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Versorgungslücke – Ärztemangel: Mediziner vor dem Massenruhestand

Die Statistik der Bundesärztekammer belegt es in der Tat schwarz auf weiß: Es gab 2007 mehr Ärzte als im Jahr davor. Rund 414.000 Mediziner lebten demnach in Deutschland – ein Anstieg um 1,2 Prozent. Zahlen, die also wirklich keinen Patienten beunruhigen dürften. Jedoch fällt bei diesen Angaben unter den Tisch, dass längst nicht alle Ärzte auch den erlernten Beruf ausüben. Fast jeder vierte Mediziner arbeitet inzwischen in einer anderen Branche: Rund 100.000 Ärzte wollen nicht in Praxis oder Klinik stehen und verdienen ihre Brötchen in Pharmaindustrie, wissenschaftlichen Einrichtungen oder Beratungsgesellschaften. Den Patienten helfen nur noch rund 315.000 Ärzte.

Ohne die Klinikärzte bleiben dann nur rund 127.000 Niedergelassene, die Kassenpatienten in ihren Praxen behandeln und die wohnortnahe Versorgung sichern. Von „historischem Höchststand“ kann bei vielen Fachgruppen dabei nicht die Rede sein: Bei Augenärzten, Gynäkologen, HNO- und Kinderärzten zeigen die Statistiken einen leichten Rückgang, in der Nervenheilkunde mit fast fünf Prozent sogar einen deutlichen. Sprengkraft birgt aber erst die Altersverteilung: Der niedergelassene Arzt ist heute im Schnitt 51 Jahre alt – rund zehn Jahre älter als ein Klinikarzt. Noch 1993 lag das Durchschnittsalter bei 46,6 Jahren.

Die Ärzteschaft in den Praxen altert also im Zeitraffer. Mit gravierenden Folgen für die Versorgung: Bis 2012 werden insgesamt 15.376 Hausärzte in den Ruhestand gehen, errechnete die Kassenärztliche Bundesvereinigung kürzlich, bei den Fachärzten seien es sogar fast 19.000 – der Massenruhestand rollt auf Deutschlands Mediziner zu. „Das wäre gar nicht so schlimm, wenn wir den Nachwuchs dafür hätten“, kommentierte der Vorsitzende der Vereinigung, Dr. Andreas Köhler, die Zahlen. Genug Jungärzte seien aber weit und breit nicht in Sicht.



Sprechstunde also bald nur noch beim „Herrn Doktor“ im Rentenalter und leer stehende Praxen allerorten? Die Zahlen aus den Universitäten lassen das befürchten: Der Schwund im Laufe des Medizinstudiums vom ersten Semester bis zur Arbeit am Patienten als Assistenzarzt beträgt inzwischen über 40 Prozent. Die Tendenz der Studenten, schon während des Studiums hinzuschmeißen und umzusteigen oder nach dem Abschluss in andere, lukrativere Berufe zu gehen, verstärkt sich immer mehr. „Die Arbeitsbedingungen sowohl im Krankenhaus als auch in der ambulanten Versorgung werden immer unattraktiver. In der Wirtschaft locken Berufe mit weniger Arbeitsbelastung, höherem Verdienst und vor allem geregelten Arbeitszeiten. Auch das Ausland lockt: Derzeit arbeiten rund 16.000 deutsche Ärzte im Ausland. Diese sind für die hiesige Patientenversorgung verloren“, nennt Köhler alarmierende Zahlen.

Für die Politik noch kein Grund zum Handeln. Schließlich kämen ja auch Ärzte aus dem Ausland nach Deutschland. Die immer beklagte Flut von auswandernden Ärzten „ist in Wahrheit ein Rinnsal“, wischte Ulla Schmidt kürzlich alle Kritik vom Tisch. Auch der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach unterstrich in einem Schreiben an andere Politiker mehrfach, dass Deutschland im internationalen Vergleich noch eine enorm hohe Facharztdichte habe.

Dem Präsidenten der Ärztekammer Sachsen, Prof. Jan Schulze, platzt bei solchen Aussagen der Kragen: „Auf jeden niedergelassenen Arzt kommen in Sachsen derzeit 677 Patienten“, pocht der Mediziner auf eigene Zahlen. Dies seien über einhundert Patienten mehr als ein Arzt in Bayern versorge. Vor allem in den ländlichen Regionen Sachsens gebe es bereits zu wenige Haus-, Augen- und Frauenärzte. „Und diese Situation wird sich noch verschärfen“, warnt Schulze. „Innerhalb der nächsten fünf Jahre gehen etwa 30 Prozent der sächsischen Ärzte in den Ruhestand.“ Bereits jetzt würden in Sachsen etwa 150 Arztpraxen auf einen Nachfolger warten.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern spitzt sich die Lage zu. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung vor Ort, Dr. Wolfgang Ecker, warnt gar vor der herannahenden Katastrophe: „In Schwerin schaffen wir es schon jetzt nicht einmal, zwei freie Dermatologensitze zu besetzen. Augenärzte fehlen auch – der Mangel geht durch alle Fachgruppen.“ Alle erdenklichen Notbremsen hätten die Ärzte schon gezogen. „Wir haben Niederlassungen in unterversorgten Gebieten unterstützt, Studenten gefördert und einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin errichtet. Es hat viele Aktionen und Gespräche gegeben – geholfen hat das alles aber nichts“, bedauert Eckert. Bei manchen Augenärzten betrage die Wartezeit inzwischen fast ein Jahr, bei Orthopäden seien sechs Monate nicht ungewöhnlich. „Das sind Zustände, die man als Arzt nicht tolerieren kann.“ Doch solange die Ärzte durch immer neue Gesetze gegängelt, mit Bürokratie genervt und von sinkenden Honoraren enttäuscht würden, werde sich nichts ändern. „Die Politik muss die Probleme der Ärzte endlich ernst nehmen – sonst fährt das ganze System vor die Wand“, prophezeit der Mediziner.

Unnötige Panikmache, meint die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, Marion Caspers-Merk. In Gebieten, in denen Ärztemangel drohe, könne mit konkreten Maßnahmen und finanziellen Anreizen doch gegengesteuert werden. „Und im Übrigen gibt es gerade im Süden eine deutliche ärztliche Überversorgung, insbesondere in der Nähe von Universitätsstädten“, hält sie den Zweiflern entgegen. Wie die Ärzte in den Städten jedoch die fehlenden Kollegen auf dem Land ersetzen können, verrät die Politikerin nicht: In Ballungszentren wie Hamburg oder Berlin und im südlichen Bayern herrscht zwar tatsächlich kein Mangel – dagegen fehlen bereits 185 Hausärzte in Niedersachsen und 80 in Westfalen-Lippe. Im Osten stehen Brandenburg und Sachsen-Anhalt ganz oben auf der Liste. Dort fehlen für die per Gesetz verlangte Versorgung 56 beziehungsweise 120 Hausärzte.

Schon lange ist der Ärztemangel also nicht mehr nur ein Problem der Ost-Bundesländer. Aktuelles Beispiel: Die Ärzte in Niedersachsen schlagen jetzt Alarm: Die Regionen Gifhorn, Soltau-Fallingbostel, Emsland, Peine, Wolfenbüttel, der Grafschaft Bentheim, Salzgitter und Lüchow-Dannenberg seien unmittelbar von einer Unterversorgung bedroht, meldete die Kassenärztliche Vereinigung. Zu einer tickenden Zeitbombe sei auch dort die Altersstruktur der Ärzte geworden: Von den 11.500 Kassenärzten würden bis zum Jahr 2020 rund 4.200 – fast 38 Prozent – das 68. Lebensjahr erreichen. Damit haben sie die Altersgrenze erreicht, ab der sie den Kittel an den Nagel hängen müssen.

Besonders schlimm stehe es um die hausärztliche Versorgung. Bis zum Jahr 2020 müssten über 2.000 neue Hausärzte kommen, um die gröbsten Probleme im Flächenland Niedersachsen abzufangen. Absolut illusorisch: „Im Jahr 2020 werden rund 1.000 Hausärzte weniger als heute in Niedersachsen tätig sein“, ist sich der Vorsitzende der Vereinigung, Eberhard Gramsch, nach aufwendigen Berechnungen sicher.

Der einzelne Arzt vor Ort fühlt sich hilflos. Dr. Thorsten Kleinschmidt, Hausarzt in Braunschweig, sieht die Schwierigkeiten wie eine Dampfwalze auf sich und seine Kollegen zukommen: „Unser Problem ist, dass ausscheidende Hausärzte ihre Praxen nicht mit Nachfolgern besetzen können. Wenn in den kommenden Jahren weitere Hausärzte mit 68 oder bereits mit 60 Jahren ausscheiden, haben wir ein echtes Problem.“ Für ihn und die noch verbleibenden Kollegen bedeute das auf jeden Fall eines: „Mehr Patienten, mehr Arbeit, mehr Notdienst nach Feierabend, am Wochenende und an Feiertagen. Patienten müssen sich auf längere Anfahrtswege und längere Wartezeiten einstellen.“

Sein Kollege aus Karlsruhe, Dr. Christian Rauscher, hat für sich schon die Konsequenzen aus der wachsenden Belastung – und einen Schlussstrich gezogen: Am 11. Juli hatte der Allgemeinmediziner zum letzten mal Sprechstunde in seiner Praxis. Nun geht er in die Schweiz und betreibt am Zürichsee eine Landarztpraxis. „Es geht mir nicht darum, in die Schweiz zu gehen, um mir eine goldene Nase zu verdienen, sondern ich möchte als Arzt arbeiten und mich voll und ganz meinen Patienten widmen können, ohne finanzielle Sorgen zu haben“, berichtet der Auswanderer vor seinem Schritt in die Alpenrepublik. Ans Zurückkommen denke er nicht. Seit er die Zulassung für die Schweiz in der Tasche hat, könne er wieder ruhig schlafen. Alles andere als ein Einzelfall: Rauscher folgt lediglich den 15.000 Kollegen, die in den letzten Jahren ausgewandert sind.

Der Präsident der Bundesärztekammer kann nicht fassen, dass die Regierung bei dieser Entwicklung tatenlos zusieht und die Zahlen auch noch öffentlich verdreht: „Es muss doch auch die Politiker in diesem Land beschämen, wenn Ärzte, die ins Ausland ausgewandert sind, sagen, dort würde man als Arzt noch anerkannt und nicht in bürokratische Fesseln gelegt wie hierzulande.“ Nicht mehr zu leugnen sei besonders die Bereitschaft junger Ärzte, ihr Glück im Ausland zu suchen. „Viele dieser jungen Leute wollen nicht mehr um den Preis ihrer eigenen Gesundheit 60- oder gar 80-Stunden-Dienste in der Woche schieben, um sich dann auch noch die Qualität ihrer Arbeit von der Politik miesmachen zu lassen.“ Die in den vergangenen Monaten zu beobachtenden Ärztestreiks sind nach Meinung Hoppes daher noch lange nicht vorbei. „Ärzte streiken eigentlich jeden Tag, indem sie nämlich erst gar nicht mehr ins Gesundheitssystem einsteigen.“

Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland
Anzahl

2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
Jahr

1.437
1.691
1.992
2.731
2.249
2.575
2.439­

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Do, 16.10.2008 14:08 / Jan Scholz / August-September 2008 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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