ins Bett schicken zu müssen – von Konkurrenz zwischen Krankenhaus und Praxen kaum eine Spur.

Dafür sorgte jedoch Ulla Schmidt: Um damit „die verkrusteten Strukturen im Gesundheitswesen aufbrechen“ zu können, förderte sie gleich zu Beginn ihrer Amtszeit Sonderverträge, die den Krankenhäusern mehr Freiheiten gaben. Im Jahr 2004 setzte Schmidt schließlich ein Gesetz durch, das den Kliniken ohne besondere Voraussetzung erlaubt, bestimmte Leistungen ambulant anzubieten. Kürzlich baute sie die Regelung weiter aus. Das Gesundheitssystem werde damit „neu strukturiert und wettbewerblicher ausgerichtet“, verkündete die SPD-Politikerin.

Eine Kampfansage an alle Facharztpraxen, die ebenfalls erfolgreich diese Leistungen anbieten: „Fachärztliche Praxen müssen nun um ihre Existenz bangen. Ihnen droht Konkurrenz durch viele Krankenhäuser“, ist sich der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, Dr. Uwe Kraffel, sicher. Betroffen seien vor allem niedergelasse Herz-Spezialisten, Rheumatologen, Nervenärzte und Ärzte, die Krebspatienten behandeln. Unter den Medizinern kreisten schon „Angstlisten“, in denen aufgeführt sei, welche Klinik es auf welchen Leistungsbereich abgesehen habe. Über 200 Anträge hätten die Krankenhäuser allein in der Hauptstadt an die Behörden gestellt, um Zulassungen für Behandlungen zu erhalten, die derzeit Arztpraxen anbieten.

Ungleicher können die Ausgangssituationen in einem Wettbewerb nicht sein, warnen die niedergelassenen Mediziner: Während sie die Kosten für ihre Geräte aus eigener Tasche stemmen müssen, verfügen die Großkonzerne über nahezu unbegrenzte Ressourcen. Kommunale Kliniken bekommen das Geld für ihre Neuinvestitionen sogar aus der öffentlichen Hand – und damit vom Steuerzahler. Für den Vorsitzenden der Ärztevereinigung MEDI, Dr. Werner Baumgärtner, ein Unding. „Die niedergelassenen Fachärzte haben außerdem einen weiteren erheblichen finanziellen Nachteil“, weiß der Arzt aus Stuttgart. „Kollegen, die sich niederlassen möchten, müssen für viel Geld eine Zulassung erwerben. Da Kliniken diese Zulassung nicht mehr brauchen, entfällt für sie die finanzielle Belastung, obwohl sie mehr Geld zur Verfügung haben als die Praxen.“ Baumgärtner wirft der Bundesregierung vor, dass sie so die mittelständischen Strukturen der Facharztpraxen zerstöre.

Von einem „Kampf mit ungleichen Waffen“ spricht auch Dr. Sigrid Ultes-Kaiser von der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz. Niedergelassenen Ärzten werde genau vorgeschrieben, wann sie wo wie viele Patienten und mit welcher Menge von Arzneimitteln behandeln dürften. Ignoriere ein Arzt diese Vorgaben, drohten hohe Strafzahlungen. Den Kliniken seien diese Fesseln nicht auferlegt: „Während niedergelassene Fachärzte mit Budgets und Leistungsbegrenzungen auskommen müssen, können Krankenhäuser nahezu aus dem Vollen schöpfen“, moniert die Fachärztin aus Ramstein.

Auf der anderen Seite verteidigt jedoch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die neuen Gesetze. Es gehe nicht darum, in direkte Konkurrenz mit den niedergelassenen Ärzten zu treten. Die Kliniken interessierten hauptsächlich Bereiche, „in denen im ambulanten Sektor Versorgungslücken bestehen oder stationäre und ambulante Behandlung derart ineinandergreifen, dass die Behandlung aus einer Hand für die Patienten sinnvoll und wünschenswert ist“, beteuert DKG-Präsident Wolfgang Pföhler, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender der großen Rhön-Klinikum AG. „Der niedergelassene Bereich ist von diesen Regelungen bestenfalls am Rande betroffen.“ Pföhler verweist gern auf Regionen, in denen Klinik-Träger das Kriegsbeil noch nicht ausgegraben haben und versuchen, sich mit den Niedergelassenen abzustimmen.

Doch wo dicke Profite locken, bahnen sich bereits heftige Schlagabtausche an: So hat der finanziell ins Straucheln geratene Klinikverbund „Gesundheit Nord“ – zu ihm gehören vier Kliniken in der Region Bremen – erst kürzlich massenhaft Anträge gestellt, die zur ambulanten Behandlung der Patienten nötig sind. Dabei geht es nicht nur um seltene Erkrankungen, die in Arztpraxen nicht behandelt werden. Die Kliniken wollen Patienten mit Krebserkrankungen, Herzschwäche oder Anfallsleiden an sich binden, die bisher zufrieden die Praxen der Hansestadt aufsuchten. Für die niedergelassenen Mediziner ein Schock: „Keine Sanierung der Bremer Krankenhäuser auf Kosten der Bremer Arztpraxen“, forderten die Ärzteverbände daher gemeinsam in einer Stellungnahme für die Presse. Die Politik müsse dem „Konfrontationskurs gegenüber Bremens Vertragsärzten“ Einhalt gebieten.

Doch die Politik denkt nicht daran. Im Gegenteil: Abgeordnete begrüßen den Verdrängungswettbewerb. Der SPD-Politiker Wolfgang Wodarg macht beispielsweise keinen Hehl daraus, dass er die „doppelte Facharztschiene“ – Spezialisten in den Kliniken und in den Arztpraxen – für überflüssig hält. So werde Geld verschwendet. Auch der Sozialdemokrat und Gesundheitsökonom Prof. Karl Lauterbach spricht von einer „massiven Überversorgung“ mit Fachärzten in manchen Regionen. Gleich mehrere Abgeordnete lobten nach einer „Informationsreise“ in die Niederlande das dortige Gesundheitssystem – die Holländer haben praktisch keine niedergelassenen Fachärzte. Bei speziellen und schweren Erkrankungen bleibt ihnen der Gang in die nächstgelegene Klinik nicht erspart.

Rückenwind für die Klinikkonzerne, die durch die Gesundheitsreformen von Ulla Schmidt ständig neue Einfallstore in die ambulante Versorgung nutzen können. Besonders die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) stehen dabei ganz oben auf der Wunschliste: Seit 2003 fördert die Ministerin die nach dem Vorbild der DDR-Polikliniken gestrickten Behandlungszentren, in denen angestellte Ärzte mehrerer Fachrichtungen in einem Haus zusammenarbeiten.

Gegen die großen Ärztehäuser haben die kleineren Praxen wenig Chancen. Selbst wenn sie die Patienten wirtschaftlicher und effizienter behandeln – die Krankenhausträger können es sich leisten, die MVZ auch mal in die roten Zahlen laufen zu lassen. Auf Dauer rechnen sie mit satten Gewinnen: Der Finanzvorstand der Rhön-Kliniken, Dietmar Pawlik, erwartet nach eigenen Worten künftig „Umsatzerlöse vor allem durch eine Leistungsausweitung in der ambulant-stationären Grund- und Regelversorgung“. Der Konzern habe erste MVZ-Strukturen aufgebaut. „Dieses Jahr wird die Marke von 100.000 Patienten in den Medizinischen Versorgungszentren überschritten, der Bereich ist damit im Vergleich zum Vorjahr um 73 Prozent gewachsen“, präsentierte er Ende 2008 stolz die Erfolge der börsennotierten Klinikkette.

Damit ist der Weg vorgezeichnet, finden auch die Krankenkassen: „Komplexe industrialisierte medizinische Versorgungszentren werden die Einzelpraxis verdrängen“, prophezeit Wulf-Dietrich Leber vom Spitzenverband aller Krankenkassen in Berlin. „Wohlstand für alle wurde durch industrialisierte Konsumgüterproduktion geschaffen. Gesundheit für alle wird auch nur durch einen stärker industrialisierten Medizinbetrieb zu erreichen sein“, ist sich der Volkswirt sicher.

Eine Schreckensvision für viele niedergelassene Ärzte, die ihre Patienten nicht an anonyme Zentren verlieren wollen. Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Wolfgang Hoppenthaller, ist sich sicher: Letztendlich errichteten die Konzerne solche MVZ nur zu einem Zweck – um Gewinne für ihre Aktionäre zu erzielen: „Ohne dass es die Bürger merken sollten, verscherbelten die Sozialpolitiker unser Gesundheitssystem an Aktiengesellschaften. Patienten sollen Zuteilungsmedizin unter dem Diktat der Gewinnmaximierung erhalten“, warnt der Allgemeinmediziner.

Die Konzerne planten, Schritt für Schritt mit Medizinischen Versorgungszentren und Callcentern flächendeckend die gesamte ambulante Versorgung zu übernehmen. „Gesundheit und Krankheit verkommen zur Ware. Eine wahrhaft perfekte Gelddruckmaschine“, bedauert Hoppenthaller und verweist auf das Gesundheitssystem der USA, wo Großkonzerne bereits die Hebel in den Händen halten. „Die haben das unsozialste und teuerste Gesundheitssystem der westlichen Welt. 40 Millionen amerikanische Bürger können sich keine Krankenversicherung leisten.“

Nur ein Faktor kann seiner Meinung nach verhindern, dass die Großkonzerne die Arztpraxen komplett verdrängen: der Patient. „Solange es das feste Vertrauensverhältnis zwischen dem Arzt vor Ort in der Praxis und dem Patienten gibt, werden anonyme Callcenter und Medizinische Versorgungszentren nicht funktionieren. Die Menschen werden sich in dieser Form nicht den Kapitalgesellschaften und Großkonzernen anvertrauen.“

Ob der bayerische Hausärztechef mit seiner Prognose recht hat, wird sich vielleicht schon bald zeigen: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft kündigt in einem Konzeptpapier für das Jahr 2009 an, dass sie energisch für weitere Freiheiten der Kliniken kämpfen will. Ziel sei eine „Modernisierung der doppelten Facharztschiene“, weshalb die Grenzen zwischen Krankenhaus und ambulanter Versorgung weiter abgebaut werden müssten. Die Klinik-Riesen rüsten sich für den Vormarsch.


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Die Klinik-Riesen in Deutschland:
­Asklepios Kliniken Verwaltungsgesellschaft mbH
Jahresumsatz: 2,3 Milliarden Euro
36.000 Mitarbeiter

Rhön-Klinikum AG
Jahresumsatz: 2,02 Milliarden Euro
32.000 Mitarbeiter

­Helios Kliniken GmbH
­Jahresumsatz: 1,8 Milliarden Euro
30.000 Mitarbeiter

Sana Kliniken AG
Jahresumsatz: 792 Millionen Euro
16.300 Mitarbeiter

­Paracelsus-Kliniken-Deutschland GmbH
Jahresumsatz: 301,6 Millionen Euro
5.100 Mitarbeiter

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Mo, 15.06.2009 14:41 / Jan Scholz / Januar – März 2009 Druckversion Mail Zurück Weiter

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