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| Pharmapreise: Deutschlands bittere Pille |
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Die Arzneimittelhersteller lassen sich von den Krankenkassen gut bezahlen: In kaum einem anderen Land sind die Medikamentenpreise so hoch wie in Deutschland. Branchenkenner preisen Deutschland als wahres Pharmaparadies. Leidtragende sind die gesetzlich Versicherten. Das florierende Geschäft mit Pillen und Salben treibt die Beitragssätze in die Höhe.
Auch im vergangenen Jahr sind die Arzneimittelausgaben wieder einmal gestiegen. 400 Millionen Euro mehr als im Vorjahr mussten die gesetzlichen Kassen dafür berappen. Insgesamt belaufen sich die Kosten jährlich nun auf rund 25 Milliarden Euro, haben die Betriebskrankenkassen ausgerechnet. Im Jahre 2005 strich davon rund 15,5 Milliarden Euro die Pharmaindustrie ein, der Rest ging unter anderem an Apotheken und Großhändler, hat der Bundesverband der Apotheker ausgerechnet.
Damit müssen die Kassen inzwischen fast genauso viel für Pillen, Salben & Co bezahlen wie für die eigentliche ärztliche Versorgung. Was kaum jemand weiß: Auch Vater Staat verdient prächtig mit: In Deutschland gilt für Arzneimittel der volle Mehrwertsteuersatz. Das spült jährlich 3,5 Milliarden Euro in die Staatskasse – Gelder, die letztlich aus den Beiträgen der gesetzlich Versicherten stammen. So viel Mehrwertsteuer kassiert kaum ein anderes Land.
Die englischen Arzneimittelpreise beispielsweise lassen die Mitarbeiter deutscher Krankenkassen vor Neid erblassen. Lediglich 2,13 Euro kostet dort eine kleine Packung des Medikaments Simvastatin, das gegen zu hohe Cholesterinwerte hilft. In Deutschland kostet sie mit 20,95 Euro fast das Zehnfache. In Schweden ist das gleiche Medikament zu einem Viertel des deutschen Preises zu haben.
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Das beobachtet auch der Pharmakologe Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen mit Sorge. Die Politik mache es den Firmen hierzulande zu leicht, die eigenen Preisvorstellungen durchzusetzen, kritisiert er. Für die Arzneihersteller sei Deutschland sogar doppelt interessant: „Der deutsche Pharmamarkt ist der drittgrößte weltweit und er ist der Markt mit den wenigsten Zugangsbarrieren.“ In anderen Ländern würden die Regierungen erst einmal mit den Herstellern über die Preise von Medikamenten verhandelten, bevor sie auf den Markt kommen.
Hierzulande bestimme allein der Hersteller den Preis eines neuen Medikamentes. Je höher dieser sei, umso besser auch für das Auslandsgeschäft: Anderen Ländern diene der deutschen Preis oft als Verhandlungsgrundlage. Trotzdem werde er dann häufig deutlich unterschritten.
Das deutsche System ist für die Pharmaindustrie auch aus einem anderen Grund ein Eldorado, weiß Professor Harald Schweim von der Universität Bonn: „Für die Pharmafirmen ist es immer eine sichere Bank, wenn die deutschen Krankenkassen die Kosten für ihr Arzneimittel übernehmen. Dann ist die Bezahlung sichergestellt. Das gibt es sonst in keinem Land in dieser Form“, betont der Pharmaexperte. In vielen anderen Staaten müssten die Patienten die Medikamente ganz oder teilweise bezahlen, was für die Firmen immer ein Unsicherheitsfaktor sei.
Trotz explodierender Arzneimittelkosten traue sich die Politik an die Pharmaunternehmen selbst leider kaum heran, kritisiert Pharmakologe Glaeske. Den Grund dafür glaubt er zu kennen: „Die Pharmaindustrie ist meiner Meinung nach sehr mächtig und einflussreich.“ Einige Politiker hätten sogar bei wichtigen Verhandlungen aus Stellungnahmen der Arzneimittelfirmen vorgelesen und sich nicht gescheut, dies als eigene Meinung zu verkaufen. Auch sei die Pharmaindustrie ein wichtiger Wirtschaftszweig mit vielen Beschäftigten. „Da wird Druck aufgebaut. Wenn die Regulationen zu heftig werden, heißt es: ‚Wir verlagern unsere Produktion ins Ausland.‘ Vielleicht nur eine Drohgebärde – aber die Politik wird unsicher und weicht einen Schritt zurück“, berichtet Glaeske.
In der Diskussion um die hohen Pharmapreise verteidigen die Arzneimittelhersteller ihre Preispolitik stets mit dem Hinweis auf hohe Forschungs- und Entwicklungskosten für neue Medikamente. Diese Kosten müssten sich die Unternehmen schließlich wiederholen. Richtig ist, dass in Deutschland rund 14.500 Mitarbeiter der Pharmaindustrie in Forschung und Entwicklung tätig sind. Von den rund 23,7 Milliarden Euro Umsatz investierte die Branche rund vier Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung.
Insgesamt stehen aber mehr als 114.200 Menschen bei der Pharmaindustrie in Lohn und Brot, also arbeitet nur jeder Zehnte von ihnen wirklich an der Erforschung neuer Medikamente. Der Rest ist mit Marketing, Vertrieb und Werbung beschäftigt. Trotzdem betonen
die Medikamentenhersteller immer wieder, Opfer der Politik zu sein. Die strenge deutsche Gesetzgebung führe zu erschwerten Bedingungen – und mache die Forschungsarbeit hierzulande kaum noch lukrativ.
„Die Pharmaindustrie will nur allzu gerne von eigenem Versagen ablenken“, wischt der bayerische Kassenarztchef Dr. Axel Munte das Argument von Tisch. Seiner Meinung nach hätten es die Pharmahersteller versäumt, rechtzeitig in Forschung und Entwicklung zu investieren, und lieber ihre Werbeabteilungen vergrößert. So kämen keine oder nur noch sehr wenige echte neue Medikamente auf den Markt, bemängelt Munte die Zahlen. Ärzteschaft, Krankenkassen und Politik müssten daher gemeinsam mit den Pharmafirmen Regelungen finden, um Milliarden bei den Werbeausgaben einzusparen, „sodass die Preise reduziert und die Forschungen für echte Innovationen intensiviert werden kann.“
Während die Pharmaindustrie nach Meinung von Experten weitgehend ungeschoren bleibt, versucht die Politik, die explodierenden Arzneimittelausgaben durch neue Gesetze in den Griff zu bekommen.
Straf- und Bonuszahlungen sollen beispielsweise Ärzte zu einer günstigeren Verordnungsweise zwingen und sie so zur Stellschraube für die Arzneimittelausgaben machen. Doch die Mediziner achten seit Jahren auf die Preise der von ihnen verordneten Medikamente. Da gibt es nichts mehr zu sparen, stöhnen sie. Könnten sie zu den Preisen verordnen, die die Medikamente im europäischen Ausland kosten, gäbe es keine Probleme mehr. Und: Müssten die Krankenkassen nicht die Profit-Milliarden für Medikamente schultern, müssten sie vielleicht auch nicht bei den Leistungen für ihre Versicherten knausern, wie etwa bei der Krankengymnastik.
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