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Bei Beschwerden zuerst zum Hausarzt. Für viele ist das ohnehin selbstverständlich. Dennoch will die Gesundheitspolitik die Rolle des Hausarztes als Lotse seines Patienten noch weiter stärken. Deshalb müssen seit einiger Zeit alle Krankenkassen sogenannte Hausarztmodelle anbieten und locken ihre Versicherten mit Vergünstigungen. Diese sind aber nicht für jeden gleich gut geeignet – ein kritischer Blick lohnt.
Wolfgang L. hat ein unregelmäßiges Muttermal auf seinem Arm entdeckt. Anstatt wie früher direkt zu seinem Hautarzt zu gehen, holt sich der Handwerker erst einmal einen Termin bei seinem Hausarzt. Dieser wird ihn untersuchen und nur dann den Spezialisten hinzuziehen, wenn er es für nötig hält. Der Grund dafür: Wolfgang L. ist einer von über drei Millionen Deutschen, die sich in ein Hausarztmodell der gesetzlichen Kassen eingeschrieben haben. Mindestens ein Jahr lang muss er nun immer zuerst zum Hausarzt gehen, wenn ihm etwas fehlt.
Im Gegenzug spart Wolfgang L. 30 Euro im Jahr. Denn statt der 40 Euro Praxisgebühr zahlt er nur 10 – vorausgesetzt, er hält sich an die Abmachungen. Will er aber doch einmal direkt zu einem Facharzt gehen, muss er die übliche Praxisgebühr zahlen, der Spareffekt entfällt. Schlimmstenfalls droht sogar der Rausschmiss aus dem Hausarztmodell.
Kassen locken mit Boni und Sachprämien
Knapp 30 verschiedene Krankenkassen in Deutschland bieten mittlerweile Hausarztmodelle an – zu unterschiedlichen Bedingungen. Einige locken ihre Versicherten mit einem Bonus oder Sachprämien, andere erlassen ihnen bis zu 40 Euro Praxisgebühr im Jahr. Allen gemein ist: Sie als Patient verpflichten sich in der Regel für ein ganzes Jahr, mit allen Beschwerden außer im Notfall immer zuerst zu Ihrem Hausarzt zu gehen. Er soll eine Art Lotse sein, der die erste Diagnose stellt, die Behandlung plant und den Überblick über Ihre Krankheitsgeschichte behält. Nur wenn er es für richtig hält, darf er Sie an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus überweisen. Bei Frauen- und Augenärzten machen manche Kassen allerdings eine Ausnahme.
„Doppelte Rennerei“, urteilt Herbert M. knapp. Der Informatiker will sich seinen Arzt nicht vorschreiben lassen. „Wenn ich Ohrenschmerzen habe, gehe ich lieber gleich zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Er hat viel mehr Möglichkeiten, mich zu untersuchen. Früher oder später würde mich der Hausarzt wahrscheinlich eh dorthin schicken, und die Zeit kann ich mir sparen“, meint der 54-Jährige und verzichtet lieber auf die 30 Euro im Jahr.
Auch unter Ärzten sind die Hausarztmodelle umstritten: Vor allem Fachärzte fürchten, dass ihre hausärztlichen Kollegen sich überschätzen und Patienten zu spät zum Spezialisten überweisen könnten. „Anhaltende Blasenbeschwerden etwa muss der Fachmann untersuchen. Da kann auch einmal etwas Ernstes dahinterstecken“, warnen Urologen. Und auch der Allgemeinmediziner Ekkehard Ruebsam-Simon mahnt: „Eine schwere Verletzung gehört sofort zum Chirurgen und nicht zum Hausarzt-Lotsen.“
Das sehen manche seiner Fachkollegen ganz anders. Sie sind sich sicher, dass Hausarztmodelle unnötige Untersuchungen ersparen können. Ihre Argumentation: Manchmal stecke beispielsweise hinter einem Rückenschmerz eine orthopädische Erkrankung, manchmal aber auch ein Magengeschwür. Der Hausarzt könne zunächst die genaue Ursache herausfinden und dann erst zum entsprechenden Facharzt überweisen. Das erspare allen Beteiligten viel Zeit und Geld.
Auch der oberfränkische Allgemeinmediziner Dr. Joachim Mörsdorf ist überzeugt, dass seine Patienten von den Hausarztmodellen profitieren. „Wenn beispielsweise ein Radiologe ein Röntgenbild macht, bekomme ich kurz darauf den Befund. Und wenn der Kardiologe ein Herzmedikament verschreibt, erfahre ich das selbstverständlich auch. Dadurch habe ich einen viel besseren Überblick über die Krankengeschichte meiner Patienten“, freut sich Mörsdorf.
Ärzte fürchten um ihre Therapiefreiheit
Aber selbst die Hausärzte sind nicht alle von Hausarztmodellen begeistert: Die über 20 Allgemeinmediziner im niedersächsischen Bramsche beispielsweise sehen ihre Therapiefreiheit massiv gefährdet und boykottieren die Verträge geschlossen. Der Grund: „Mit vielen Hausarztverträgen verpflichten sich die Ärzte, nur noch besonders preiswerte Arzneimittel zu verschreiben oder in bestimmte Krankenhäuser zu überweisen“, erzählt Dr. Paul Krause. „Die Hausarztverträge zielen einzig und allein darauf ab, dass Krankenkassen und Regierung immer mehr Einfluss auf die Praxen und die Behandlung der Ärzte bekommen“, warnt er eindringlich.
Eine Gefahr sieht Krause auch darin, dass die Krankenkassen bei manchen Hausarztmodellen möglicherweise Zugriff auf die persönlichen und medizinischen Daten der Patienten bekommen könnten. „Bei einigen Verträgen müssen die Patienten sogar zustimmen, dass sie nur noch eine Apotheke aufsuchen, die alle Kaufdaten speichert. Auch wenn Sie dort Mittel gegen Haarausfall oder Impotenz kaufen, notiert die Apotheke diese Daten“, empört sich Krause. „Wir wissen nicht, wer in Zukunft alles Zugriff auf diese Daten haben könnte“, betont er. Weil die Hausarztmodelle aus seiner Sicht nur Gefahren bergen, verzichtet Krause lieber auf das Extrahonorar, das die Hausärzte pro eingeschriebenen Patienten bekommen.
Ob die Hausarztmodelle sparen, ist umstritten
Die Krankenkassen versprechen sich von Hausarztmodellen eine bessere Behandlung und wollen gleichzeitig Geld sparen. Einige fordern von den teilnehmenden Hausärzten regelmäßige Fortbildungen, andere versprechen den Patienten kürzere Wartezeiten. Einsparungen erhoffen sie sich zum Beispiel dadurch, dass die Ärzte nur noch besonders preiswerte Medikamente verordnen und Doppeluntersuchungen vermeiden.
Ob diese Rechnung aufgeht, ist allerdings umstritten: „Bisher hat keiner bewiesen, dass Hausarztmodelle wirklich die Qualität verbessern und die Kosten senken“, sagt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem in der Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“. Zudem gingen bis zu 90 Prozent der Patienten ohnehin zuerst zum Hausarzt, weiß Allgemeinmediziner Ruebsam-Simon. Er bezeichnet die Angebote der Kassen deshalb als Mogelpackung, die den Ärzten nichts als zusätzliche Arbeit bringe: „Das ganze Projekt erstickt in Bürokratie und Papierarbeit. Das ist Zeit, die letztlich den Patienten verloren geht“, moniert er.
Kritiker vermuten, dass die Kassen mit ihren Hausarztprogrammen eigentlich ganz andere Ziele verfolgen: Einige Kassen drängen die Hausärzte, ihre Patienten auch noch für sogenannte „Disease-Management-Programme“ zu erwärmen. Das sind bestimmte Behandlungskonzepte für chronisch Kranke. Der Clou für die Krankenkassen: Für jeden Versicherten, der sich in ein solches Programm einschreibt, erhält die Krankenkasse aus einem riesigen Finanztopf bis zu 5.000 Euro pro Jahr extra.
Hausarztmodell ja oder nein: Bevor Sie sich entscheiden, sollten Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt sprechen. Macht er überhaupt bei dem Hausarztmodell Ihrer Kasse mit? Falls nicht, sollten Sie es sich gut überlegen, ob Sie nur wegen 30 Euro im Jahr den Arzt wechseln, dem Sie vielleicht schon viele Jahre vertrauen.
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Kontrovers diskutiert: Hausarztmodelle, ja oder nein? |
| Kontrovers diskutiert: Hausarztmodelle, ja oder nein? |
Dr. Paul Krause
Allgemeinmediziner aus Bramsche
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durchblick: Werde ich im Hausarztmodell besser versorgt?
Krause: Nein. Wir arbeiten schon jetzt eng mit den Fachärzten zusammen und stimmen uns miteinander ab. Deshalb geht die ganze Diskussion um den Hausarzt als Lotsen am Thema vorbei. Sie verschleiert nur, dass die Kassen immer mehr Einflussmöglichkeiten auf die Entscheidungsfreiheit der Ärzte und die Daten der Patienten bekommen möchten. Sie wollen sich einen „willigen Hausarzt“ züchten, der die Patienten nach ihren Vorgaben behandelt. Deshalb sind diese Hausarztmodelle für mich reine Bestechungsversuche.
Mörsdorf: Ja, die Patienten profitieren davon, dass ich den Überblick über ihre Krankenakte habe: Ich kontrolliere sämtliche Befunde, stimme die Behandlung mit den fachärztlichen Kollegen ab und vermeide, dass Patienten Medikamente einnehmen, die sich nicht miteinander vertragen.
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Dr. Joachim
Mörsdorf
Allgemeinmediziner aus Pretzfeld
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durchblick: Welche Nachteile habe ich im Hausarztmodell?
Krause: Das Problem für den Patienten ist nicht, dass er zuerst zum Hausarzt gehen muss. Es liegt vielmehr darin, dass er sich für die Dauer des Vertrages auf einen Hausarzt festlegen muss. Ein Wechsel zu einem anderen Hausarzt wird durch bürokratische Hürden sehr erschwert. Außerdem verlieren die Patienten das Recht, im Zweifel eine zweite Arztmeinung einzuholen. Insgesamt ist die freie Arztwahl des Patienten also massiv eingeschränkt.
Mörsdorf: Sie verzichten darauf, direkt zu einem Facharzt zu gehen. Für die meisten Patienten ist das aber überhaupt kein Problem. Sie gehen zuerst zum Hausarzt und bekommen dann eine Überweisung. Der Patient hat damit also auch weiterhin die freie Wahl, zu welchem Facharzt er geht.
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