Er gibt es ohne Umschweife zu: „Ja, ich habe einen separaten Warteraum für Privatpatienten“, nickt der HNO-Arzt Dr. Dirk Heinrich aus Hamburg. Die
medienwirksame Politikerschelte hierfür perlt an dem Fachmediziner allerdings ab: „Ohne ein oder zwei Privatpatienten am Tag könnte ich meine Praxis dicht-machen. Dann könnte ich auch die vielen Kassenpatienten hier in unserem ärmeren Stadtteil Horn nicht mehr behandeln.“
Doch genau das sei immer sein Ziel gewesen: „Ich will da arbeiten, wo die Medizin ab dringendsten gebraucht wird“, betont Heinrich. Mittlerweile gestehe die Politik ihm aber nur noch so wenig Honorar für die Behandlung von Kassenpatienten zu, dass eine Praxis allein mit gesetzlich versicherten Patienten wirtschaftlich kaum noch überlebensfähig sei: „Ich bekomme pro Quartal und Kassenpatient 28 Euro, selbst wenn er 30-mal hierher kommt. Davon muss ich die Gehälter der Helferinnen bezahlen und alle Nebenkosten begleichen. Da bleibt nichts mehr übrig.“ Die Behandlung eines Privatpatienten spüle fast viermal so viel in die Kasse – und subventio-niere so die Versorgung der Kassenpatienten.
Kein Einzelfall: Mit welchen Summen die Privatpatienten das gesetzliche System stützen, hat das Wissenschaftliche Institut des Verbandes der privaten Krankenversicherung (WIP) kürzlich genau ermittelt: Die niedergelassenen Ärzte verdienten demnach im Jahr 2003 an einem Privatpatienten durchschnittlich 464 Euro mehr, als ein Kassenpatient in diesem Zeitraum eingebracht hätte. Hochgerechnet auf alle Privatpatienten sind das 3,660 Milliarden Euro.
„Die Leute wissen inzwischen, dass nicht wir Ärzte an der Entwicklung die Schuld tragen, sondern die Politiker“, kommentiert Dr. Dirk Heinrich die Situation. Deshalb beschwerten sich die Kassenpatienten in seiner Praxis auch nicht. Ohnehin: „Medizinisch gesehen behandele ich alle Patienten gleich. Es gibt nur oberflächliche Unterschiede beim Service in unserer Praxis.“ Die geringen Unterschiede bei der Wartezeit und dem Wartezimmer akzeptierten die Patienten jedoch, wenn ihnen die Hintergründe klar seien.
So verständnisvoll reagiert aber anscheinend nicht jeder: „Es sind schon Arzthelferinnen von Patienten geohrfeigt worden“, berichtete Peter Wismann vom Institut für Weiterbildung der Universität Hamburg kürzlich dem „Hamburger Abendblatt“. Wismann weiß: „Ein großes Konfliktfeld sind die Wartezeiten.“
Kein Wunder, findet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, Dr. Ulrich Thamer. Kassen und Politiker hätten die Wartezeiten leider zu einem Aufreger-Thema hochgespielt. „Der Elan, mit dem die Ministerin auf diesem Thema herumreitet, legt die Vermutung nahe, dass sie ansonsten nicht mehr viel zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens beizutragen hat“, ärgert sich der Neurologe aus Herten.
Merkwürdig nur: Was die Politiker bei niedergelassenen Ärzten so unglaublich finden, ist in der Klinikwelt schon längst gang und gäbe – und keiner regt sich darüber auf. Krankenhäuser unterscheiden schon lange sehr genau zwischen privat und gesetzlich versicherten Patienten, und das nicht nur bei den Wartezeiten auf einen OP-Termin. Zahlreiche Häuser werben offensiv: „Neue Privatstation bietet 4-Sterne-Ambiente und Hotel-Standards“, lockt beispielsweise das Klinikum Augsburg und schwärmt im Internet von „Suiten à 36 qm mit einem zusätzlichen Raum für Angehörige und jeweils zwei Nasszellen“ – alles für zahlungskräftige Kundschaft aus dem Ausland. Das Nürnberger Nordklinikum verspricht einen „Hauch von Luxus“ in der interdiszi-
plinären Privatstation und das Allgemeine Krankenhaus in Viersen lockt mit Internetzugang, Plasmabildschirmen und begehbaren Kleiderschränken.
Angesichts dieser Komfortpakete erscheint die Diskussion um längere Wartezeiten beim niedergelassenen Arzt ohnehin eher lächerlich – vor allem, weil die gesetzlich Versicherten sie selbst als kaum problematisch ansehen, fand die Forschungsgruppe Wah-len (FGW) in einer bundesweiten Umfrage unter 4.300 Bürgern heraus. Dabei gaben sogar 46 Prozent der Befragten an, sie hätten beim letzten Arztbesuch überhaupt nicht auf einen Termin warten müssen. Auch in den Praxen selbst gab es kaum Probleme: Rund 70 Prozent aller Patienten verbrachten der Umfrage zufolge weniger als eine halbe Stunde im Wartezimmer.
Ein Traumergebnis, schaut man in die Arztpraxen anderer Länder: Bis Ende 2008 könnten die Wartezeiten auf einen Arzttermin voraussichtlich auf 18 Wochen verkürzt werden, trompetete das britische Gesundheitsministerium kürzlich stolz und feierte dies als „Phantastisches Ziel“ – Milliardeninvestitionen hätten das System deutlich verjüngt. In zahlreichen weiteren Ländern müssen die Patienten ähnlich viel Geduld beweisen: „Es gibt im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Deutschland praktisch keine Wartezeiten“, lautet das Fazit des Leiters des Instituts für Gesundheits-System-Forschung in Kiel, Prof. Fritz Beske, nach einer ausführlichen Vergleichsanalyse. Deutschland nehme eine „Spitzenposition hinsichtlich geringer Wartezeiten“ im internationalen Vergleich ein – was auch die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO belegten.
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