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Medizininstitut – Bitte recht billig: Wissenschaftler mit Sparbrille

Helge B. war zufrieden. Mit einer neuen Art von Insulin hatte er seine Zuckerkrankheit endlich in den Griff bekommen. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. „Diese Medikamente werden Sie wohl bald nicht mehr auf Kasse bekommen“, eröffnete ihm sein Hausarzt wenig später. Der Grund für die Hiobsbotschaft: Das IQWiG hatte über die sogenannten Analoginsuline, die Helge B. bekam, den Daumen gesenkt. Zu teuer und außerdem nicht besser als das herkömmliche Insulin, lautete das Instituts-Urteil. Dass der Diabetiker mit diesem sogenannten Analoginsulin besser zurechtkommt als mit den altbekannten Medikamenten, interessierte da wenig. Denn ihn als Einzelperson hat das IQWiG natürlich nicht gefragt.

Auch der Deutsche Diabetiker Bund fühlte sich vom Institut überfahren: Mit einer groß angelegten Protest­aktion machte die Patientenvereinigung Front gegen die Empfehlung des IQWiG. Doch das blieb unbeeindruckt – und auch der Ausschuss, der das letzte Wort hat. Für gesetzlich Versicherte gab es nur noch Medikamente zum günstigeren Preis – wer weiterhin Analoginsuline wollte, musste sie selbst zahlen.

Doch dann eine erstaunliche Wende: Auf einmal schlossen die Krankenkassen mit den Herstellern dieser speziellen Insuline Verträge und handelten dabei ordentliche Preisnachlässe heraus. Nun waren die vom IQWiG kritisierten Substanzen offensichtlich doch nicht mehr so schlecht, die Diabetiker bekamen sie wieder. Vieles scheint dann doch eher eine Preisfrage denn bare Wissenschaft zu sein.

Kein Wunder also, dass Kritiker das IQWiG als „Sparinstitut der Kassen“ schmähen. Die wissenschaftliche Begründung für die Insulin-Entscheidung des IQWiG sei mehr als dürftig. „Das IQWiG spielt sich auf wie der Obermediziner“, kritisiert etwa der Arzneimittelexperte Professor Harald Schweim. Als ehemaliger Leiter des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte ist er ein anerkannter Fachmann. Vier Jahre lang leitete er diese oberste Behörde, die entscheidet, ob Medikamente in Deutschland zugelassen werden, und die dafür die gesamte wissenschaftliche Literatur zu einer Wirksubstanz auswerten muss. „Das Einzige, womit das IQWiG Recht hat, ist, dass es kaum gute Studien über Analoginsuline gibt. Die praktische Erfahrung von Ärzten und Patienten zeigt aber, dass viele mit diesen neuen Medikamenten besser zurechtkommen.“

Schlicht unseriös sei der Umgang des IQWiG mit dem ganzen Thema gewesen: So habe es in einer Pressemitteilung unterschwellig die Angst der Patienten vor den Analoginsulinen geschürt. Analoginsuline könnten womöglich Krebs auslösen, hatte das IQWiG gemutmaßt. „Jedes Insulin kann das Zellwachstum verstärken, nicht nur Analoginsuline. Man braucht es sogar, um Krebszellen für die Forschung zu züchten“, erklärt Schweim. „Da könnte ich genauso gut behaupten, dass jeder Arzt, der Zuckerkranken Insulin verschreibt, bei seinen Patienten Krebs verur­sacht.“ Das Vorgehen des IQWiG sei Stimmungsmache, „die die Patienten verunsichert und das Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt stört“.

Das IQWiG selbst sieht sich in einem anderen Licht: „Hohe Qualität und absolute fachliche Unabhängigkeit“ nimmt dessen Leiter, Professor Peter T. Sawicki, für sein Institut in Anspruch. „Das IQWiG ist ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Transparenz“, betont er. Das Bundesgesundheitsministerium will es gar als eine Art „Stiftung Medizintest“ verstanden wissen. Das IQWiG produziere „gesichertes Wissen für die Ärzte, um die Qualität der medizinischen Versorgung weiter zu erhöhen“, heißt es dort.

Manch Mediziner hat dafür nur Hohn übrig. „Über Erkenntnisse des IQWiG wird auf Kongressen nur gespottet“, berichtet Professor Martin Wehling, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie Mannheim der Universität Heidelberg, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Empfehlungen des Instituts könnten den Patienten sogar schaden. So hat das IQWiG verschiedene Medikamente gegen zu hohen Blutdruck unter die Lupe genommen. In einem ersten Bericht empfiehlt es nun eine spezielle Medikamentengruppe, die sogenannten Diuretika. Doch wegen ihrer Nebenwirkungen setzen viele Patienten sie eigenmächtig wieder ab, berichtet Wehling. Das verschlechtert den Blutdruck dieser Patienten. Wehlings Fazit über das IQWiG fällt vernichtend aus: „Im Grunde verschleiert das IQWiG nur die Versorgungsmisere der Patienten in Deutschland. Innovationsblockade inklusive. Es ist zu einer echten Bedrohung geworden.“

„Patienten bekommen Medizin auf Uralt-Niveau“
Im Interview:
Dr. Richard Berges

Langfristig würden die Empfehlungen des IQWiG dazu führen, dass Deutschland dem medizinischen Standard um Jahre hinterherhinkt, befürchtet der Urologe Dr. Richard Berges. Der Spezialist für Prostataerkrankungen ist Mitglied diverser wissenschaftlicher Fachgesellschaften und mit mehreren Forschungspreisen ausgezeichnet.

durchblick: Das IQWiG trifft die Vorentscheidung dafür, welche medizinischen Leistungen die Krankenkassen bezahlen und welche nicht: Es bewertet, wie gut neue, teure Therapien wirken. Nur wenn sie besser sind als die herkömmlichen Methoden, kommen die Kassen dafür auf. So soll das Institut unnötige Ausgaben vermeiden. Was haben Sie daran auszusetzen?

Im Grundsatz nichts. Leider hapert es beim IQWiG aber an der Umsetzung. Um herauszufinden, ob eine neue Therapie gleich gut oder sogar noch besser ist als die Standardtherapie, müsste das Institut Experten, die täglich damit zu tun haben, nach ihren Erfahrungen fragen, also neben den Entwicklern der neuen Methoden vor allem die Anwender und die wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Das geschieht aber nur in begrenztem Umfang. Am Ende können bei fehlender Expertise fehlerhafte Beurteilungen stehen.

durchblick: Was zum Beispiel?

Nehmen Sie den Vorbericht des IQWiG über die minimalinvasive operative Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung. Die Bewertung dieser Therapieverfahren basierte auf falschen Auffassungen über Behandlungsziele und Zweck dieser Verfahren. Um eine vergrößerte Prostata wieder zu verkleinern, kann man sie mit herkömmlichen Methoden operieren – oder ein neues, schonenderes Verfahren wie zum Beispiel eine Mikrowellentherapie oder Laserverfahren anwenden. Die Bewertung des IQWiG orientierte sich hier am Behandlungsergebniss, nicht aber an den möglichen Nebenwirkungen. Dieser Ansatz ist fragwürdig: Die Behandlungsergebnisse sind bei diesen neueren Verfahren nämlich vergleichbar mit denen der herkömmlichen Operation, aber oft sehr viel schonender. Das Gewicht der Bewertung hätte also auf diesem Aspekt liegen müssen, nicht auf den Behandlungsergebnissen.

durchblick: Das hört sich nicht besonders patientenfreundlich an ...

Das IQWiG behauptet, dass seine Arbeit den Patienten nützt und diese vor Schaden bewahren soll. Schaden in diesem Fall sind mögliche unerwünschte Folgen einer operativen Therapie. Das ist auch der Grund, warum schonendere Verfahren entwickelt wurden und weltweit eingesetzt werden. Mein Eindruck ist, dass das Institut vor allem dafür da ist, Geld zu sparen und möglichst viele therapeutische Maßnahmen und Neuentwicklungen aus dem Katalog der Krankenkassen auszusortieren.

durchblick: Was sind die Konsequenzen?

Gesetzlich versicherte Patienten werden so zunehmend von moderner Medizin ausgeschlossen. Stattdessen bekommen sie Behandlungen auf Uralt-Niveau. Für die Urologie bedeuten die Empfehlungen des IQWiG, dass Deutschland im Vergleich mit anderen europäischen Staaten und den USA weit hinterherhinkt. Patienten werden hier so behandelt wie in den Vereinigten Staaten vor fünfzehn Jahren. Das ist nicht verständlich.


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Mo, 11.08.2008 15:42 / Anja Schulte-Lutz / September 2007 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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