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Angeblich zu viel verschrieben – Ärzte sollen gigantische Strafen zahlen

Dr. Hellmut Anger ist ein Arzt, wie ihn sich Patienten wünschen: Der Blick hinter der Brille ist ruhig und freundlich, unter dem Bart blitzt ein freundliches Lächeln. Er nimmt sich Zeit für seine Patienten, hört geduldig zu und wählt sorgsam die richtige Therapie. Sein Wartezimmer ist immer gut gefüllt – und trotzdem bangt der Hausarzt aus Bielefeld jetzt um seine Existenz. Weil er bei den Arzneimitteln nicht rücksichtslos genug den Rotstift angesetzt hat, droht ihm eine Strafzahlung in Höhe von 52.000 Euro.

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52.000 Euro Strafe
­ Der Hausarzt Dr. Hellmut Anger muss rund 52.000 Euro zahlen. Der Hausarzt kritisiert: „Ich befinde mich bereits jetzt ständig im Spagat zwischen dem Anspruch an mich, meine Patienten sachgemäß zu behandeln, und der Forderung der Prüfinstanzen, möglichst billig zu verordnen.“
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Ein Problem, das derzeit viele seiner Kollegen zur Verzweiflung treibt: Allein in Niedersachsen sollen über 800 Praxen bei Pillen, Salben und Co nicht genug gespart haben und nun insgesamt rund 106 Millionen Euro Strafe zahlen. „Regresse“ nennt die Kassenärztliche Vereinigung diese Strafabgaben, die nichts anderes bedeuten, als dass der Arzt die Medikamente seiner Patienten aus eigener Tasche bezahlen soll. Mit anderen Worten: Die Ärzte bekommen eine saftige Geldstrafe aufgebrummt, weil sie ihren Patienten geholfen haben.

„Ich habe mehrere Patienten, die allergisch auf die herkömmlichen Medikamente reagieren oder sie absolut nicht vertragen. Dann muss ich auf teure Spezialmedikamente ausweichen – aber das ignoriert die Prüfstelle einfach“, klagt Anger. „Ich muss das in vierteljährlichen Raten abstottern. Mein mühsam als Alterssicherung angespartes Geld werde ich so völlig aufbrauchen.“
Nur vier Wochen bleiben Anger, um zu den Vorwürfen der Kassenärztlichen Vereinigung Stellung zu nehmen und das finanzielle Aus noch irgendwie abzuwenden. Dafür muss der Mediziner jede einzelne seiner Verordnungen der vergangenen Jahre noch einmal genau prüfen – eine Heidenarbeit, die Anger zusätzlich zu seiner normalen Sprechstunde bewältigen muss. Es sind also nicht nur die Existenzängste, die dem Hausarzt in dieser Zeit schlaflose Nächte bescheren.
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130.000 Euro Strafe
­ Dr. Jörg Berling, Arzt für Allgemeinmedizin aus Adendorf, soll für seine Verordnungen in den Jahren 2004 und 2005 rund 130.000 Euro Strafe zahlen. „Durch diese Bedrohung fühlt man sich­ gleichzeitig kriminalisiert, obwohl man für die eigenen Patienten nach bestem Wissen und Gewissen verordnet hat.“

„Durch diese Bedrohung fühlt man sich gleichzeitig kriminalisiert, obwohl man für die eigenen Patienten nach bestem Wissen und Gewissen verordnet hat“, bedauert Dr. Jörg Berling, Allgemeinmediziner aus Adendorf. Als sogenannter Palliativmediziner hat er besonders viele schwer kranke Patienten zu versorgen, die entsprechende schmerzlindernde Medikamente benötigen. Weil er seine Patienten angemessen versorgt hat, soll er jetzt 130.000 Euro zahlen. „Das lähmt kolossal die tägliche Arbeit, plötzlich stellt man jedes Rezept erst mal infrage.“

„Das ist so, als müsste ein Feuerwehrmann das Geld für das Löschwasser aus eigener Tasche bezahlen“, bringt es Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, auf den Punkt. Dabei hat die Kassenärztliche Vereinigung die Strafbescheide selbst verschickt. Ihre Krux: Sie musste es, denn per Gesetz müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen zusammen mit den Krankenkassen entscheiden, wie viel Geld den Medizinern ihrer Region für die Medikamentenverordnung zur Verfügung steht. Ist die Summe einmal festgelegt und ein Arzt überschreitet sie, muss die Kassenärztliche Vereinigung die Strafgelder verhängen.

Das System, das eigentlich steigende Medikamentenausgaben verhindern soll, entwickelt sich unter dem Druck von Politik und Krankenkassen immer mehr zum Folterinstrument für niedergelassene Ärzte. Ständig gelte es, neue Sparmöglichkeiten zu finden und Patienten auf noch günstigere Medikamente umzustellen, klagen die Mediziner. Doch wo sich nicht mehr sparen lässt, können auch sie nicht mehr sparen. Es sei denn, sie nehmen drastische Folgen für ihre Patienten in Kauf – und das will keiner von ihnen.
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6.000 Euro Strafe
­­ Die Ärztin Dr. Ulrike Beck aus Bad Wildbad soll 6.000 Euro zahlen, weil sie zu teure Medikamente verordnet haben soll. „Wir geben uns schon die Mühe, immer gleich die günstigsten Medikamente zu verschreiben, die auf den Markt kommen. Ab einem gewissen Punkt kann ich das aber mit meinem Gewissen als Ärztin nicht mehr vereinbaren.“

„Wir geben uns schon die Mühe, immer gleich die günstigsten Medi-kamente zu verschreiben, die auf den Markt kommen. Ab einem gewissen Punkt kann ich das aber mit meinem Gewissen als Ärztin nicht mehr vereinbaren“, erklärt Dr. Ulrike Beck, Allgemeinärztin im baden-württembergischen Bad Wildbad. „Jetzt sollen wir rund 6.000 Euro für unsere Verordnungen allein im Jahr 2004 zahlen.“ Unter den derzeitigen Bedingungen sei gerade noch eine ausreichende Versorgung der Patienten möglich, „aber nicht mehr das Optimale“.


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Di, 04.03.2008 13:03 / Jan Scholz / Juli-August 07 Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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