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150 Milliarden Euro – Wo versackt das Geld der Krankenkassen?

Die Kassen gönnen sich selbst einen kräftigen Schluck aus der Pulle: Mehr als 140.000 Mitarbeiter beschäftigen sie hierzulande zusammen, davon stehen allein 60.000 bei der AOK auf der Lohnliste, die Betriebskrankenkassen kommen immerhin mit „nur“ 20.000 aus. Zum Vergleich: Um die tägliche Behandlung von Kranken kümmern sich gerade mal 94.000 Arztpraxen.

So viele Mitarbeiter wollen natürlich auch untergebracht sein. Allein der Neubau der AOK Schleswig-Holstein in Kiel hat 2001 über 32 Millionen Euro verschlungen. Das wesentlich kleinere „AOK-Servicezentrum“ in Osna­brück kostete die Kasse kürzlich noch 19,3 Millionen Euro. Die Techniker Krankenkasse gab nur für ihre Filiale in Koblenz rund acht Millionen Euro aus. Zugegeben: Nicht alle Kassen-Filialen sind Pracht-Dependancen. Dennoch imponiert allein ihre Anzahl. So unterhält beispielsweise die AOK bundesweit rund 1.300 Filialen, die Barmer immerhin noch 1.000 und die Deutsche Angestellten-Krankenkasse stolze 900 Geschäftsstellen.

Rund acht Milliarden Euro Verwaltungskosten verschlingt der Kassenmoloch jährlich. Das ist mehr, als AOK, Barmer und Co insgesamt für die zahnärztliche Behandlung ihrer Versicherten ausgeben. Wer im Ernstfall aber eine halbwegs lächelfreundliche Krone will, muss einen ordentlichen Batzen aus eigener Tasche obendrauf legen.

Überhaupt heißt es immer häufiger für den Patienten, noch mal das Portemonnaie zu öffnen: Praxisgebühr, Zuzahlungen zu Medikamenten oder Krankengymnastik kosten so manchen Euro extra. Damit schultern die Deutschen jährlich noch mal rund 5,3 Milliarden Euro zusätzlich für ihre Gesundheitsversorgung. Die Kassen hingegen schöpfen ungeniert aus dem Vollen: Ihre Verwaltungsausgaben sind in den letzten zehn Jahren um rund 23 Prozent gestiegen. Bei den Kosten für die Behandlung ihrer Versicherten in deutschen Arztpraxen waren die Kassen nicht so spendabel: Die Ausgaben für die ärztliche Behandlung sanken sogar um rund 0,6 Prozent, bezogen auf die Gesamtausgaben der Kassen.



Da half auch die Praxisgebühr nicht: Diese ist genau betrachtet auch nichts anderes als ein weiterer Aufschlag auf die Krankenkassenbeiträge. Denn die zehn Euro, die die Mediziner kassieren, heißen zwar „Praxisgebühr“, müssten aber korrekt „Kassengebühr“ heißen. Denn an diese müssen die Mediziner das Geld ohne Abzug weiterleiten. Rund 1,56 Milliarden Euro zusätzlich haben die Krankenkassen so im letzten Jahr eingenommen. Die meisten Deutschen sind aber der Meinung, die zehn Euro wären ein Zusatzsalär für den Arzt. Politisch also nicht ungeschickt, diese verdeckte Beitragserhöhung durch die nieder­gelassenen Ärzte eintreiben zu lassen.

Von den hohen Kassenbeiträgen landet so mancher Euro direkt in Vorstands­etagen der Krankenkassen: Der Chef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) verdient jährlich über 220.000 Euro. Auch die Vorsitzenden der Barmer, der KKH und der Deutschen BKK nagen mit mehr als 180.000 Euro jährlich nicht gerade am Hungertuch. Dazu kommen oft noch großzügige Zulagen, mit denen die Kassenbosse ihre Gehälter noch mal um fast 80 Prozent aufstocken können. In einigen Fällen musste bereits das Bundesversicherungsamt gegen Vorstände vorgehen, die sich extrem überzogene Gehälter gönnten.

Da muss man schon mal was fürs Image tun. Mehr als 250 Millionen Euro geben die Krankenkassen zusammen jährlich für Werbe- und Aufklärungsmaßnahmen aus, kritisiert die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und moniert, dass Patienten, Ärzte und Kliniken unfreiwillig „zu Finanziers teurer TV-Spots“ und bundesweiter Werbekampagnen geworden sind.

Besonders die neuen Wahltarife für Versicherte haben eine wahre Werbeschlacht ausgelöst: Broschüren, Flyer, Mitgliederzeitungen, Radio- und Internetwerbung – die Kassen ziehen alle Register. Sogar sündhaft teure TV-Spots sollen die Fernsehzuschauer von der Grandiosität der Krankenkassen überzeugen. Ein teurer Spaß für die Beitragszahler: Ein 30-Sekunden-Spot kostet bei RTL über 60.000 Euro. Allein der Bundesverband der AOK hat im vergangenen Jahr neun Millionen Euro in Imagewerbung gesteckt – die Kampagnen der einzelnen Landesvertretungen nicht mitgerechnet.

Der Sinn solcher Werbeschlachten darf bezweifelt werden. Denn am Ende leisten alle rund 250 Krankenkassen ja doch das Gleiche: Was sie übernehmen müssen und was nicht, ist per Gesetz geregelt. Wozu also Werbemillionen verschleudern, die dann für Medikamente oder ärztliche Behandlung fehlen? Und wozu 250-mal Vorstandsgehälter, Prachtbauten, Filialnetze und Mitarbeiterstäbe?

Der Unsinn treibt aber noch buntere Blüten. Protzige Bonusprogramme und Vergünstigungen sollen die Kassenversicherten bei der Stange halten. Kostenlose Gymnastikbälle oder vergünstigte Rücken-Kurse waren gestern: Inzwischen locken die Kassen mit dicken Zuschüssen zu Wellnesswochenenden oder dem Erholungsurlaub an der Küste.

Komplette Reiseagenturen stürzen sich schon auf das Geschäft mit den Krankenkassen. So wirbt der Veranstalter „Dr. Holiday“ im Internet mit einer Vielzahl von „Präventionsreisen“, die alle von den Krankenkassen bezuschusst werden: Ob „Fitness tanken“ in Bad Füssing, die „Gesundheitswochen“ im tschechischen Marienbad oder das „Aktiv-Programm“ im italienischen Rimini – rund 200 Euro Zuschuss von der Krankenkasse sind locker drin. Einzige Voraussetzung für die Finanzspritze: Die Urlauber müssen zwischendurch etwas Wassergymnastik machen oder eine Ernährungsberatung über sich ergehen lassen. „Fragen Sie Ihre Krankenkasse. Die Mühe lohnt sich. Bei Familien kann die Ersparnis durch den Zuschuss für Ihre Dr. Holiday-Gesundheitsreise schnell mehrere 100 Euro betragen“, wirbt der Veranstalter.

Kein Wunder, dass Mediziner rotsehen: Nur rund 25 Euro bekommt ein Bremer Chirurg für die Operation eines Leistenbruchs. Es geht aber noch heftiger: „Bei einer Magenspiegelung ist das Honorar mit 15 Euro so niedrig, dass ich unterm Strich noch draufzahle – und die Kassen verpulvern Geld für Wellnessreisen“, schäumt der Frankfurter Internist Dr. Robert Kihn. Mehr als sieben Milliarden Euro fehlen den niedergelassenen Ärzten derzeit jährlich für eine vernünftige medizinische Versorgung ihrer Patienten, hat die Bundesärztekammer kürzlich ausgerechnet.
Den Vogel schoss kürzlich die AOK Baden-Württemberg ab: Nutzer der „AOK-Plus Card“ sollten Ermäßigungen bei McDonald‘s und in Eisdielen erhalten, Hochprozentiges zum halben Preis in ausgesuchten Bars schlürfen oder Rabatte in Piercingstudios bekommen. Sogar den Besuch von Sonnenstudios sponserte die „Gesundheitskasse“.

Doch allein für die Folgeschäden von falscher Ernährung müssen die Krankenkassen selbst rund 70 Milliarden Euro im Jahr berappen. Erst nach harscher Kritik von Patientenverbänden und Politikern ruderte die AOK zurück. Über Verschwendung im eigenen Haus regen sich bisweilen selbst die Kassenmitarbeiter auf: Als „völligen Blödsinn“, der die Versicherten „mehrere Millionen Euro“ koste, geißelt der AOK-Personalrat den geplanten Umzug des AOK-Bundesverbandes von Bonn nach Berlin. Statt die rund 450 Mitarbeiter für viel Geld Mitte 2008 in die Hauptstadt zu schicken, hätte es doch gereicht, die dort schon bestehende Außenstelle der Kasse etwas auszubauen. Auch den Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) zieht es in die Hauptstadt – mit ihm müssen 260 Mitarbeiter von Siegburg nach Berlin umsiedeln.

Dabei werden sowohl AOK als auch VdAK als Dachorganisationen der jeweiligen Landeskassen sowieso in ein paar Monaten überflüssig, genauso wie fünf weitere, ähnliche Kassenorganisationen. Nächstes Jahr löst ein neuer „Spitzenverband Bund der Krankenkassen“ die bestehenden sieben Kassen-Spitzenorganisationen ab. Das schreibt die Gesundheitsreform vor. „Die Spitzenverbände von AOK und VdAK sind durch nichts von ihrem Umzug nach Berlin abzubringen. Nicht einmal durch das Ende ihrer eigenen Existenz“, lästerte kürzlich die Tageszeitung „Rheinische Post“.

Viele Gesundheitspolitiker hoffen, dass die gigantischen Verwaltungskosten in der gesetzlichen Krankenversicherung sinken, wenn sich viele Kassen zu einer größeren zusammenschließen. Doch die Erfahrung sollte sie eines Besseren belehrt haben: Seit 1994 schrumpfte zwar die Zahl der Krankenkassen von über 1.100 auf nur noch knapp 250, doch im selben Zeitraum schossen die Verwaltungskosten um über ein Drittel nach oben. Das Problem: Niemand weiß eigentlich genau, warum. Denn die Krankenkassen lassen sich nicht gerne in die Bücher schauen.

Zwar soll das Bundesversicherungsamt auf die Ausgaben der Kassen achten. Leider hat das Amt aber nur eingeschränkte Befugnisse und ist zudem lediglich dem Bundesgesundheitsministerium Rechenschaft schuldig. Zu wenig Transparenz für die Beitragszahler, finden viele Politiker und hoffen daher auf den Bundesrechnungshof: Durch neue Gesetze und Milliardenzuschüsse für die Krankenversicherung aus Steuermitteln fallen die Kassen seit April auch in die Zuständigkeit dieser Behörde. Und die hat schon angekündigt, die Finanzgeschäfte der Kassen genau unter die Lupe zu nehmen.

So lange wollten kürzlich rund 300 Ärzte und Patienten nicht warten: Sie marschierten bei strömendem Regen vor die AOK-Filiale nach Hannover und fragten lautstark: „Wo versackt das Geld der Kassen?“ Doch nichts rührte sich, die Tür war verschlossen, kein Mitarbeiter wagte auch nur einen Blick aus dem Fenster. Der Schock der Konfrontation mit leibhaftigen Kassenmitgliedern saß offensichtlich tief.


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Mo, 11.08.2008 15:37 / Jan Scholz / September 2007 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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