 Nicht mehr selbstverständlich: Zeit für die Bedürfnisse des Kindes |
Der Empfangstresen ist in liebevoller Kleinarbeit bemalt: Ein Löwe sonnt sich in einem Liegestuhl und schlürft zufrieden Saft durch einen Strohhalm, aus dem Rüssel eines Elefanten sprudelt eine Fontäne. Ein kleines Äffchen klettert die Lampe über dem Empfang hinauf. Über der Praxis von Kinderarzt Dr. Martin Fischer liegt ein Hauch von Kinderbuch. Heile Welt also im Taka-Tuka-Land? Der Schein trügt. Auch bei den Kinderärzten hat die Sparkeule kräftig zugeschlagen. Nur merken die meisten Eltern noch nicht, dass vieles, was Dr. Fischer ihren Kindern noch bietet, anderswo schon nicht mehr zu haben ist.
Zum Beispiel Zeit: In aller Seelenruhe spielt Fischer mit der kleinen Lena Ball. Damit testet er ihre Koordinationsfähigkeit. Dann lässt er sie auf einem Springseil balancieren, das am Boden liegt. „Klasse machst du das“, lobt er die aufgeweckte Vierjährige, die die Aufgabe mit Bravour meistert. Rund 45 Minuten lang geht er spielerisch auf die Kleine ein. Obwohl der Mediziner weiß, dass draußen das Wartezimmer schon wieder proppenvoll ist, ist ihm von dem Zeitdruck äußerlich nichts anzumerken. Doch innerlich steht er unter Strom.
„Etwa 35 Euro bekomme ich für diese Vorsorgeuntersuchung“, erklärt Fischer. „Dem stehen pro Stunde 180 Euro reine Praxiskosten gegenüber.“ Die muss er zusammen mit seiner Praxispartnerin Dr. Claudia Schwarting und einer jungen Medizinerin mit einer halben Stelle, die sich zur Kinderärztin weiterbildet, erwirtschaften. „Wenn ich nur Kassenpatienten hätte, könnten wir so nicht überleben“, sagt der engagierte Kinderarzt. „Das klappt nur, weil ich genügend Privatpatienten habe. Mit den Einnahmen kann ich bei den Kassenpatienten zubuttern.“ Fischers Praxis liegt im gut situierten Hamburger Stadtteil Volksdorf, doch auch er muss sparen, wo er nur kann: Keine seiner drei Arzthelferinnen hat eine Vollzeitstelle. Viele Dinge, die anderswo die Helferinnen erledigen, macht er deswegen selbst.
„In Gegenden, wo es keine Privatpatienten gibt, kann eine Praxis nicht so kuschelig aussehen. Geschweige denn kann sich der Arzt pro Kind so viel Zeit nehmen und man kann es sich eigentlich auch nicht leisten, eine so ausführliche Vorsorgeuntersuchung zu machen“, bedauert Fischer. „Ich will auf keinen Fall behaupten, dass meine Kollegen in den ärmeren Stadtteilen schlecht arbeiten“, sagt er mit Nachdruck. „Aber in den armen Stadtteilen können die Ärzte den Kassenpatienten einfach weniger bieten. Dass man die Armen weiter benachteiligt, indem man einfach das Honorar für die Ärzte knapp hält, ist keine besonders soziale Tat.“ Im Prinzip entscheide wieder die Herkunft über die Gesundheit.
Auf Dauer werden Kinderärzte in sozialen Brennpunkten knapp: Einige U-Bahn-Stationen weiter, wo es so gut wie keine Privatpatienten gebe, sei eine Praxis ganz verschwunden, erzählt Fischer von den Schwierigkeiten einer Kollegin: „Sie hat jahrelang versucht, ihre Praxis zu verkaufen und einen Nachfolger zu finden. Am Ende hat sie einfach dichtgemacht und das Inventar verscherbelt.“
Auch die Alltagsdetails sprechen eine deutliche Sprache, wenn es um die Frage geht, wie genau die „große“ Politik auf die Bedürfnisse der Kleinsten achtet. Zum Beispiel bei der kleinen Jenny: Am Wochenende hat ihr der Arzt im Notdienst ein Antibiotikum verordnet. Mehrfach haben die Eltern versucht, ihr das Mittel einzuflößen. Beinahe jedes Mal hat sie sich danach erbrochen. Nun sitzt die ratlose Mutter mit der Kleinen bei Dr. Fischer in der Sprechstunde.
Der erfahrene Kinderarzt kennt das Problem: Jenny stellt sich nicht etwa einfach nur an. Der Antibiotikumsaft, den sie nehmen musste, schmeckt so ekelerregend, dass selbst Erwachsenen davon übel wird. „Ich habe noch nie jemanden gesehen, bei dem das reingeht. Das ist eine irre Verschwendung“, schimpft Fischer. Denn dass das Mädchen diesen Saft bekommen hat, liegt an einem Rabattvertrag ihrer Krankenkasse – der Geld einsparen soll, nun aber dafür sorgt, dass Fischer noch ein Rezept schreiben muss – und die erste Flasche in den Müll wandert.
Der Kollege vom Notdienst habe genau den richtigen Wirkstoff aufgeschrieben, erklärt der Kinderarzt der besorgten Mutter. Nur schmecke er einfach abscheulich. Der Originalhersteller habe es geschafft, dieses Antibiotikum so gut aufzubereiten, dass der gallebittere Wirkstoff nicht herausschmecke. Doch die Krankenkasse verlangt, dass der Apotheker nicht das Originalmedikament herausgibt, sondern ein günstigeres Nachahmerprodukt von einer anderen Firma – ein sogenanntes Generikum – und das schmeckt einfach nur scheußlich. „Die Mitarbeiter in den Krankenkassen wissen überhaupt nicht, was sie tun, wenn sie solche Verträge machen“, ärgert sich Fischer.
Das Thema Kindermedikamente ist für Fischer und seine Kollegen generell ein Reizthema. Die Politik klopft sich auf die Schulter: Eltern mit kleinem Einkommen müssten nicht aus Geldnot an den Medikamenten ihrer Kinder sparen. Im Gesetz steht, dass die Krankenkassen für Kinder bis zum Ende des zwölften Lebensjahres auch nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Hustensaft bezahlen. Das kommt gut an. Aber: In Wirklichkeit hat Fischer ein festes Budget für Medikamente. Das ist eine Höchstsumme, für die er Arzneimittel verschreiben darf. Verordnet er mehr, muss er Strafe zahlen – wenn er Pech hat so viel, dass er die Praxis schließen muss. „Hustensaft können wir deswegen schon lange nicht mehr aufschreiben“, erklärt Fischer. „Alles, wofür man kein Rezept braucht, müssen die Eltern in der Apotheke bezahlen. Ich kann nicht anders handeln.“
Geizen muss Fischer auch bei der Krankengymnastik, denn dafür gibt es ebenfalls ein Budget. „Wir können fast nur Behinderte versorgen. Und natürlich Säuglinge, weil man in dem Alter ganz viel erreichen kann. Denen keine Krankengymnastik zu geben, könnte ich gar nicht vertreten.“ All diejenigen aber, die mit Engagement der Eltern und Bewegung im Sportverein auch zurechtkommen können, gehen leer aus.
„Man sieht auch zu, dass man immer nur ein bisschen aufschreibt, bis es dem Kind gerade eben wieder besser geht. Aber eben nicht, bis wieder wirklich alles gut ist. Das ist natürlich ganz schwierig. Für mich, für die Eltern und für die Physiotherapeuten. Schließlich wollen alle ihre Arbeit gut machen. Man darf aber im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung keine gute Arbeit abliefern, sondern nur ausreichende. So steht es im Gesetz: ‚Wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig‘ darf die Medizin für Kassenpatienten sein. Ich darf keine bessere Medizin machen als Note Vier, auch wenn ich es anders gelernt habe. Und wenn die Vier erreicht ist, muss man aufhören“, sagt Fischer bedrückt. „Immer muss man Abstriche und Halbheiten machen. Das bei Kindern! Das ist sehr belastend.“
Doch für die Jüngsten wird es wohl noch dicker kommen. Als Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin gehört Fischer einer aussterbenden Gattung an. „Es gibt nicht so viele Weiterbildungsstellen an den Kinderkliniken, dass man die Kinderärzte ersetzen könnte, die demnächst in Rente gehen“, warnt der Kindermediziner. Vielleicht sei das auch so gewollt, mutmaßt er, Hinweise dafür gebe es genug: „Zum Beispiel werden junge Mediziner, die sich in einer Praxis zum Allgemeinmediziner weiterbilden, mit einem Lohnzuschuss gefördert. Kinderärzte in der Weiterbildung aber nicht.“
Das neue Honorarsystem, das seit dem 1. Januar gilt, weist nach Fischers Ansicht in dieselbe Richtung: „Für Kinderärzte stehen da genau die gleichen Dinge drin, die auch die Hausärzte abrechnen. Dabei machen wir bei den Kindern ganz andere Sachen und haben oft auch einen viel höheren Aufwand bei den Untersuchungen, weil die Kinder nicht so wie Erwachsene berichten können, wo es ihnen fehlt.“ Offensichtlich sei das Spezialwissen der Kinderärzte aber nicht einmal eine Erwähnung wert.
„Das ist der erste Schritt dazu, dass man sagt: ‚Das Fach Kindermedizin brauchen wir nicht. Es gibt sowieso immer weniger Kinder und um die paar, die noch da sind, können sich die Erwachsenenärzte kümmern‘“, sieht Fischer traurig in die Zukunft. Und das betreffe nicht nur die ambulante Behandlung, sondern auch die Kliniken. „Die haben bei ihrer Bezahlung auch keine Sonderrechte für Kinder. Mit dem Ergebnis, dass Kinderkliniken, wenn sie allein in der Welt stehen, von der Pleite bedroht sind. Oder als Anhängsel der Klinik zum bloßen Aushängeschild für die Geburtshilfeabteilung werden.“ Fischers bitteres Fazit: „Letztlich muss man sagen, die kümmern sich in der Gesundheitspolitik nicht um die Kinder.“
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