Kennen Sie den? Ein Berliner und ein Brandenburger stoßen bei einer Radtour zusammen. Beide gehen daheim mit einem verstauchten Handgelenk zum Arzt, beide werden geröngt. Der Berliner Doktor bekommt dafür fast doppelt so viel Honorar wie sein Brandenburger Kollege. Zugegeben: Die Pointe ist schwach. Auch vielen Medizinern ist angesichts ständiger Honorar-Ungerechtigkeiten schon längst das Lachen vergangen. Nur eine Folge dieses Kleinstaaterei-Irrsinns: Vor allem im Osten laufen die Ärzte weg.
Wie viel ein Arzt verdient, hängt längst nicht nur davon ab, wie gut er behandelt oder wie viele Patienten er hat. Der Praxisort allein kann zu finanziellen Nachteilen führen. Der Grund: In Kleinstaaten-Manier ist in jedem Bundesland einzeln festgelegt, wie viel Geld ein Kassenarzt an einer Behandlung verdienen darf. Mal abgesehen von der enormen und teuren Bürokratie, die eine solche Regelungswut kostet – derartige Ungerechtigkeiten schüren auch den Frust der Ärzte.
Dabei geht es manchmal um geradezu lächerliche Summen. Der Berliner Hausarzt Dr. Hans-Peter Hoffert bekam für einen Patienten, der im Spätsommer 2006 mit einer Erkältung zu ihm kam, etwa 3,90 Euro. In anderen Branchen ein Witz, der aus der Portokasse bestritten wird. Doch der Spaß hört auf, wenn es dann auch noch ungerecht zugeht: Hofferts Kollegen in Nordrhein erhielten im Schnitt 4,85 Euro pro Patient – rund einen Euro mehr. Auch das sind anderswo Peanuts. Doch im Laufe eines Quartals läppert es sich zusammen.
„Da blickt man manchmal etwas neidisch auf die Kollegen“, seufzt Hoffert. „Wir machen schließlich alle das Gleiche.“ Doch es geht nicht nur ums Geld. Der Frust der Ärzte sitzt tiefer. Es nagt auch am Selbstwertgefühl, quasi als „Billig-Arzt“ für die gleiche Arbeit weniger zu verdienen. Als ob ein Berliner Mediziner und die Gesundheit seiner Patienten weniger wert wären als ihre Kölner Pendants.
Die Leidtragenden sind auf Dauer die Patienten: In manchen Bundesländern fehlen Ärzte, weil dort kaum noch junge Mediziner eine Praxis eröffnen wollen. „Wir glauben alle, dass das sehr viel mit den Honorarunterschieden zu tun hat“, sagt der Brandenburger Allgemeinmediziner Dr. Werner Hessel. Rings um den Ort Beeskow, in dem seine Praxis liegt, seien fünf Augenarztpraxen unbesetzt.
„Unser Augenarzt am Ort betreut jetzt Patienten, die von 50 km im Umkreis kommen“, berichtet Hessel. „Er hat nur noch einen Anrufbeantworter laufen, weil er das alles nicht mehr schafft.“ Termine könnten die Patienten nur noch mittags zwischen ein und zwei Uhr oder direkt in der Praxis vereinbaren. Termine für 2007 gebe es zur Zeit gar nicht mehr. „Das ist ein richtiger Krieg zwischen Patienten und Praxis, weil die Mitarbeiter dort einfach nicht mehr können“, bedauert der Hausarzt.
Hessel hat Verständnis dafür, dass immer weniger junge Ärzte nach Brandenburg kommen: Sie sähen, dass es im Osten mehr Patienten, aber 25 Prozent weniger Honorar gebe. „Das ist wirklich so, das ist nicht nur Stöhnerei“, betont er. Mittlerweile lockt sogar die Kassenärztliche Vereinigung – sie verhandelt mit den Kassen über die Honorare und verteilt das Geld unter den Ärzten – mit Umsatzgarantien für Praxisgründer. Trotzdem sind in Brandenburg 173 Haus- und 20 Facharztpraxen unbesetzt.
Die unterschiedlichen Honorare sind kein Zufall. Das Gesetz schreibt die Kleinstaaterei im Gesundheitswesen sogar vor. Anstatt einheitliche Honorare für ganz Deutschland festzulegen, müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen in jedem Bundesland einzeln mit den Kassen verhandeln. Doch die Bevormundung geht noch weiter: Das Gesetz bestimmt auch, wie stark die Honorare steigen dürfen. Und schreibt damit die schon jetzt bestehenden Unterschiede für die Zukunft fest.
Vertretern von Ärzten und Kassen lässt das Gesetz damit nur noch einen engen Spielraum für ihre Honorarverhandlungen. Als seien das keine erwachsenen Menschen, die selbst Verantwortung übernehmen können. Eine alberne Vorstellung, die aber ins Bild passt. Denn Ärzte werden zunächst auch nicht in echtem Geld bezahlt. Wie im Kaufmannsladen der Kindheit gibt es so etwas wie Spielgeld als Ersatz: Punkte, die sich die Ärzte für ihre Arbeit aufschreiben dürfen. Einmal im Quartal rechnen die Kassenärztlichen Vereinigungen diese Punkte in Euro um. Wie bei dem Kinderspiel sollen so am Ende alle etwas abbekommen. Doch die Gerechtigkeit bleibt dabei trotzdem auf der Strecke. |
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| Behandlungen im Vergleich |
Hausarzt
Erster Besuch im Quartal* |
| Bayern |
5,40 € |
| Berlin |
3,90 € |
| Brandenburg |
4,75 € |
| Hamburg |
4,40 € |
| Nordrhein |
4,85 € |
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Augenarzt
Behandlung einer Bindehautentzündung |
| Bayern |
12,25 € |
| Berlin |
12,85 € |
| Brandenburg |
11,70 € |
| Hamburg |
13,21 € |
| Nordrhein |
13,65 € |
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Orthopäde
Röntgen des Handgelenkes |
| Bayern |
8,20 € |
| Berlin |
13,40 € ** |
| Brandenburg |
8,75 € |
| Hamburg |
11,85 € |
| Nordrhein |
10,00 € |
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| * Nur Ordinationskomplex |
** Beispielpraxis. Es ist davon auszugehen, dass die meisten anderen Praxen weniger erhalten.
Quelle: Kassenärztliche Vereinigung, Beispielpraxen, eigene Berechnungen. Durchschnittswerte des Quartals III/2006 bei einzelnen Praxen kann es deutliche Abweichungen gaben. |
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