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Verschenkte Sparmöglichkeiten - Ambulante Operationen: Heilen mit Heimvorteil

Es riecht ein wenig nach Desinfektionsmittel, Neonröhren bestrahlen endlose Flure, eine Krankenschwester quietscht über den Linoleumboden – in manchen Krankenhäusern macht sich eine beklemmende Atmosphäre breit. Natürlich haben viele Kliniken inzwischen moderne Zimmer in freundlichen und hellen Farben. Der Eindruck, durch eine anonyme Großeinrichtung zu laufen, verschwindet jedoch nie ganz.

Umso angenehmer wäre es doch, nach einer OP nicht noch Tage in der Klinik bleiben zu müssen, sondern den Abend nach dem Eingriff wieder in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Im Ausland ist das Standard. Hat ein Amerikaner einen Leistenbruch, so wird er in 90 Prozent aller Fälle ambulant operiert, nur jeder Zehnte verbringt danach noch ein paar Tage im Krankenhaus. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Medizinisch ist das natürlich unbegründet. Schuld daran ist vielmehr ein irrwitziges Honorarsystem.

Eine Klinik verdient an einer Operation viel mehr, wenn sie einen Patienten nach dem Eingriff noch ein paar Tage auf die Station legt – auch wenn er sich dort nur langweilt. Während die Kassen für Operationen im Krankenhaus viel Geld überweisen, müssen die niedergelassenen Fachärzte zum Spartarif arbeiten. Viele Niedergelassene können es sich daher kaum noch leisten, die Operationen anzubieten. Sie fahren ihr Angebot herunter oder legen das Skalpell ganz aus der Hand. Deshalb müssen Hausärzte die Patienten immer noch ins Krankenhaus schicken, wo ihnen ein – völlig überflüssiger – mehrtägiger Aufenthalt blüht.

Dabei hat eine ambulante Operation in der Facharztpraxis noch weitere Vorteile: „Es geht nicht so unpersönlich zu wie in einem Krankenhaus – da weiß der Patient nachher oft nicht einmal, wer ihn operiert hat“, betont Dr. Gerd-Dieter von Koschitzky. Der Chirurg ist in beiden Welten zu Hause: Er operiert hauptsächlich in einer Gemeinschaftspraxis im niedersächsischen Walsrode, greift aber auch in der nahe gelegenen Klinik zum Skalpell.

An die verwunderten Gesichter der Patienten in seiner Praxis hat sich der Spezialist für Fußchirurgie gewöhnt: „Viele Leute sind bei den Gesprächen überrascht, welche Eingriffe Fachärzte in ihrer Praxis durchführen können“, berichtet der Arzt. „Orthopädie, Urologie, Augenheilkunde – fast in jedem medizinischen Fachbereich bieten Kollegen ambulante Operationen an.“

Noch in den achtziger Jahren war das anders: In den Fachpraxen standen bis auf wenige Ausnahmen nur kleinere Operationen mit lokaler Betäubung auf dem Tagesprogramm. Heute entfernen Fachärzte schon Gallenblasen ambulant, operieren an Gelenken oder setzen Herzschrittmacher ein.

Für den Patienten bedeutet das nicht nur Versorgung auf hohem fachlichen Niveau: „Ein niedergelassener Facharzt kann dem gesetzlich Versicherten auch das bieten, was im Krankenhaus nur ein Privatpatient mit Chefarztbehandlung erhält: Er spricht vor und nach der Operation ausgiebig mit seinem Operateur, der ihm alle Schritte erläutert und ihn bei nachfolgenden Kontrollterminen betreut.“ Wer sich in einer Arztpraxis ambulant operieren lässt, kann also sicher sein, Facharztstandard zu bekommen – anders als in der Klinik, in der auch Mediziner zum Skalpell greifen, die noch in der Ausbildung sind.

Nicht zu unterschätzen ist wohl auch der „Heimvorteil“ für den Patienten: „Ambulante Operationen sind Eingriffe, bei denen Sie morgens im eigenen Bett aufwachen, zur Behandlung kommen und abends im eigenen Bett einschlafen. Die vertraute Umgebung erleichtert es vielen Patienten, schnell ins Alltagsleben zurückzufinden“, weiß von Koschitzky. „Außerdem“, scherzt er, „ist das Essen daheim meist besser als in den Bettenburgen.“

Weniger witzig findet von Koschitzky, dass trotz all dieser Vorteile für den Patienten die Politik das ambulante Operieren quasi abwürgt – und damit Milliarden verschleudert. Die Deutsche Tagesklinikgesellschaft (DTKG) errechnete kürzlich, dass die Kassen hierzulande 1,5 Milliarden Euro sparen könnten – wenn nur die 50 häufigsten in Kliniken durchgeführten Operationen wie Leistenbruch-, Krampfader- oder Kniegelenksoperationen von ambulanten Operateuren durchgeführt würden.

Das passiert aber nicht. Denn wenn ein niedergelassener Arzt einen Patienten ambulant operiert und ihn damit quasi einer Klinik „abnimmt“, hat das nicht auch automatisch zur Folge, dass er mehr Geld bekommt. Der Grund: Es gibt zwei Geldtöpfe in Deutschland. Einen für die Kliniken, einen für alle niedergelassenen Ärzte zusammen. Beide Finanztöpfe sind strikt voneinander getrennt. Entscheidet sich ein Patient also zu einer ambulanten Operation in einer Facharztpraxis und geht eben nicht ins Krankenhaus, bekommen die niedergelassenen Ärzte trotzdem nicht mehr Geld.

Auch wenn Krankenhäuser ambulante Eingriffe anbieten und die Patienten schnell wieder entlassen könnten, belegen sie lieber langfristig ihre Betten. „Sie nehmen die Patienten für ein paar Tage stationär auf, weil sich unter den Bedingungen mehr Geld erwirtschaften lässt“, beobachtet Dr. Dieter Haack, der Präsident des Berufsverbandes Niedergelassener Chirurgen. Das niedrige Honorar, mit denen sich die Ärzte in den Praxen herumplagten, könnten sie so umgehen. Schlimm sei, dass die Krankenkassen dies noch unterstützten, anstatt für das ambulante Operieren zu werben und den niedergelassenen Ärzten gerechte Honorare zu zahlen. Kassen und Politik förderten so teure und unnötige Klinikaufenthalte. Fazit des Chirurgen: „Eigentlich ist das staatlich subventionierte Freiheitsberaubung.“

Chirurg: Operation oft ein Verlustgeschäft für die Kollegen
­­ Im Interview:
Dr. Jörg-Andreas Rüggeberg

Die ambulante Operation ist für den Patienten wesentlich stressfreier als der Eingriff in der Klinik. Doch wofür müssen die Kassen tiefer in die Tasche greifen? ”durchblick gesundheit“ fragte Dr. Jörg-Andreas Rüggeberg vom Berufsverband der Chirurgen.

durchblick: Herr Dr. Rüggeberg, zahlen die Krankenkassen mehr für eine Operation in der Klinik oder für eine ambulante Operation bei einem niedergelassenen Arzt?

Krankenhäuser bieten ja auch ambulante Operation an, nach denen die Patienten schnell entlassen werden können. Dann sind die Ausgaben der Kassen natürlich gleich. Wird der Patient für einen solchen Eingriff jedoch einfach stationär aufgenommen, kommt es zu großen Verzerrungen. Die Kliniken rechnen dann nach einem ganz anderen Honorarsystem ab und das ist für die Krankenkassen viel teurer.

durchblick: Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Das ist nur schwer möglich, weil man hier Äpfel mit Birnen vergleicht. Aber ich will es mal so sagen: Wenn das Geld für die stationäre Behandlung der Apfel ist, dann ist der im Durchschnitt siebenmal so dick wie die magere Birne der ambulanten Vergütung.

durchblick: Der niedergelassene Arzt verdient also nicht besonders gut an den Operationen?

In einigen Fällen muss er sogar aus eigener Tasche dazubezahlen. Es gibt zur Zeit leider nur wenige Eingriffe, die er wirklich kostendeckend anbieten kann. Mit der unterschiedlichen Vergütung von ambulanten und stationären Leistungen hat das aber nichts zu tun: Die niedergelassenen Ärzte haben insgesamt ein Problem mit ihrem Honorarsystem, das ihnen kaum Luft zum Atmen lässt. Bei den Operationen wird es nur sehr deutlich. In vielen Fällen ein Verlustgeschäft für die Kollegen.

durchblick: Gibt es schon Chirurgen, die deshalb nicht mehr operieren können?

Es gibt wirklich niedergelassene Kollegen, die den OP-Kittel an den Nagel hängen. Gerade kleine Fachpraxen, die auch größere und damit kostenintensivere Eingriffe anbieten, müssen immer häufiger das Handtuch schmeißen. Sie können die hohen Ausgaben für Geräte, Betriebskosten und Personal beim Operieren nicht mehr schultern. Das Problem geht im Prinzip quer durch alle Fachgruppen.


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Di, 19.08.2008 11:06 / Jan Scholz / Januar 2008 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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