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16.000 Mediziner bereits im Ausland - Frust in Klinik und Praxis: Deutsche Ärzte wandern aus

Im Juli dieses Jahres sperrte der Sauerländer Dr. Gerd Schallenberg das letzte mal seine Praxis zu. Nach 27 Jahren stand für den beliebten Hausarzt fest: Ich kann in Deutschland nicht mehr Arzt sein, ich muss weg.

Schallenberg hat noch einmal neu angefangen, in einem Alter, in dem andere schon längst die Rente in greifbarer Nähe sehen. Doch der 59-jährige sah für sich keinen anderen Ausweg: Er ging in die Schweiz. Auch dort hat er wieder eine Hausarztpraxis übernommen. Vertrieben hat ihn das deutsche Gesundheitssystem. „In der Schweiz kann ich noch Medizin betreiben, wie ich es gelernt habe“, sagt Schallenberg. Hierzulande würden die „kranken Kassen“ lieber die Patienten verwalten, statt sie behandeln zu lassen. „Das ist Fakt!“, vertraute er einer lokalen Tageszeitung an. „Ich bin nicht ausgebildet worden, um zu verwalten, sondern um zu diagnostizieren und zu behandeln.“ In Deutschland müsse ein Arzt nur noch Kosten drücken, ein Drittel seiner Arbeit werde gar nicht erst bezahlt.

Immer mehr Mediziner kehren Deutschland den Rücken. Es ist ein totgeschwiegener Exodus. Mehr als 16.000 Mediziner sind schon weg, Kliniker wie auch niedergelassene Ärzte. Jährlich steigt die Zahl derer sprunghaft, die bei den lokalen Ärztekammern ihr „Certificate of Good Standing“ beantragen, das ist so eine Art ärztliches Führungszeugnis, das jeder Mediziner im Gepäck haben muss, will er im Ausland neu beginnen.

Der Hamburger Urologe Dr. Stefan Tiessen hat diesen Schritt bereits vor drei Jahren getan: Er arbeitet heute kurz hinter der deutschen Grenze an einer dänischen Klinik – und ist hochzufrieden. Nur ungern erinnert er sich:

„Es gab Zeiten, da habe ich 36 Stunden am Stück gearbeitet, jedes zweite Wochenende Dienst und  in der Woche ein oder zwei Bereitschaftsdienste.

Morgens um sieben angefangen, abends um sieben fertig und zwischendurch noch Extraarbeiten. Das ist etwas, was sehr zu Lasten der Familie geht. Und wenn man mit Mitte dreißig seinen Facharzt gemacht hat, möchte man Familie haben. Dann muss man sich entscheiden: Karriere oder Familie? Beides zu vereinbaren geht nur, wenn einer der Partner zurücksteht. Oder man sucht eine Alternative. Und diese Alternative ist für mich Skandinavien“, schwärmt Tiessen, und das nicht nur gegen­über „durchblick gesundheit“.

An seinen Lippen hingen vor wenigen Wochen mehr als 150 Ärzte. Die Ärztekammer Hamburg hatte Mediziner eingeladen, sich über Arbeitsmöglichkeiten im Ausland zu informieren. Die Bestuhlung reichte hinten und vorne nicht, das Interesse sprengte alle Erwartungen.

Am Ende war die Aufbruchstimmung geradezu mit Händen zu greifen: „Klar werde ich gehen“, sagt ein Hamburger Chirurg. „Das ist doch kein Leben mehr hier. Ich bin nur noch am Arbeiten, sehe meine Familie überhaupt nicht mehr und darf mich dafür auch noch von der Politik beschimpfen lassen.“ Um ihn herum stehen eine Anästhesistin, ein Neurologe und ein Internist. Sie nicken nur stumm und haben ebenfalls für sich bereits innerlich beschlossen: „Ich gehe.“ Neben den skandinavischen Ländern ist die Schweiz eines der begehrtesten Ziele deutscher Mediziner. Jeder zehnte Arzt in der Schweiz stammt aus Deutschland, am renommierten Berner Inselspital hat fast jeder zweite Arzt einen deutschen Pass und in einigen Abteilungen, wie beispielsweise der Dermatologie, sind bereits 90 Prozent aller Mediziner aus der Bundesrepublik. Keinem von ihnen dürfte der Schritt ins Ausland leichtgefallen sein. Wer verlässt schon gerne Familie, Freunde und die heimische Scholle.

Wie viel stärker muss noch der Leidensdruck eines niedergelassenen Arztes sein, um die eigene Praxis buchstäblich abzuschreiben und in meist höherem Lebensalter noch einmal ganz von vorn anzufangen?

„Wir sind zu billigen Clowns der Gesundheitspolitik degradiert worden“, resümiert ein Mediziner bitter, der seine Zelte nach vielen Jahren in eigener Praxis nun in England aufgeschlagen hat. „Wie sagte Seehofer doch mal so treffend: ‚Die Ärzte lassen sich von denen an der Nase herumführen, die früher in der Schule bei ihnen abgeschrieben haben.‘ Wie recht er damit hat!

Wir als Kassenärzte müssen eine immer mehr zunehmende verdeckte Rationierung vornehmen. Wir müssen unseren Patienten Leistungen vorenthalten, die ihnen medizinisch gesehen zustehen würden. Aber die Ökonomie hat die Medizin schon lange fest im Griff. Und die Androhung von existenzvernichtenden Regressen tut ein Übriges. Der Arztberuf als freier Beruf: eine schiere Lachnummer.

Ich habe mir gedanklich mal eine Liste erstellt, in der die linke Spalte Pflichten des Kassenarztes und die rechte Rechte des Kassenarztes enthielt. In der linken Spalte konnte ich gar kein Ende finden. Und in der rechten Spalte? Nichts! Absolut gar nichts! Freie Niederlassung? Existiert seit Seehofer praktisch nicht mehr. Ja, selbst das Recht auf angemessene Honorierung wurde uns vom Bundesgerichtshof aberkannt.“

Bitterer kann ein Fazit kaum lauten. Besagter Arzt hat einen Neuanfang gewagt und gefunden. Doch so mancher Kollege hatte diesen Mut nicht.

Es ist totenstill im Vortragssaal, als der oberfränkische Hausarzt Dr. Hans Meed vor Kollegen das Wort ergreift. Auch er ist vor vier Jahren nach Schweden ausgewandert. Ihm geht es gut. Aber: „Ich habe einen persönlichen Freund gehabt, in Lichtenfels“, berichtet er leise. „Dr. Hans Studener. Er hat wirklich gekämpft. Von morgens bis abends. Er hat immer zu tun gehabt. Er ist im Dezember letzten Jahres in Konkurs gegangen und“, Meed stockt, „weilt nicht mehr unter uns.“

„So etwas darf nicht passieren“, setzt Meed wieder gefestigt an, „dass einer ein Leben lang hart arbeitet, am Ende finanziell ruiniert ist und dann in einem Alter von 49 Jahren einfach in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht.“

Wie ruinös wenig Honorar die deutschen Ärzte für ihre Arbeit bekommen, das hatten wohl offensichtlich auch die Patienten des Sauerländers Schallenberg mitbekommen und versuchten, darüber hinaus Gutes zu tun. „Er denkt lächelnd zurück, wie er mit Eiern und Wurst bezahlt wurde“, berichtete die Lokalpresse. Mittlerweile hat seine Praxis in der St. Galler Gemeinde Bronschhofen den Betrieb aufgenommen. Und er ist begeistert. „Ich fühle mich sehr wohl“, sagt er, „die alte Fröhlichkeit ist wieder zurück.“

Schallenberg, Meed und Tiessen haben Deutschland den Rücken gekehrt, fast jeder dritte Mediziner geht direkt von der Uni in einen ganz anderen Job, etwa in der Pharmaindustrie. Überall verwaisen Kassenarztsitze und können Kliniken die offenen Stellen gar nicht mehr besetzen, weil es keine Bewerber mehr gibt.

Deutschland ohne Ärzte. Wer dies verhindern will, muss schnell handeln. Die politischen Konzepte hingegen könnten eher zum Lachen reichen, wären sie nicht so zum Verzweifeln weltfremd.

Die Gesundheitsministerin in Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, kündigte gar einen „Masterplan“ an.  Mit einer „Imagekampagne“ wolle man der Situation begegnen. Ganz generell sollte man doch aber besser „keinen Ärzte­mangel heraufbeschwören“. Denn den gebe es nicht. Unbekümmert geht auch die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk, mit dem Thema um: „Wir wollen doch einen offenen Arbeitsmarkt“, erklärte sie auf einer Veranstaltung. Während 8.000 Ärzte pro Jahr abwandern würden, kämen 12.000 aus dem Ausland hinzu.

12.000 Ärzte, die pro Jahr aus dem Ausland kommen – diese Zahl bezweifeln Experten. Richtig ist: In einigen Kliniken in den neuen Bundesländern sind mehr als die Hälfte der Ärzte bereits Ausländer. Viele sprechen (noch) kein Wort Deutsch.

Andere Klinken wissen sich nicht mehr anders zu helfen und lassen Studenten ganze Stationen versorgen. So geschehen an einer Thüringer Klinik: In dieser Klinik wurde eine Medizinstudentin dazu verpflichtet, eine komplette innere Station ohne Aufsicht allein zu führen. Das ging so lange gut, bis sie bei einem Patienten mit Lungenödem weinend die Station verließ und nicht wieder auftauchte.


„Hier werden Ärzte mit Respekt behandelt.“ Ein deutscher Arzt berichtet aus Australien
Wer mit fast 50 Jahren einen kompletten Neuanfang in einem Land auf der anderen Seite der Erdkugel wagt, muss dafür einen guten Grund haben. Ein deutscher Allgemeinmediziner hatte ihn: Völlig verzweifelt ging er nach Australien. Dr. Andreas Z. (Name von der Redaktion geändert) schildert seine Geschichte.
Ich war von November 1990 bis Dezember 2005 niedergelassen als Facharzt für Allgemeinmedizin, irgendwo auf dem Lande, irgendwo in Deutschland. Anfangs lief noch alles gut: Die Patienten rannten uns die Türen ein, innerhalb von nur drei Jahren hatten wir dreimal so viele wie zu Beginn. Ich nahm sogar noch eine Praxispartnerin dazu. Eigentlich hätte es so die nächsten Jahre und Jahrzehnte weitergehen können, wenn es denn nicht die ständigen Reformen, Änderungen, Verordnungen, Vorgaben, Vorschriften gegeben hätte, mit denen verschiedene Politiker versucht hatten, die sogenannte „Kostenexplosion“, die es nie gegeben hat, in den Griff zu bekommen, nach dem Motto: „Mehr Verwaltung und Kontrolle führt zur Kosteneinsparung.“ Dass dies genau ins Gegenteil führt, da eine überbordende Verwaltungs- und Kontrollinstitution nur Kosten produziert, aber niemals zu irgendwelchen Einsparungen führt, hat sich bis heute noch nicht in einschlägigen Kreisen herumgesprochen. Aber wo Ideologie vorherrscht, haben Argumente verloren.

Nachdem trotz massivster Sparanstrengungen und Entlassungen bei steigenden Patientenzahlen und steigenden Kosten der Umsatz zurückging, mussten wir andere Maßnahmen ergreifen. Ich flog am Wochenende nach England, um dort als Arzt zu arbeiten und das Geld zu verdienen, um meine Praxis am Leben zu erhalten.

Doch die Umsätze fielen immer weiter – obwohl wir immer mehr Patienten in unserer Praxis behandelten. Mir wurde die Aussichtslosigkeit meines Lebens klar. Meine ohne Not zunichtegemachte Lebensplanung, meine vernichteten Träume von einem ruhigen und gesicherten Lebensabend, all dies geopfert der „Sozialen Gerechtigkeit“, führten immer mehr in einen Teufelskreis von Aggression, Hoffnungslosigkeit, Unsicherheit, zu einem Gefühl der völligen Hilflosigkeit und Leere.

Lange Gespräche mit meiner Frau, viele schlaflose und durchwachte Nächte (danke Frau Schmidt und Konsorten) und Angebote aus England führten dann zu dem Entschluss, mein Lebenswerk zu verkaufen und anderswo, mit 50 Lebensjahren auf dem Buckel, noch mal neu anzufangen. Wo, war eigentlich egal, jedes Land besser als Deutschland, nur weg, solange es noch möglich ist, bevor die Grenzen für Ärzte dicht sind.

Nachdem die Entscheidung gefallen war, ging es eigentlich nur noch darum, wohin. Die Optionen waren England oder Australien. Durch Zufall während eines Dienstes in Norfolk fiel mir dann eine Anzeige aus Australien in die Hände. Dann ging alles sehr schnell. Und mein Leben wurde auf einen Schlag ganz anders.

Der erste Tag meines Lebens als Arzt auf der anderen Erdhalbkugel war ein Montag, auch hier Großkampftag, aber eben doch anders. Die erste große Überraschung: Man wird hier als Arzt bezeichnet und mit Respekt behandelt! Der Umgangston ist freundlich, nicht fordernd aggressiv wie zuletzt in Deutschland (wieso keine Massagen, die Kasse hat aber gesagt ...). Es gibt hier keine Krankenkasse, keinen Medizinischen Dienst, keine sonstigen überflüssigen Bürokraten, die alles und jede Aktion des Arztes hinterfragen, einfach nichts von diesem Schwachsinn, und die Leute leben doch!

Ja, es gibt Geldpauschalen hier, die Liste der Leistungen und die Kosten hängen für jeden Patienten klar ersichtlich aus oder werden mit dem Patienten individuell vereinbart, z. B. bei Operationen, EKG oder anderen zusätzlichen Leistungen. Man kann sich auch zusätzlich privat versichern, um Wartezeiten zu verkürzen oder schneller zum Facharzt zu kommen, man muss aber nicht. Kosten für eine private Zusatzversicherung? Für einen 40-jährigen halbwegs gesunden Erwachsenen ca. 30–35 Euro im Monat. Nach Alter auch hier ansteigend, aber erschwinglich. Wir haben für uns in Deutschland in jüngeren Jahren im Monat mehr bezahlt als mancher Rentner hier im Jahr. Übrigens, die Basisversorgung ist hier in der Steuer erhalten. Maximale Steuerlast
39 %, inklusive Anteil für Rente. Hat man keine Zusatzversicherung, muss man eben, außer im Notfall, warten.

Man kann sich nicht vorstellen, welches Hochgefühl es ist, einem Patienten ohne Angst ein Rezept auszustellen, welch angenehmes Gespräch man mit ihm führt, um eine Therapie zu erklären, die wirklich gut für ihn ist und nicht, wie es im deutschen Gesetz steht, allenfalls „wirtschaftlich, angemessen, notwendig und zweckmäßig“. Schlicht und ergreifend, hier wird fortschrittliche Medizin gemacht, und nicht Mangelverwaltung.


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Mo, 18.08.2008 16:19 / Gaby Guzek / Dezember 2007 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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