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Niedersachsen: Kieferorthopäden machen Schluss

Ganz Deutschland ist Kassenarztland. Ganz Deutschland? Nein! In Niedersachsen leistete eine kleine Medizinertruppe Widerstand gegen überbordende Bürokratie, Sparmedizin und Qualitätsverlust durch handwerklich fehlerhafte Reformen. Dies ist die Geschichte einer Truppe Kieferorthopäden, die keine Kassenärzte mehr sein wollten – und Politikern und Krankenkassen das Zähneklappern beibrachten.

2004 lief das Fass über. Die damalige Gesundheitsreform und eine neue Honorarordnung sorgten dafür, dass Niedersachsens Kieferorthopäden das Geld zur Arbeit hätten mitbringen müssen. Jede Zahnspange ein Minusgeschäft, die Materialkosten dafür wären höher gewesen als das gesamte Behandlungssalär. Der Frust der Spezialisten war schon vor der Honorarreform groß: Sparmedizin, überbordende Bürokratie und immer schlechtere Bezahlung hatten ihnen über Jahre die Freude am Job vergällt.

„Die Reform war wie eine rote Ampel“, erinnert sich die Vorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Kieferorthopäden, Dr. Gundi Mindermann. Sie gab damals ihre Kassenzulassung zurück – und mit ihr rund 70 Fachkollegen. Prompt glühten bei den gesetzlichen Krankenkassen die Telefondrähte. „Wo kann ich mich jetzt noch behandeln lassen“, sorgten sich immer mehr Patienten. Die Kassen reagierten nervös: In einer eilig einberufenen Pressekonferenz beteuerten sie, die Situation voll im Griff zu haben und gaben sich betont gelassen: Würden die aufmüpfigen Mediziner nicht schleunigst beidrehen, sähe man sich gezwungen, als Ersatz Fachkollegen aus Osteuropa anzuheuern. Betroffene Patienten sollten jedenfalls ab sofort die meuternden Mediziner meiden – so hofften die Krankenkassen, den Widerstand der Mediziner zu brechen.

Auch die Politik zeigte sich alarmiert. Zu offenkundig war die Gefahr eines Flächenbrandes, bei dem sich auch Mediziner aus anderen Bundesländern und anderen Fachgruppen gegen die tägliche Misere zur Wehr setzen würden. Im Nachrichten-magazin „Der Spiegel“ schlugen Ursula von der Leyen, damals noch niedersächsische Sozialministerin, und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt unisono vor, Kieferorthopäden aus Polen und Ungarn nach Deutschland zu holen.

Doch die niedersächsischen Mediziner zeigten sich weiter unbeeindruckt: „Vielleicht könnten Schmidt und von der Leyen bei ihrer Einkaufstour im Osten gleich ein paar kompetente Sozial- und Gesundheitspolitiker mitbestellen“, ätzte Dr. Ulrich Keck, Vizevorsitzender des Freien Verbandes Deutscher Zahnärzte in Niedersachsen beiden Damen hinterher. Die Gelassenheit der Ärzte hatte wohl ihre Berechtigung. Denn trotz intensiver Suche jenseits deutscher Grenzen fanden die Kassen keinen Mediziner, der sich auf den täglichen Irrsinn eines deutschen Kassenarztes einlassen wollte. Der einzige, der tatsächlich kam, hatte schon bald die Nase voll vom deutschen Gesundheitswesen und zog weiter in die Schweiz.

Heute herrscht in Niedersachsen eine Art Waffenstillstand: Die Mediziner machen wie gewohnt ihre Arbeit und die Patienten bekommen ihre Behandlung. Die Kassen zahlen direkt an die Ärzte. Hinter den Kulissen tobt der Kampf aber weiter. Wie es endgültig weitergeht, entscheiden irgendwann die Gerichte.

Mi, 25.04.2007 13:52 / na Druckversion Mail Zurück Weiter

 

 

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