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Panikmache statt Fakten – Der „Pflegeskandal“ – und was wirklich dahintersteckt

„Wie die Presse da über uns herfällt, finde ich einfach nur schlimm. Das ist alles weit überzogen“, flucht Jörg Schomaker. „Sie malt ein Horrorbild, das mit der Realität einfach nichts zu tun hat. Klar müssen sich einige Dinge verbessern, aber so eine Generalschelte, das haben die vielen engagierten Pflegekräfte, die Heime und auch die ambulanten Pflegedienste nun wirklich nicht verdient.“ Schomaker weiß, wovon er spricht: Er selbst hat den Pflegeberuf von der Pike auf gelernt. Seit 1976 ist er schon selbstständiger Pfleger, heute leitet er in Wiesbaden einen ambulanten Pflegedienst mit 50 Mitarbeitern. Auch er weiß, dass es in der Branche schwarze Schafe gibt. „Aber glauben Sie ernsthaft, dass jemand, der den Pflegeberuf gewählt hat und mit Menschen arbeiten will, einfach wegguckt, wenn ein Patient Hilfe braucht?“, fragt er. Vielmehr sei es die Politik, die es immer schwerer mache, Alten und Kranken die Fürsorge und Aufmerksamkeit entgegenzubringen, die sie benötigen.

Auslöser des jüngsten Presserummels war ein Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) – eine Institution, die selbst nicht unumstritten ist (siehe hier Pflegeantrag: Umstrittene Gutachter). Zwischen 2004 und 2006 hat er jeden dritten Pflegedienst und fast jedes zweite Pflegeheim unter die Lupe genommen. Sein Fazit ist kein Grund zum Jubeln, aber wer genau liest, erkennt sogar Fortschritte: „Die Pflegeeinrichtungen haben erkennbare Anstrengungen unternommen, um die Pflegequalität in den Pflegeeinrichtungen weiterzuentwickeln“, bescheinigt der MDK einen positiven Trend.

Auf den ersten Blick sind die Zahlen trotzdem schockierend: Bei 34 Prozent der Pflegeheimbewohner und 30 Prozent der zu Hause Betreuten stellten die Gutachter des MDK Mängel bei der Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit fest. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jeder dritte Pflegebedürftige hungert und dürstet – hier spielt die Bürokratie der Wirklichkeit einen heftigen Streich. Zwar untersucht der MDK bei seinen Qualitätskontrollen stichprobenartig einzelne Patienten. Er sieht aber auch die Dokumentationsbögen der Krankenpfleger durch. Dort notieren sie zum Beispiel, wie viel ein Patient wiegt, um rechtzeitig zu erkennen, wenn er nicht genügend isst. Hat ein Pfleger in der Eile schlicht vergessen, das Gewicht eines Patienten aufzuschreiben, gilt das schon als Mangel bei der Ernährung – selbst wenn der Gepflegte satt, normalgewichtig und auch sonst rundum gut versorgt ist.

Auf wirklich inakzeptable Zustände stießen die Prüfer bei der Versorgung von 10 Prozent der Heimbewohner und 5,7 Prozent der Kunden ambulanter Pflegedienste. Ohne Frage ist jeder Fall einer zu viel – aber auch hier gibt es Besserung: 2003 waren es noch 17,4 beziehungsweise 8,8 Prozent. Und nicht jeder Mangel entsteht durch Nachlässigkeit eines Heimes oder Pflegedienstes. Häufig sind einfach nicht genügend qualifizierte Kräfte zu bekommen, die die Alten und Kranken sachgerecht umsorgen können. Allein in Hamburg fehlten 2.000 Fachkräfte, berichtete jüngst eine Tageszeitung. Der Grund: „Pflegekassen und Staat stellen zu wenig Geld für Pflege zur Verfügung“, sagt Diakonie-Sprecherin Katharina Weyandt dem „Hamburger Abendblatt“. „Zudem fehlt in der Altenpflege der Nachwuchs, weil der Beruf gesellschaftlich wenig anerkannt, aber oft sehr hart ist.“

Probleme bereitet auch die ständige Zeitnot: „Wir haben oft Situationen, wo wir mehr Stunden bräuchten“, sagt Schomaker. „Es gibt beispielsweise Demenzkranke, die weigern sich abends einfach, sich versorgen zu lassen. Die Mitarbeiter stehen dann vor einer Gewissensfrage: Sollen sie weggehen und am nächsten Morgen wiederkommen. Oder soll man dann dableiben, um den Patienten doch noch vom Zubettgehen zu überzeugen?“ Denn für jeden Handgriff in der Pflege – waschen, füttern, umziehen – sind feste Zeiten vorgegeben. Und nur die bekommt der Pflegedienst von den Pflegekassen bezahlt. Zwei Stunden mit einem Patienten zu verbringen, nur weil er nicht ins Bett oder sich nicht waschen lassen will, ist da eigentlich nicht drin. Schomaker versucht trotzdem, für solche Patienten eine Lösung zu finden. Doch er muss auch an die Wirtschaftlichkeit seines Unternehmens denken. „Im Moment wird das Problem auf unserem Rücken ausgetragen“, klagt er.

„Wenn etwas schiefläuft, prügelt die Politik immer auf die Pflegeeinrichtungen ein. Aber bei Verbesserungsvorschlägen herrscht dann immer das große Schweigen. Dabei ist es doch die Politik, die die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit festlegt“, kritisiert Schomaker. Und die Vorschläge des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, in dem er Mitglied ist, wolle sie nicht hören: „Denn am Ende steht nun mal, dass die Pflege teurer wird – und da schalten die Politiker dann spätestens auf Durchzug.“

„Für eine gute Pflege brauchen wir qualifizierte und engagierte junge Menschen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen deshalb wieder so verändern, dass der Pflegeberuf attraktiv ist“, betont Schomaker. In Berlin ist man hingegen von solchen Gedanken offenbar noch weit entfernt. Lieber möchte man weiterhin „schwarze Schafe“ entlarven und schärfere Kontrollen einführen. Aus Politikersicht sicherlich ein kluger Schachzug: Das gibt wieder schöne Negativschlagzeilen gegen Pfleger und Heime, die davon ablenken, dass die eigentlichen Probleme ganz woanders liegen – und von jemand anderem gelöst werden müssten: der Politik.


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Di, 12.08.2008 14:32 / Anja Schulte-Lutz / Oktober 2007 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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