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| Profit wichtiger als Patient - Callcenter statt Hausarzt: Schöne neue Gesundheitswelt |
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 Quelle: Konstantin Gastmann / PIXELIO | Wir schreiben das Jahr 2015. Klara W. spürt morgens ein heftiges Stechen in der Brust. Sie sorgt sich: Schon seit Jahren nimmt sie Medikamente gegen ihren hohen Cholesterinspiegel. Doch wegen der Schmerzen einfach zum Hausarzt gehen kann sie nicht: Als ihr alter Hausarzt in den Ruhestand ging, fand er keinen Nachfolger und die Praxis musste wie viele andere schließen.
Das Telefon klingelt und ein Call-center ist dran. Die Telefonstimme meldet sich im Auftrag von Klaras Krankenkasse regelmäßig. „Haben Sie es geschafft, diese Woche weniger Butter zu essen? Haben Sie Ihre Medikamente regelmäßig genommen?“ Klara hat ein schlechtes Gewissen, weil sie doch jeden Tag Butter aufs Brot streicht.
Solche Callcenter gibt es bereits heute: Anfang des Jahres eröffnete das amerikanische börsennotierte Unternehmen „Healthways“ im Berliner Umland eine Zweigstelle und ruft seitdem chronisch Kranke in Bayern und Baden-Württemberg an, die bei der DAK versichert sind. DAK-Pressesprecher Jörg Bodanowitz sieht darin nur Gutes: „Healthways soll helfen, den Lebensstil zu verändern, zum Beispiel abzunehmen, mit dem Rauchen aufzuhören und Sport zu treiben.“ Die Kasse rechnet sich aus, dass die Patienten dann weniger ins Krankenhaus müssen und damit weniger kosten.
Details aus einem solchen Telefonat berichtete eine erboste Patientin dem bayerischen Hausarzt Dr. Wolfgang Hoppenthaller: Die Callcenter-Dame habe mehr bestimmt als freundlich verlangt, sie solle eine entsprechende Liste mit allen Medikamenten anfertigen und diese beim nächsten Telefonat bitte parat haben. Derart Privates weiß bislang nur der Arzt des Vertrauens.
Als Klara schließlich von ihren Schmerzen erzählt, schickt sie die Stimme am anderen Ende der Leitung in ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Es gibt dort keine einzelnen Praxen mehr, die Ärzte sind alle angestellt und arbeiten im Schichtbetrieb. Solche Zentren gibt es nicht an jeder Ecke, deshalb muss Klara etwa eine Stunde mit dem Bus fahren und anschließend lange im Wartezimmer sitzen. Den Arzt, der sie untersucht, kennt sie nicht und sie wird ihn vermutlich auch kein zweites Mal treffen.
Große Investoren kaufen schon heute die kleinen Praxen auf, der Kauf von Arztsitzen ist das Eintrittsticket der Konzerne in das deutsche Gesundheitswesen. So traute kürzlich eine bayerische Hausärztin ihren Augen nicht: Eine amerikanische Anwaltskanzlei fragte per Fax an, ob sie Interesse hätte, ihre Praxis an ein international aufgestelltes Unternehmen zu verkaufen. Mit solch merkwürdigen Shoppingtouren fassen die Konzerne ein ganzes Bündel der Praxissitze zusammen und verlagern sie in unternehmenseigene Zentren.
Erst in straff organisierten Zentren haben die Investoren die Kontrolle über die Höhe des Profits, erklärt Volkswirt Hagen Kühn. Der Praxis um die Ecke macht er wenig Hoffnung: „Kleine niedergelassene Ärzte könnten vor diesem großen Prozess eine Stellung haben wie vielleicht Anfang des 19. Jahrhunderts die Weber gegenüber der Textilindustrie“, erklärt er. Die Weber kennt heute nur noch das Geschichtsbuch. Zukunftsmusik? Durchaus nicht: Schon heute gibt es über 800 Medizinische Versorgungszentren in Deutschland.
Endlich im Behandlungszimmer, schaut der Arzt nicht zuerst Klara an, sondern guckt ins Internet: Dort findet er ihre Online-Akte, die detailliert über Klara Auskunft gibt. Schließlich untersucht er sie und hegt den Verdacht, dass Klaras Herzkranzgefäße verengt sind. Vielleicht sei sogar eine Bypassoperation nötig, erklärt er ihr. Klara erschrickt und wünscht sich nichts mehr, als in die Klinik eingewiesen zu werden, die am besten für sie ist. Doch die Klinikauswahl des Arztes fällt weniger aus medizinischen Gründen: Das MVZ gehört zu einer großen, börsennotierten Klinikkette und nur zu deren Krankenhäusern darf der angestellte Arzt überweisen.
Im Krankenhaus bestätigt sich die Vermutung und Klara wird operiert. Bei den Voruntersuchungen fällt auf, dass Klara auch einen viel zu hohen Blutzuckerspiegel hat. Da müsse dringend etwas getan werden, sagt ihr eine Schwester. Doch kaum ist Klara nach der OP genesen, hält sie auch schon die Entlassungspapiere in der Hand. Um ihren Diabetes hat sich niemand gekümmert.
Kliniken bekommen schon heute nur noch Geldpauschalen für einen „Patienten-Fall“. Der Druck ist groß, die Patienten möglichst rasch wieder zu entlassen, um Kosten für die teure Unterbringung und Betreuung nach der OP zu sparen, erklärt Kühn. „Durch die neue Finanzierung können Klinikbetreiber nur noch Gewinne durch weniger Ausgaben machen und nicht durch bessere Leistungen.“
Deshalb heißt es: Eine Diagnose, eine Behandlung, eine Bezahlung. Alles, was rechts und links läuft, wird nicht bezahlt und schmälert den Gewinn. „Da sagt sich die Klinik natürlich: lieber schnell entlassen und in fünf Wochen mit einer anderen Diagnose aufnehmen. Das bringt dann wieder eine neue Pauschale, also mehr Geld.
Wie entsetzlich ist das für einen Patienten, der vier oder fünf Krankheiten hat!“, empört sich Eugen Brysch, Geschäftsführer der Hospiz Stiftung. „Man wollte mit den Pauschalen eigentlich die Kosten in den Griff bekommen, aber was ist daraus geworden? Wenn Patienten viermal im Jahr reinkommen, gibt es eben mehr Geld“, beschreibt Brysch. „Das ist ja wie eine Drehtür, da bewegt sich was, und immer wenn sich etwas bewegt, geht die Registrierkasse auf und zu.“
So muss auch Klara erneut in die Klinik, damit sie wegen ihrer Zuckerkrankheit auf bestimmte Medikamente eingestellt werden kann. Die Klinik kann so mehr abrechnen, als wenn sie Klara nach der Herz-OP länger dabehalten und gründlich behandelt hätte. Gut geht es ihr aber auch nach der Entlassung nicht. Sie fühlt sich schwach, ihr ist manchmal übel, der Kreislauf will nicht so richtig. Doch statt einer umfassenden Therapie bekommt sie nur Hilfe für einzelne Beschwerden, meist hat sie sowieso nur die Callcenter-Stimme, der sie ihr Leid klagen kann.
„Wir haben eine Medizin, die allein das Gesundmachen honoriert“, erklärt Brysch die Logik des Systems. „Das ist für Menschen, die nicht gesund werden können und chronisch krank sind, einfach furchtbar. Die Linderung der Symptome wird in Deutschland überhaupt nicht unterstützt.“
So bleibt es nicht aus, dass Klara eines Tages zusammenklappt und der Rettungswagen anrollt. Der schafft sie in die gleiche Klinik, in der sie auch wegen ihres Herzens und ihrer Zuckerkrankheit war. Der Arzt in der Notaufnahme ist ratlos. Kopfzerbrechen bereitet ihm allerdings nicht Klaras Zustand, sondern, wie er ihre Diagnose am besten abrechnen kann. Wenn er einfach die gleiche Diagnose wie vor einigen Wochen einträgt, bekommt er einen Rüffel von der Verwaltung, weil die Klinik mit einem anderen Punktewert aus der Liste mehr verdient hätte.
„Man schult Mediziner nicht, damit ihnen bei der Diagnose keine Fehler unterlaufen, nein, man schult, damit die Abrechnung stimmt“, erzürnt sich Brysch. „Die Ärzte werden zum verlängerten Arm des Abrechnungssystems.“
Schließlich stellt sich heraus, dass Klara mit den herkömmlichen Diabetes-Medikamenten nicht mehr auskommt. Sie braucht jetzt Insulin. Der Arzt könnte ihr ein teures Präparat verschreiben, von dem er meint, dass es für sie am besten geeignet wäre. Oder er rezeptiert ein billigeres Präparat. Aus Kostengründen rezeptiert er Letzteres. Außerdem braucht Klara eine Kur mit einer Diabetes-Schulung. Den Antrag für Klaras Kur lehnt die Kasse ab: Im Gegensatz zum Arzt sieht der Kassenangestellte nur den Zettel mit dem Antrag statt Klara selbst, und so fällt ihm ein Nein leicht.
„Distanzentscheidungen, die nicht im Angesicht der Betroffenen gefällt werden, haben eine andere Qualität“, erklärt Kühn. „Die Distanz verändert die Kultur des Heilens.“
Klara wendet sich selbst an ihre Krankenkasse, doch sie erhält keine Antwort auf ihren Brief. Auch als sie anruft, ist der zuständige Sachbearbeiter nicht zu sprechen.
„Das ist Rationieren durch Bürokratie“, erklärt Kühn. „Man ruft nicht zurück, man lässt Patienten lange hängen, man schickt ihnen unverständliche Schreiben. Die Versicherten resignieren, machen ihre Ansprüche nicht geltend oder suchen sich eine andere Kasse. Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten.“
Was viele chronisch Kranke nicht wissen: Ihre Kasse will sie eigentlich gar nicht wirklich als „Kunden“ haben. Auch das ist eine Folge der aktuellen Politik. „Theoretisch müsste der Wettbewerb die Kassen dazu anhalten, die Bedürfnisse der Patienten zu befriedigen, erklärt Kühn. „Aber es geht ja überhaupt nicht um den Wettbewerb schlechthin, sondern um den Wettbewerb um rentable Patienten. Gerade für diejenigen, die Hilfe am notwendigsten benötigen, wie Reha und betreuende Maßnahmen, um die findet der Wettbewerb überhaupt nicht statt.“
Die Versicherung sieht nur, dass ein Prozent der Versicherten bis zu 30 Prozent der Ausgaben verursacht, erläutert Kühn. „Wenn ich als Kasse von dem einen, ständig kranken Prozent ein paar Versicherte zu viel habe, kann ich so viel Marketing betreiben wie ich will, ich muss den Beitragssatz erhöhen und die Versicherten laufen weg.“ Deshalb bleibe es ein entscheidender Faktor, ob die Kasse sich teure Patienten vom Hals schaffen könne.
Wohin die Reise des Gesundheitswesens geht, zeigen die USA. Dort können Versicherungen mit Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren frei Verträge schließen. Ein Versicherter darf sich dann nur noch bei bestimmten Ärzten behandeln lassen, erklärt Kühn. „Das Versprechen, dadurch dauerhaft die Kosten zu senken, ist bisher nicht im Geringsten eingehalten worden. Amerika hat das teuerste Gesundheitssystem der Welt.“ Obwohl sie doch dort schon seit 20 Jahren angeblich so effiziente Managementmethoden anwenden. „Und wir machen diese Management-Ideologie jetzt nach“, klagt Kühn.
Klara sitzt müde und frustriert zu Hause. Wie war das damals, als sie noch einen Hausarzt in der Nähe hatte? Und warum haben so viele Politiker damals immer die gleichen Sätze geplappert, dass die Kosten im Gesundheitswesen runter müssten? Dass es ja so viele „Rationalisierungsreserven“ gebe? Doch bevor sie weiter denken kann, klingelt wieder das Telefon. Die Callcenter-Stimme mit der täglichen Butterfrage ist dran.
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| Chirurg: Operation oft ein Verlustgeschäft für die Kollegen |
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Im Interview:
Dr. Jan Erik Döllein
Im Internet kursiert derzeit ein offener Brief und sorgt für Furore: Große Konzerne drohten den Beruf des freien Arztes zu zerstören, heißt es darin. „durchblick gesundheit“ sprach mit dem Autor, dem bayerischen Hausarzt und CSU-Politiker Dr. Jan Erik Döllein.
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durchblick: Wovor warnen Sie die Kollegen?
Der niedergelassene Arzt soll bewusst kaputtgespart werden. An seine Stelle sollen regionale Monopole treten, die in der Hand von Großkonzernen liegen. Beispiel: Ein Medizinisches Versorgungszentrum und ein Krankenhaus schließen sich zusammen, treffen Absprachen. Wenn die Arztpraxis um die Ecke erst verschwunden ist, kann dieses Monopol die Preise hochdrücken. Wie so etwas läuft, sieht doch jeder an den Strom- und Gaspreisen. Die Privatisierung im Gesundheitswesen macht dieses keinesfalls billiger. Es füllt nur die Konzernkassen.
durchblick: Was bedeutet das für die Patienten?
Der Patient wird nur noch als Wirtschaftsgut im Rahmen der verschiedenen Gewinnketten herumgeschoben. Es wird auch völlig normal sein, dass man seinen Krankenversicherungsbeitrag nicht mehr an diese Krankenkasse zahlt, sondern gleich an diesen Konzern.
durchblick: Sind die Politiker schuld?
Ja und nein. Das Problem ist, dass sich viele Politiker einfach nicht wirklich mit dem Thema auskennen und sich auf externe Berater verlassen. Ganz vorn dabei: Die Bertelsmann Stiftung. Sie verlangt kaum Geld dafür und trägt das Banner der Gemeinnützigkeit. Leider verfolgt sie meiner Ansicht nach ganz andere Ziele. Sie ist eine Stiftung der Bertelsmann AG. Bertelsmann will im Gesundheitswesen Geld verdienen. Beispiel: elektronische Gesundheitskarte, gegen die wir Ärzte Sturm laufen. Wer soll die Digitalisierung der Patientenbilder übernehmen, die auf der e-Card sein werden? Die Bertelsmann-Tochter Arvato.
An der Spitze von Bertelsmann steht das Ehepaar Reinhard und Liz Mohn. Frau Mohn ist – wie auch Herr Lauterbach – Mitglied im Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken. Wenn die einzigen Informationen, die Politiker heute für ihre Entscheidungen haben, auf den externen Beratungen von Bertelsmann gründen, dann kann ich einem Politiker in vielen Fällen gar keinen so großen Vorwurf machen. Eine sehr traurige Konstellation, das muss man ganz klar sagen.
durchblick: Hat denn der Bürger in unserer Demokratie nicht noch ein Wörtchen mitzureden?
Ich habe das Gefühl, dass durch die – ebenfalls sehr stark von Bertelsmann und auch von Springer kontrollierten – Medien der Großteil der Bevölkerung einfach nicht mitbekommt, was in Deutschland momentan wirklich passiert. Die Mitsprache der Bürger bleibt auf der Strecke.
Den gesamten offenen Brief von Dr. Döllein finden Sie im Internet unter www.nachdenkseiten.de
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